Landgericht

Messer und Blut: Angriff unter Leiharbeitern vor Gericht

Das Schwurgericht tagt auf der Klever Schwanenburg.

Das Schwurgericht tagt auf der Klever Schwanenburg.

Foto: Astrid Hoyer-Holderberg

Kleve/Kranenburg.  Ein Mann (41) soll einen Mitbewohner im Leiharbeiterhaus in Kranenburg mit Messern verletzt haben. Beim Prozessauftakt blieben Fragen offen.

Tagsüber zerteilen sie in riesigen Schlachthöfen jenseits der Grenze Kälber für einen knappen Lohn. Abends und am Wochenende sitzen sie in den kleinen Zimmern der alten Häuser auf der Großen Straße in Kranenburg, schauen heimisches Fernsehen und betäuben sich mit Bier und Wodka. Es sind tiefe Einblicke ins harte Leben fern der Heimat, die die polnischen Leiharbeiter vor dem Klever Landgericht gewähren. Ein mögliches Gewaltverbrechen – zwei Stiche mit Fleischermessern in den Bauch – hat sie vor das auf der Schwanenburg tagende Schwurgericht gebracht.

Am frühen Abend des 23. Februar 2019, ein Samstag, war bei der Klever Kreispolizei um 18.33 Uhr ein Notruf eingegangen. In stark gebrochenem Deutsch rief ein Mann nach schneller Hilfe von Rettungsdienst und Polizei, sprach von Messern und viel Blut. Was zuvor passiert war, wurde beim Prozessauftakt in verschiedenen Versionen erzählt.

Messer hatten Klingen mit 20 Zentimeter Länge

Laut Staatsanwaltschaft ärgerte sich das spätere Opfer, ein 39-Jähriger, über die erneut verdreckte gemeinsame Toilette. „Alles war vollgepisst“, ließ der Zeuge vor Gericht von einer Dolmetscherin übersetzen. Als Verursacher hatte er seinen 41-jährigen Mitbewohner ausgemacht, den er zur Rede stellte. Aus dem verbalen Streit entwickelte sich eine Handgreiflichkeit, in dessen Verlauf der Angeklagte zwei Messer mit einer Klingenlänge von 20 Zentimetern griff und in den Bauch des anderen stieß.

„Der Verbrecher“, sagte das Opfer, ein kräftiger Mann, mit Blick auf die Anklagebank. Eine Not-Operation in der Radboud-Klinik in Nimwegen rettete ihm das Leben. „Ich habe aber bis heute Schmerzen und wache nachts schweißgebadet auf“, so der Pole. Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung.

Angeklagter erzählte eine andere Version

Der 41-Jährige, der seit seiner Festnahme in der JVA Kleve in U-Haft sitzt, schilderte die Geschehnisse anders. Nach einer durchzechten Nacht, in der er auch Marihuana rauchte, kaufte er im Supermarkt neues Bier. Bei seiner Rückkehr ins Haus machten ihm zwei der Bewohner haltlose Vorwürfe: Er verbreite bei der niederländischen Leiharbeitsfirma, dass das spätere Opfer Laptops stehlen würde. Der Metzger berichtete von körperlichen Attacken der Männer und seiner Flucht aufs Zimmer.

Als beide nach einigen Stunden anklopften, öffnete der angetrunkene Angeklagte. Einer der Männer nahm daraufhin eines der Messer aus einem Korb und strich drohend mit der scharfen Spitze über seine Haut. Das Licht ging plötzlich aus, und er griff selbst nach zwei Messern – zur Verteidigung, wie er sagte. Der 39-Jährige wollte seine Arme packen und beugte sich über ihn. „Er hat sich selbst aufgespießt“, so der Angeklagte.

Vier Zeugen fehlten unentschuldigt

Es fiel dem Gericht zum Prozessauftakt nicht leicht, die Ungereimtheiten in den Erzählungen von mutmaßlichem Täter und Opfer aufzulösen, weil vier Hausbewohner bzw. Nachbarn trotz Ladung nicht auftauchten. Gab es nun einen direkten Zeugen im Zimmer oder nicht? Gerieten die Männer schon vor dem Messerangriff in Streit? Auch für die Mordkommission blieben Fragen offen, weil einige der Leiharbeiter nach den ersten Vernehmungen nicht mehr auf die Kontaktaufnahmen reagierten. Weitere Polizisten werden am zweiten Verhandlungstag gehört.

Der Prozess wird am Mittwoch, 28. August, um 9 Uhr fortgesetzt.

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