Geiselnahme

Forensik-Patienten wegen Attacke auf Pfleger vor Gericht

Die Anwälte kennen ihre Mandanten jeweils schon von vorherigen Straftaten.

Foto: Astrid Hoyer-Holderberg

Die Anwälte kennen ihre Mandanten jeweils schon von vorherigen Straftaten.

Bedburg-Hau / Kleve.   Zwei Therapiepatienten der Forensik in Bedburg-Hau stehen vor Gericht. Sie hatten einen Pfleger als Geisel genommen, um zu fliehen.

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Die Videowand im Gerichtssaal zeigt das große Tor hinter Haus 28 in der Landesklinik Bedburg-Hau, darüber einen schmalen Steifen gelb beleuchteten Innenhof von Haus 29. Da spielte sich die dramatische halbe Stunde ab vom 25. Mai 2017 bis kurz vor Mitternacht. Richter Gerhard van Gemmeren lässt das Video laufen, den Saal diese Zeit spüren.

Pfleger H. hatte Todesangst, sagt er. Achtmal, neunmal in dieser Zeit wird H. von den beiden geständigen Angeklagten, beziehungsweise später allein vom hünenhaften Patienten W., zwischen der Pförtnerloge und der Ausgangstür hin und her geführt. Der kleine, sportliche Komplize F. hatte den Abgang über die vier Meter hohe Mauer geschafft, den Pfleger als Räuberleiter nutzend. Bei seinen zuvor bestraften Einbrüchen hatte der 36jährige F. bereits waghalsige Kletterkünste bewiesen.

Was man im Video nicht erkennt, was aber ausführlich Thema im Prozess ist: Angeklagter W. schlägt F. vor, dem Pfleger ein Ohr abzuschneiden, um der Forderung Nachdruck zu verleihen, die Ausgangstür zu öffnen. F. hält ein Rasiermesser. „Ich wollte nur ein bisschen Blut zeigen“, sagt F. und entschuldigt sich mehrfach bei dem Pfleger. Die Klinge sei schärfer gewesen als gedacht, sie ging zwei Zentimeter tief in den Knorpel – das Ohr wurde später in einer Klinik in Krefeld angenäht.

Der Pförtner sah es gar nicht

Allein: Von diesem brutalen Überredungsversuch sieht der Pförtner gar nichts. Wie es Vorschrift ist, macht er „in keinem Falle“ die Außentür auf, sondern lässt Rollos seiner Pförtnerfenster herunter, damit er nicht sieht, was draußen passiert und man von außen nicht sieht, was er drinnen tut: mit der Polizei telefonieren.

Alarm hatte auch Pfleger H. vorher schon gegeben, als ihn die beiden Angreifer gegen 23.20 Uhr mit einer gebastelten Rasierklingen-Waffe überwältigten, aus der Stationsküche ein Messer aus der Schublade rissen und ihn als Geisel nahmen. Den ersten Alarm hatte der Pförtner noch als Fehlalarm eingeschätzt, den dritten dann ernst genommen. Automatisch wurden so auch die vier Pfleger von der „Pendelwache“ um Hilfe gerufen. Man sieht im Video, wie sie von außen mit zwei Autos vor Haus 29 anrollen, dort stehen bleiben, wieder wegfahren. Sie können nichts tun.

Halbe Stunde war „gefühlte zwölf Stunden“

Der Pfleger H. hatte die Verbindungstür von Haus 28 geöffnet und blieb dann mit den Tätern im Hof von Haus 29. Es fielen Drohungen wie: Es werde Tote geben. Es dauert für ihn – der bis heute darunter leidet – „gefühlte zwölf Stunden“, bis die Polizei kommt. Der Krankenpfleger überredet den Patienten W., das Messer wegzuwerfen. Was der tut und sich dann vor der bewaffneten Polizei flach auf den Boden legt und ergibt.

Mittäter F. hatte zuvor noch umkehren wollen, als er die Flucht für aussichtslos hielt, schildert eine Krankenschwester. Aber genau ihm gelang es dann, in seine Heimat Bonn zu entkommen, wo er seinen schwerkranken Vater besuchen wollte. Er wurde allerdings vorher auf dem Bürgersteig festgenommen, wiederkannt von einem zufällig vorbeikommenden Arzt.

Beide Angeklagten waren zu Entziehungstherapien in Bedburg-Hau untergebracht. Sie hatten ihre Rauschgiftsucht mehrfach mit Diebstahl und Raub finanziert.

Der 29jährige W. musste seit der Geburt Entzug durchmachen, seine Mutter war schwer heroinabhängig, sein Vater starb 34jährig an einer Überdosis. Zwischen vier und 13 Jahren lebte er in Heimen. Allein ein Sozialarbeiter, bei dem er später lebte, begleitet ihn in einer drogenfreien Zeit. Dann starb der Mann an Krebs. W. gilt als Borderliner, stecke voller Misstrauen, erzählte von Schikanen in Gefängnissen. Er hatte vor zehn Jahren schon in Bedburg-Hau schlechte Erfahrungen mit Ärzten gemacht und über seinen Anwalt vergeblich um Unterbringen in einer anderen LVR-Klinik gebeten. Nun wurde W. nach der Gewalttat aus dem Therapie-Maßregelvollzug heraus genommen. Er aber sagte vor Gericht: „Ich persönlich habe mich nicht aufgegeben. Es gibt keine Sozialisierung in der Haft“.

Stimmung war Tags zuvor schon aufgeheizt

Angeklagter F. stammt aus gut bürgerlichem Hause, Mutter Lehrerin, Vater Beamter. Drogensucht brachte F. immer wieder in Therapien, zu Rückfällen und zu insgesamt neun Jahren Haft. Er hatte in Bedburg-Hau monatelang auf Lockerungen in der Behandlung gehofft. Ausgerechnet vor seiner Tat waren diese endlich in Aussicht gestellt worden, doch er hatte das Amtsdeutsch falsch verstanden. Beide Angeklagten sahen für sich eine ausweglose Perspektive.

Auf der Station sei die Stimmung wegen eines Streits am Tag vor der Tat aufgeheizt gewesen, schilderte eine Psychologin. Das Absetzen von Ersatz-Medikamenten mache Drogensüchtige zudem „dünnhäutig“. Der Prozess wird in drei Wochen fortgesetzt.

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