Parookaville 2018

„Glückseligkeit“ gab es für 1,50 Tokens und umsonst

Ein Traumsommer in der fiktiven Stadt Parookaville im Jahr 2018

Ein Traumsommer in der fiktiven Stadt Parookaville im Jahr 2018

Foto: Astrid Hoyer-Holderberg

Weeze.   Parookaville schließt die Stadttore. Heiß und staubig. Über Nacht wurde die Wasserversorgung der Campingplätze extra umgebaut.

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Am Montag ist schon wieder alles vorbei. Bis zum Nachmittag reisen die Bürger aus der fiktiven Stadt Parookaville wieder ab. Vielleicht sind einige noch staubig vom sandigsten Parookaville ever. Vielleicht sind auch einige frisch geduscht. Tatsächlich hatten zwar Stadtwerke Kleve in den Nächten auf den Campsites das Wasser an den Duschen abgestellt, denn der Wasserverbrauch an diesem heißen Wochenende war extrem. Aber Trinkwasserversorgung und Toiletten waren betriebssicher.

In der Ruhezeit wurden die 100 Kubikmeter großen Tankbeutel aufgefüllt. 18 Sattelzüge mit Frischwasser rotierten dazu, brachten Wasser aus umliegenden Gemeinden, auch Niederlande, nach Weeze zum Airport-Gelände. Drei Kommunen mussten jedoch wegen eigenen Niedrigwassers solche Nachbarschaftshilfe absagen. Samstag wurden die Toiletten der beiden Campingplätze in Nachtschicht an einen Brauchwasser-Brunnen angeschlossen. Ein zusätzliches Leitungsnetz war dafür nötig, deshalb hatten die Veranstalter es nicht von vornherein so geplant.

Strandurlaub-Feeling bekamen die Bürger auf dem ganzen Gelände, nicht nur im Desert Valley, in dem die Kirmes und die riesigen Buchstaben beliebte Ziele blieben. Auch „W&W“ und Steve Aoki lösten in ihrer Show einen kleinen Sandsturm aus, als sie alle Fans vor der Mainstage dazu brachten, in Hunderterreihen hüpfend „to the left, left, left, to the right, right“

je acht Schritte zu springen.

Das Motto des Festivals, „Liebe, Wahnsinn und Glückseligkeit“, konnte man sich auch ins Haar setzen, gebunden am Blumenstand aus Nelken, Disteln und Limonium. „Glückseligkeit“ gab es für 1,50 Token, der Parookaville-Währung.

Glück kennt keine Altersgrenze.

Immer mehr ältere Bürger zählt die Stadt-ab-18. Es sind nicht nur Mitarbeiter der zahlreichen Stände, es sind auch neugierige Weezer und überzeugte Electronic-Dance-Music-Fans. Eine Frauengruppe aus Uedem, ein Ehepaar aus Bochum, das 2017 Jahr mit Kindern und Oma hier campte, diesmal kamen sie allein.

Seligkeit empfanden auch Hunderte Menschen, die Gegenstände verloren und dank ehrlicher Finder im PV-Fundbüro bei Jessica Hannen und Fabio Breuer zurück bekamen: Handys, Personalausweise, Bankkarten, Schlüssel, Brillen.

„Die Organisation in Parookaville bei Anreise und Check-in hat sich um Tausend Prozent verbessert“,

vergleicht PV-Bürger Georg Lintzen aus Asperden. Er fährt gleich diese Woche weiter nach Belgien zum „Tomorrowland“: „Viele kommen nach Parookaville nicht nur wegen der Musik, sondern auch wegen der Amosphäre. Die ist anders.“ Christiane: „Ziemlich krass, was die Weezer auf die Beine gestellt haben.“

Einer der drei Gründer, Bernd Dicks, strahlte Sonntagnachmittag bei seiner ersten Rückschau nur: „Ich bin überwältigt“.

„Uns sagen manche Leute einfach Danke“

Es gibt nicht so viele Großveranstaltungen am Niederrhein, bei denen Polizeikollegen aus Borken, Wesel, Viersen und Krefeld und eine Hundertschaft gebraucht werden. Für das MusikFestival Parookaville aber bewerben sich die Gesetzeshüter schon Monate vorher: „Wenn ihr Kräfte braucht, wir kommen gern“. Denn tatsächlich ist die Stimmung auf der Gelände gelassen-friedlich.

Im vorigen Jahr hatten Videos von Polizisten einer Hundertschaft, rhythmisch winkend zum Sound von Martin Solveig, im weltweiten Social-Media-Netz für Sympathie gesorgt. Als diese Männer aus Duisburg erfuhren, dass sie 2018 nicht Weeze zugeteilt würden, haben sich einige privat Tickets gekauft, weiß Polizeisprecher Achim Jaspers.

Auch er nimmt den Job vor Ort gern an, lässt sich zu Selfies überreden, antwortet auf die freundlichen Fragen der Parookaville-Bürger. „Uns sagen manche Leute auch einfach Danke, dass wir hier sind. Sowas kenne ich sonst nicht“, freut sich Jaspers.

