Corona

Corona im Kreis Olpe: Eventbranche will Gleichberechtigung

Uli Schulte, Chef der Firma BASSTA Event Technologies in Attendorn.

Uli Schulte, Chef der Firma BASSTA Event Technologies in Attendorn.

Foto: Josef Schmidt / WP

Kreis Olpe.  Die Event-Unternehmen trifft Corona besonders hart. Auch im Kreis Olpe. Ulrich Schulte (Bassta Event Technologies) spricht offene Worte.

Die Lockdowns im Zuge der Corona-Pandemie treffen viele Branchen ins wirtschaftliche Herz, die Event-Unternehmen auch im Kreis Olpe sind aber wohl diejenigen, die durch den Wegfall der Veranstaltungen besonders um die Existenz kämpfen müssen. Ulrich Schulte aus Attendorn ist ein alter Hase im Veranstaltungsgeschäft und mit seiner Firma Bassta Event Technologies in und rund um Südwestfalen unterwegs. Im Interview erzählt er, was ihm auf der Seele brennt.

Frage: Herr Schulte, wie lange sind Sie eigentlich schon in der Branche?

Ulrich Schulte : Angefangen habe ich mit meinem besten Freund im Nebenerwerb. Wir haben hobbymäßig Lautsprecher gebaut, das war etwa Anfang der 80er.

Wie alt waren Sie da?

16. Eine Zeit, in der wir die ersten großen Konzerte besucht haben. Die Technik hat uns begeistert und wir haben begonnen, manches technische Gerät selbstzubauen. Dann haben wir uns in Südwestfalen und insbesondere im Kreis Olpe Stück für Stück den Markt erobert und praktisch selbst geschaffen.

Wie?

Wir haben Vereine überredet, selbst Events wie Discos oder kleine Konzerte zu organisieren, die wir dann technisch ausstatten konnten. Das war für beide Seiten gut. Wir sammelten technische Erfahrung, und die Vereine hatten eine für sie wichtige Einnahmequelle.

Welches waren die größten Events, die Sie in Ihrer langen Laufbahn begleitet haben?

Beispielsweise haben wir den WDR bei seiner Aktion ,WDR2 für eine Stadt’ begleitet. Das war von der Besucherzahl ziemlich groß. Im Industriebereich, wo unser technischer Aufwand noch größer ist, waren es unter anderem 100-Jahr-Feiern von größeren Unternehmen, insbesondere bei Muhr & Bender, das waren für uns schon richtige Herausforderungen, da wir das gesamte Projekt über zwei Wochen hinweg von A bis Z begleitet haben.

Die Eventbranche ist von der Corona-Pandemie hart getroffen. Wie haben Sie während der vergangenen Monate, seit Mitte März, ihr Unternehmen darauf eingestellt?

Unser Umsatzeinbruch ist fatal, wie bei vielen anderen auch. Wir brauchen für Gegenmaßnahmen die staatlichen Hilfen wie die Kurzarbeit, Überbrückungshilfen und ähnliches. Zudem versuchen wir, Kosten zu sparen, wo es eben geht, neue Ideen umzusetzen und Märkte zu generieren.

Können Sie Beispiele nennen?

Streamingangebote gehören dazu. Wir verwandeln Veranstaltungen mit mehreren Kameras und Mikros in virtuelle Events, zeichnen auf oder senden live direkt ins Internet, auf Youtube zum Beispiel, wo Interessierte entweder in geschlossenem Kreis oder offen für jeden die Veranstaltung verfolgen können. Zuletzt haben wir mit Rüsche Catering einen Online-Kochkurs entwickelt, der über ein Videokonferenztool übertragen wird und wo die Gäste Zuhause direkt mitkochen. Des Weiteren haben wir für Office & Friends den bundesweiten Digitaltag übertragen. Auch den örtlichen Kirchengemeinden helfen wir mit Live-Übertragungen. Das beinhaltet Kamera- und Audiotechnik, Regie- und Streamingtechnik.

Sind Sie von der Politik enttäuscht?

Wenn ich Bilanz ziehe, ja. Zu Beginn der Krise noch nicht, weil es mit der Soforthilfe sehr schnell ging. Und die Politik ist natürlich nicht in der Lage, alle Verluste bei allen Unternehmen auszugleichen. Und es gab die Möglichkeit, vereinfacht Kurzarbeit zu beantragen. Wenn man bedenkt, dass die Situation neu war, konnte man nicht drüber meckern. Aber als es dann um die zweite Überbrückungshilfe ging, wurde es problematisch. Erst einmal gab es ein relativ kompliziertes Antragsverfahren. Ich musste einen Steuerberater einschalten, es waren viele kleine bürokratische Hürden zu beachten. Und am Ende wird doch nur ein Bruchteil der Kosten und keinerlei Einnahmeverluste ersetzt.

Wann betraf Sie das?

Das war die Überbrückungshilfe, die von Juni bis August lief. Jetzt gibt es eine weitere, von September bis Dezember, gerade erst freigeschaltet. Das Programm ist ähnlich, aber man bekommt etwas höhere Förderbeträge.

Woran hakt es dann?

