Natur

Uedem: Auf der Suche nach seltenen Obstsorten in Keppeln

Wilma Janßen, Richard Janßen und Hubert Lemken vor einem uralten Apfelbaum in Keppeln.

Wilma Janßen, Richard Janßen und Hubert Lemken vor einem uralten Apfelbaum in Keppeln.

Foto: Anke Gellert-Helpenstein

Keppeln/Kreis Kleve.  Der Keppelner Hubert Lemken vom Landschaftspflegeverein likk inventarisiert gerade Obstwiesen und hat jede Menge seltene Obstsorten gefunden.

Der „olle Baum“ besteht am Stamm nur noch aus Rinde. Der Zahn der Zeit hat an ihm genagt, schlimmer haben ihm aber die Granaten des zweiten Weltkrieges zugesetzt und ihn schwer verletzt. Durch den Stamm kann man hindurch und bis auf den Boden schauen. Gefällt haben ihn bislang weder Bomben, noch die Menschen, noch die Zeit. Er steht immer noch im Obstbongert auf dem Hof von Familie Janßen an der Straße Landwehr 6 im Uedemer Ortsteil Keppeln. Und ist sicher älter als 92, denn so alt ist „Mutt“ Janßen, also Wilma Janßen, die der NRZ gemeinsam mit ihrem Sohn Richard und Hubert Lemken vom Verein für Landschaftspflege im Kreis Kleve, „Likk“, den hölzernen Zeitzeugen präsentiert.

Granatsplitter verletzten Menschen und Baum

Die Granatsplitter, die den Baum im zweiten Weltkrieg trafen, haben auch sie damals schwer verletzt und einen Familienangehörigen in den Tod gerissen. „Der olle Baum ist älter als 100 Jahre“, schätzt Wilma Janßen. „Ich habe schon als Kind von diesem Baum die Äpfel gesammelt, die sehr süß und lecker sind“, erinnert sie sich gut. Süß und ausgezeichnet aromatisch sind die Früchte des Baums immer noch. Trockenschäden sind an den modernen Obstsorten erkennbar – nicht aber am ollen Baum und seinen „Kollegen“. Vermutlich so 120 bis 130 Jahre alt ist der im prächtigen Grün stehende Obstbaum, vermutet Hubert Lemken.

Seltene Sorten inventarisieren

Seit zwei Jahren inventarisiert er für Likk Obstwiesen im Kreis Kleve und hat dabei jede Menge höchst seltene Obstsorten gefunden, die durch Veredelung erhalten werden. Gerade auch die Streuobstwiesen in Keppeln sind eine wahre Fundgrube für den Obstbaumkenner.

Lemken selbst weiß nicht, um welche alte Apfelsorte es sich beim Baum Nummer 30, der nur noch auf der Rinde steht, handelt. „Die Art lassen wir gerade von zwei der zehn in Deutschland führenden Pomologen bestimmen“, erzählt er.

Pomologe untersucht gesundes Obst mit Kelchblättern und Stiel

Die Pomologie (von lat. pomum Baumfrucht) oder Obstbaumkunde ist die Lehre der Arten und Sorten von Obst sowie deren Bestimmung und systematische Einteilung. Keine Kleinigkeit, sondern ein aufwendiges Unterfangen. Hubert Lemken verpackt dafür fünf bis sechs völlig unversehrte Äpfel einzeln – mit Kelchblättern und Stiel, unpoliert, nicht wurmstichig. Dann gehen sie per Paket auf die Reise. Entweder zum Pomologen Steffen Kahl nach Aschaffenburg oder zu Hans-Joachim Bannier nach Bielefeld.

Sorten, die die Pomologen zu 100 Prozent sicher bestimmen können, tragen dann einen Namen: „Boiken-apfel“, „Finkenwerder Herbstprinz“, „Doppelter Roter Bellefleur“ oder „Dubbele Zoete Aagt“. Die beiden letzteren sind ebenfalls am Landwehr in Keppeln zu finden. Tragen nicht mehr nur die Likk-Nummer sondern eben auch ihre Namen. „Dann sind es nicht mehr nur irgendwelche ‘ollen Bäume’“, freut sich Lemken über jede neue alte Art, die bestimmt wird und dann mit viel Sorgfalt vom Likk auch veredelt werden kann.

Insgesamt rund 180 alte, seltene Obstsorten konnten schon „gefunden“ und bestimmt werden. Lemken: „Das ist immer super spannend, wie Weihnachten, wenn die Ergebnisse der Bestimmung ankommen.“

Namensschildchen werden mit Alu-Nägeln am Stamm befestigt

Die Namensschildchen der sicher bestimmten Baumarten werden mit Nägeln an den Baum geheftet, was Wilma Janßen für ihren ollen Baum erst gar nicht gefallen möchte. Erst nach Hubert Lemkens Versicherung, dass es Alu-Nägel seien, die keinerlei Schäden ausrichten, ist „Mutt“ Janßen beruhigt. So wird also auch dieser „olle Baum“ bald sein eigenes Namensschild bekommen. Und Hubert Lemken wird dafür Sorge tragen, dass sich seine Art erhalten kann. „Dafür suchen wir auch immer noch Menschen, die hier auf dem Land leben und veredelte alte Sorten für uns groß ziehen möchten“, so der Apfelkenner.

Wichtig ist der Erhalt alter Obstsorten auch deswegen, weil die neuen, modernen Sorten alle ingezüchtet wurden und deswegen wenig vital und widerstandsfähig sind. „Da funktionieren gute Erträge nur mit dem Einsatz von Chemie“, gibt Lemken zu bedenken.

Dann doch lieber eine Rückbesinnung auf den Doppelten Roten Belfleur und seine vitalen, uralten Kollegen.

Weitere Informationen gibt es im Internet unter: likk.eu

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