Kulturverein

Attendorner Gaststätte ein willkommenes Zuhause für Kurden

Sie sind unverzichtbar: Die Frauen des kurdischen Kulturvereins versorgen die Gäste beim Familienfest mit kurdischen Spezialitäten.

Foto: martin droste

Sie sind unverzichtbar: Die Frauen des kurdischen Kulturvereins versorgen die Gäste beim Familienfest mit kurdischen Spezialitäten.

Attendorn/Ennest.   Im ehemaligen Haus Vogt in Ennest hat der kurdische Kulturverein Attendorn längst sein Zuhause gefunden. Renovierung kostet viele Arbeitsstunden.

In Ennest gab es vor vielen Jahren noch sieben Gastwirtschaften, erinnern sich die Älteren. Eine davon war die Gaststätte Vogt, mitten im Ort und in Nachbarschaft zur katholischen Kirche St. Margaretha. Inzwischen sind alle Kneipen geschlossen, im ehemaligen Haus Vogt ist 2012 der kurdische Kulturverein Attendorn eingezogen. Wo früher an der Theke Pils und Schnaps ausgeschenkt wurden, werden heute Kaffee und Theke gereicht. Am Wochenende feierte die kurdische Gemeinde hier und auf dem Dorfplatz ihr Familienfest.

Alles selber gemacht

Die alte Gaststätte ist nicht mehr wiederzuerkennen. In unzähligen Arbeitsstunden haben der Vorsitzende Osman Nuri Zorbozan und die Helfer das Gebäude innen und außen renoviert. „Wir haben alles selber gemacht, viele Mitglieder haben geholfen“, ist Vorstandsmitglied Halim Taskan stolz auf das, was der kleine Verein mit seinen rund 100 Mitgliedern geschafft hat.

Für unsere Zeitung nehmen sich Zorbozan und Kassierer Taskan Zeit und führen durch das ortsprägende Gebäude neben dem Kreisel. „Die Tür steht jederzeit offen. Jeder darf in den Betraum“, sagen die beiden Verantwortlichen vom kurdischen Kulturverein. Oben befindet sich die Moschee – eher ein Gebetsraum, wo der Hodscha fünfmal am Tag zum Gebet ruft. Unten sind eine Küche und Räume für kulturelle Veranstaltungen. Wenn ein Mitglied der kurdischen Gemeinde stirbt, treffen sich hier die Angehörigen.

Gebet in getrennten Räumen

Gebetet wird oben in getrennten Räumen: hier die Männer und dort die Frauen. Eine Etage darunter sieht das ganz anders aus. „Ohne uns Frauen geht gar nichts“, lacht Neval Güler. Nicht nur in der Küche. Die 17-jährige Schülerin trägt ein Kopftuch, macht einen selbstbewussten und emanzipierten Eindruck. „Das mache ich freiwillig“, hat sie sich aus religiösen Gründen für das Kopftuch entschieden. Güler lebt gerne in Deutschland und genießt wie der Vorsitzende Osman Nuri Zorbozan die Freiheiten in ihrem Geburtsland. „Meine kurdischen Wurzeln kann ich aber nicht leugnen“, betont sie.

Den türkisch-kurdischen Konflikt wollen sie nicht nach Deutschland exportieren. „Wenn die Menschen unter sich sind, gibt es kein Problem“, erzählt Zorbozan. Neval Güler hat auch türkische Freunde und Bekannte. Das Thema Politik klammern sie bei ihren Gesprächen und Treffen ausdrücklich aus.

Aber natürlich ist die Lage in der Türkei das beherrschende Thema auch beim 1998 gegründeten kurdischen Kulturverein Attendorn. „Die Türkei ist kein freies Land. Viele Menschen leben dort in Angst“, sagen Halim Taskan und Osman Nuri Zorbozan. Der aus einem kleinen Dorf in der ostanatolischen Provinz Bingöl stammende Vorsitzende hat als kleiner Junge erlebt, was es bedeutet, Kurde zu sein. Als Zorbozan mit sechs Jahren zur Schule musste, sprach er nur Kurdisch und verstand kein Wort Türkisch. Bestrafungen, so Zorbozan, waren an der Tagesordnung.

Abenteuerliche Reise

Vor 32 Jahren ist er auf einer abenteuerlichen Reise nach Deutschland geflüchtet. „Dafür habe ich 29 Tage gebraucht“, erzählt der 58-Jährige, der damals bei Verwandten in Attendorn untergekommen ist. „Wir wollen unsere Kultur und Sprache frei leben. Und in Deutschland können wir das“, ist Osman Nuri Zorbozan dankbar und betont: „Hier ist meine erste Heimat.“

Seit einer Woche betet in Ennest ein neuer Hodscha. „Das ist unser Pastor“, erklärt Neval Güler. „Der Hodscha wird von unseren Mitgliedern bezahlt“, stellt Kassierer Halim Taskan klar. Nicht nur bei der Finanzierung ihres Geistlichen sieht der kurdische Kulturverein einen großen Unterschied zur neuen, großen DITIB-Moschee in Attendorn. „Das hat alles Erdogan bezahlt“, sind sich die drei einig.

Neval Güler hilft auch mit, wenn die Kinder freitags zum Koranunterricht in das Vereinshaus kommen und spielerisch die arabischen Buchstaben lernen. Besonders wichtig ist der 17-Jährigen, dass die Mädchen und Jungen die kurdische Kultur nicht vergessen. Zur kurdischen Gemeinde gehört auch der vor einigen Jahren gegründete Fußballverein SF Azadi.

Mit der katholischen Kirchengemeinde nebenan haben die Kurden keine Probleme. „Wir kommen gut klar“, betont Zorbozan und verweist darauf, dass Kirchenbesucher sonntags auf dem Grundstück des Vereins parken dürften.

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