Man darf nicht vergessen: Die Hauptkosten der Unternehmen aus der Veranstaltungsbranche, die eigenes Material haben, die Hallen mieten oder selbst unterhalten müssen, sind Abschreibungen oder Zins- und Kredittilgung. Das sind auch bei mir die Hauptkostenfaktoren. Und dafür gibt es bisher null Euro.

Wie viel Prozent werden Sie 2020 vom normalen Umsatz machen?

Von Januar bis Oktober gerechnet, liege ich bei knapp 19 Prozent.

Also vier Fünftel sind weggebrochen.

Das habe ich kürzlich noch genau nachgerechnet, als es um Fragen für die Novemberhilfe ging. Ein neues Programm, bei dem man 80 Prozent Umsatzausfall nachweisen muss. Dennoch fallen wir nicht in dieses Programm.

Warum nicht?

Das erhalten momentan nur die geschlossenen Betriebe, Theater, Hotels, Gastronomie etc., und davon vollständig abhängige Betriebe.

Also die, die gar nichts machen dürfen?

Ein bisschen dürfen sie ja. Hotels können Geschäftsgäste beherbergen, die Gastronomie kann außer Haus verkaufen. Was mich am meisten stört, ist, dass nicht alle gleich behandelt werden.

Was meinen Sie konkret?

Man sollte hergehen und sagen: Okay, wir haben Corona, und es gibt Umsatzausfälle. Wie hoch sind die und ist Corona die Ursache dafür? Und wenn ein Betrieb die Fragen mit Ja beantworten kann, müssten alle Unternehmen gleich gestützt und gefördert werden.

Haben die Hilfsprogramme noch andere Schwächen?

Ja, es gibt eine starke Abstufung. Wenn ein Unternehmen beispielsweise beim Umsatz einen Prozent zu viel hat, dann bekommt es eine Hilfestufe nicht mehr, und es bricht viel Geld weg, so dass Unternehmen anfangen, zu überlegen: Soll ich den Auftrag jetzt überhaupt annehmen, weil das förderschädlich sein könnte und es fehlen mir plötzlich 5000 Euro? Das kann nicht der richtige Weg sein.

Was wünschen Sie sich von der Politik?

Die Förderungen sollten sich danach richten, wie viel Geld braucht der Betrieb, um weiter zu existieren. Alle, auch die Solo-Selbstständigen, sollten gleich behandelt werden. Und es müsste sich lohnen, Umsatz zu machen, trotz Corona. Es darf nicht sein, dass mehr Umsatz zu weniger Geld führt.

Wie viele Leute haben Sie noch beschäftigt?

Im Moment nur noch vier. Einen neuen Mitarbeiter hat Corona besonders getroffen. Er wurde im März neu eingestellt, hat zwei Wochen gearbeitet, dann kam der Lockdown. Er hatte seine vorherige Existenz aufgegeben, ist nach Attendorn umgezogen. Für den ist die Situation wirklich bitter.

Wie lange hält Ihre Branche das noch durch?

Schwer vorauszusagen. Alle versuchen etwas Neues und halten sich mit irgendwelchen Sachen über Wasser, machen sich möglichst klein. Wenn es die staatlichen Hilfen nicht geben würde, hätten viele neue Kredite aufnehmen müssen, um weitermachen zu können.

Wird es bei den Event-Unternehmen in 2021 eine Insolvenzwelle geben?

Ich vermute, ja. Ich kann mir nicht vorstellen, dass den jetzt andauernden Zustand alle durchhalten können. Ich habe auch Reserven aufgebraucht. Die sind in das Unternehmen geflossen, weil ich dieses Lebensprojekt und auch die Mitarbeiter nicht einfach aufgeben möchte.

Ab wann müssten Großevents wieder möglich sein?

Wenn das tief ins nächste Jahr reingeht, werden viele Unternehmen wegbrechen. Es müssen ja nicht direkt die ganz großen Veranstaltungen sein, aber es müsste wenigstens Schritt für Schritt eine Perspektive geben.

Ist die Impfung für Sie der große Hoffnungsträger?

Ja und Nein. Natürlich haben alle auf diesen Impfstoff gehofft. Ich hoffe auch immer noch darauf, dass sich damit etwas Positives bewegt. Aber es kommen aus der Politik schon Dämpfer nach dem Motto: ,Denkt nicht, dass dann alles vorbei ist.’ Ich fürchte, es wird eine sich lange hinziehende Phase der Impfung kommen.

Sind Sie in irgendeiner Form selbst von Corona betroffen?

Ja, ich habe in der Verwandtschaft Menschen mit teilweise erheblicher Vorerkrankung, und ich passe auf, trage Maske und so weiter.

Ihr Schlusswort

Die staatlichen Hilfen sollten für alle vergleichbar sein. Unterschiedliche Hilfen, die schwer zu begründen sind, sorgen für Frustration und Protest. Unsere Branche ist im Prinzip seit acht Monaten im Lockdown und erhält tröpfchenweise nur so viel, dass sie nicht sofort verendet. Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass Kranken- und Altenpfleger einen Extrabonus bekommen sollten. Denn die müssen direkt mitten in der Pandemie kämpfen.

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