Ein Koordination- und Management-Team, kurz KTM, trifft sich seit Anreise-Donnerstag morgens bis Abreise-Montag nachmittags alle drei Stunden, rund um die Uhr, zur Koordination. Die Container-Straße der Organisatoren hinterm Zaun wurde größer, alle Beteiligten rückten zusammen. Im Kontrollzentrum lassen sich über Google-Traffic Verkehrsflüsse, über Monitore im Gelände die Besucherströme nachvollziehen. Den Orientierungsrahmen für Großveranstaltungen gibt seit der Love-Parade das Innenministerium vor.

Georg Koenen, Fachbereichsleiter Ordnung, Soziales, Jugend bei der Gemeinde Weeze, trägt eine eingeschweißte Karte der Campingplätze am Band um den Hals, schachbrettartig mit Koordinaten versehen, schneller Weg zu jedem Planquadrat. Die Sanitäter des Malteser Hilfsdienstes hatten bis gestern nur kleine Blessuren, Schrammen, Mückenstiche zu versorgen.

Unmittelbar nach Ende der Parookaville-Zeit 2017 hatten Gemeinde, Polizei, Verkehrswacht, Feuerwehr zusammen gesessen und nach dem „Verkehrsinfarkt“, wie ihn der Veranstalter bedauernd nennt, Besserung beraten. „Das neue Verkehrskonzept des Veranstalters und die neue Parkplatz-Beschickung haben uns beeindruckt. Unser vorsichtiger Optimismus hat sich bewahrheitet,“ ist Koenen zufrieden.

Check-in war um 50 Prozent erweitert

Zum Beispiel hatte es im Jahr zuvor einen Problemknotenpunkt an der K 37 Baaler Straße zum Check-in gegeben. Die jetzige Lösung mit einer vorübergehend zweispurigen Einbahnstraße „müssen wir natürlich mit allen Anliegern abstimmen“, sagt Koenen. Er freut sich, dass die Weezer so aufgeschlossen mitmachen.

Auch diesmal wird gleich ab nächster Woche intensiv analysiert werden, u.a. eben dass die motorisierte Anreise nun also super lief, aber der Zugang der Camper stockte. „Wir hatten die Check-In-Schalter schon um 50 Prozent erweitert“, doch die Sicherheitskontrollen müssen sein, betont Parookaville-Sprecher Philip Christmann. Die Besucher bringen Berge an Gepäck mit. „Man kann eben nicht in drei Stunden 30 000 Gäste aufs Gelände kriegen“, erklärt er. Die Bitten des Veranstalters an die Fans, dass nicht alle morgens, sondern über den Tag verteilt anreisen, wurden nicht erfüllt. „Die Leute haben halt Bock und der Deutsche ist pünktlich“, nennt Christmann zwei Gründe.

Optimale Taktung, dass alles ineinander greift

Die „optimale Taktung, dass alles ineinander greift“, werde man in einer „radikalen Nachlese“ besprechen. Auch, wie man Parookaville-Camper dazu bringe, sich und ihre Zelte und Pavillons nicht so breit aufzubauen. Dabei müsse aber eben allen Zeltplatz-Buchern klar sein, „dass Camp A nah, aber knackig eng und Camp B weiter weg mit mehr Platz und mehr Rahmenprogramm“ organisiert seien. 260 Leute Personal, hielten als Müll-Picker die Zeltplätze sauber.

Trotz einiger Beschwerden sei die Stimmung generell unter den täglich 60 000 Festivalbürgern positiv. Polizeisprecher Achim Jaspers: „Die Zusammenarbeit aller auf dem Gelände macht die Arbeit leichter“. Er bestätigt, dass es auf Schützenfesten und Dorfkirmessen deutlich mehr „gewaltgeneigte Personen“ gebe als in dieser Stadt-auf-Zeit auf Weezer Airport-Gelände. Es gab bis Sonntagnachmittag insgesamt drei Fälle von Körperverletzung unter den 80 000 Besuchern des friedlichen Festivals.

Die „Pappenheimer“ sind nicht hier

Er überlegt: „Warum sind unsere Pappenheimer nicht hier? Vielleicht zum einen, weil die Karten nicht gerade billig sind. Aber auch, weil das Verfahren, sich namentlich zu registrieren, sich in einem engen Zeitfenster um Karten zu bemühen, ihnen zu aufwändig ist.“

Apropos Dorfkirmes: Die Festivalveranstalter europaweit stimmen ihre Planungen fürs jeweils nächste Jahr nicht nur mit regionalen Behörden, sondern auch mit Terminen der anderen ab. Nur beim Q-Base, dem Weezer Festival der Harder Styles-Szene im September, spricht die Gemeinde das Machtwort: Für die lokalen Aktiven in Feuerwehr und Rettungsdiensten gehe die Weezer Kirmes eben vor, so Koenen.

Q-Base verändert sich

Übrigens: Das Q-Base in seiner seit 15 Jahren bekannten Form gibt es am 8. September zum letzten Mal. Ab 2019 kommt es mit völlig neuem Party-Konzept zurück.

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