Gericht

13-Jährige missbraucht? Prozess ist in Kleve gestartet

Die Angeklagten verstecken sich hinter Kapuze und Aktendeckel. Die Anwälte vertreten sie in der Sache: War es sexueller Missbrauch oder eine gelogene Geschichte?

Die Angeklagten verstecken sich hinter Kapuze und Aktendeckel. Die Anwälte vertreten sie in der Sache: War es sexueller Missbrauch oder eine gelogene Geschichte?

Foto: Astrid Hoyer-Holderberg

Kleve.  Puzzle mit vielen Fragen: Die Jugendkammer verhandelt einen Missbrauchsfall aus Kleve, bei dem 2017 eine 13-Jährige das Opfer gewesen sein soll.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Wer hat was wann wo getan? Wer wem was wann erzählt? Ist die Tat geschehen oder erfunden? Ein Puzzle hat die 7. Jugendkammer vor sich, am Dienstag war der erste Teil, am nächsten Montag ist der zweite. Vergewaltigung in Tateinheit mit schwerem sexuellen Missbrauch eines Kindes und Freiheitsberaubung lautet die Anklage.

Der Öffentlichkeit fehlt im Puzzle allerdings das Stück mit der Aussage der Klägerin, denn sie ist minderjährig und sagte nur unter Ausschluss der Zuhörer aus. Ihr Vorwurf lautet: Zwei junge Männer hätten sie im Sommer 2017 an einem Nachmittag in ein Auto erst eingeladen, als sie ablehnte dann gezerrt, hätten sie gegen ihren Willen zu sexuellen Handlungen an ihnen genötigt, auch zu oralem Verkehr – schon während der Fahrt und später auf dem Parkplatz der Schwimmbad-Baustelle im Sternbusch. Damals war sie 13 Jahre alt. Wegen der Vergewaltigung habe sie sich geschämt, alles verdrängt, bis sie sich im November ihrer Mutter anvertraute. Die wiederum hörte sich nicht die ganze Geschichte an, sondern brachte ihre Tochter sofort am selbigen Abend noch zur Polizei zur Aussage und habe erst dort Details erfahren.

„Ich denke, dass die mich gut fand, weil ich beliebt war“

Die beiden Klever Angeklagten sitzen im historischen Saal der Schwanenburg auf der Anklagebank, geschmackvoll gekleidet, frisch vom Friseur, gute Umgangsformen. Der eine ist im Handwerk tätig, der andere sieht seine Zukunft im Onlinehandel. Beide haben eine Vorstrafe wegen Körperverletzung und Handwerker P., heute 18 Jahre alt, trägt auch aktuell eine Blessur im Gesicht.

P. sagt aus, dass die Klägerin J. ihm schon monatelang in der Schule nachgestellt habe, sie wollte ihn treffen, gar zum Beischlaf einladen. „Ich denke, dass sie krass verliebt war,“ sagt er und „dass die mich gut fand, weil ich beliebt war“. Und „vielleicht, weil sie Aufmerksamkeit wollte“, hätte sie herum erzählt, sie sei schwanger von ihm. Er hätte sie immer abblitzen lassen, sich lustig gemacht über sie und irgendwann seinem Klassenlehrer gesagt, „dass sie mir auf die Nerven geht“ und den Lehrer gebeten, mit dem Mädchen zu reden. Der Lehrer habe dies getan und das habe auch gewirkt. Von der Vorladung zur Polizei sei er völlig überrascht worden.

Der 25-jährige L. sagt, er kenne das Mädchen überhaupt nicht. Der fragliche Tag der Tat „hat sich so nicht zugetragen.“ Dass er überhaupt auf der Anklagebank landete, verdankt er der Recherche von J. und ihrem damals guten Freund, die in den Sozialen Medien im Bekanntenkreis von P. das Gesicht des möglichen Angreifers gesucht und gefunden hätten.

Als sie begann zu erzählen, hat die Tochter viel geweint

Als Zeugin sagt die Mutter der Klägerin, dass die Tochter viel geweint habe, als sie im November von den möglichen Geschehnissen des Sommers berichtete. Und auch in den Tagen danach hätten Mutter-Tochter „unwahrscheinlich viele Gespräche“ geführt. Gab es Stress zu der Zeit? wollte Richter Christian Henckel wissen. So viel Stress, wie es halt gibt, wenn man Schülerin ist, drei Geschwister hat, das Haus umgebaut wird. Um welchen Tag es sich genau handelte, war dann kaum heraus zu bekommen. Vielleicht Pfingstsonntag.

Das aber bezweifelt die Kindheits-Freundin (heute 17), die schon damals nicht mehr in Kleve wohnte. Denn ihr gegenüber will sich J. anvertraut habe. Aber wann? Am Tag der Tat? Sie erinnert sich nicht, dass J. traurig ausgesehen habe. Wochen später? Als die Polizei der Freundin eine Vorladung zur Aussage schickte? Sie weiß nicht mehr genau, was sie damals zu Protokoll gab. Sie weint vor Gericht, vor lauter Stress im Zeugenstand und auch aus Wut, sagt sie. Heute sind die beiden Mädchen im Streit entzweit und die 17-Jährige zweifelt, ob die Story wirklich wahr ist.

„Es muss stimmen, was Sie uns hier erzählen, sonst gibt’s Ärger“

Auch J.s damals guter Freund (jetzt 20 Jahre) hat bei der Polizei eine Aussage gemacht. Er habe aber schon früh von den Vorwürfen einer Vergewaltigung erfahren. Der Richter mahnt ihn: „Es muss stimmen, was Sie uns hier erzählen, sonst gibt’s Ärger“. Und der 20-Jährige räumt ein, Mitte dieses Jahres habe ihm J. gebeichtet, dass sie die Tat erfunden habe, weil sie sich an P. rächen wollte, weil der sie abserviert habe. Der Richter staunt: „Dass Sie Ihnen das so einfach gestanden hat, das mag ich kaum glauben.“

Die beiden Polizeibeamtinnen, die an zwei Tagen die Vernehmung des Mädchens J. im November 2017 übernahmen und protokollierten, hielten J.s Aussage für glaubwürdig. Allerdings hinterfragte die eine Beamtin, warum J. nicht aus dem Auto gesprungen sei, als es an einer roten Ampel hielt. J. habe ausgesagt, P. habe den Ruf, brutal zu sein, sie hätte Angst gehabt.

Das Mädchen J., in dunkel-gedeckter Kleidung, mit Pferdeschwanz, kaum geschminkt, wird im Prozessverlauf mehrfach in den Verhandlungsraum gerufen, um Rückfragen der Jugendkammer zu klären.

Der Prozess wird fortgesetzt.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben