NRZ-Klimaserie

Der Klever Reichswald ist ein Klimaretter – und in Problemen

Julian Mauerhof und Joachim Böhmer blicken mit Sorge auf den Zustand des Reichswaldes.

Julian Mauerhof und Joachim Böhmer blicken mit Sorge auf den Zustand des Reichswaldes.

Foto: Andreas Gebbink

Kleve.  Zwei Förster sprechen über die Herausforderungen des Klimawandels. Kann der angegriffene Wald vergrößert werden?

Für Förster seien das jetzt spannende Zeiten, sagt Joachim Böhmer. Die anhaltende Trockenheit hinterlässt auch im Klever Reichswald sichtbare Spuren. Wohin man auch blickt: Alle Bäume ächzen wegen des Wassermangels. Fichten, Kiefern und Buchen haben es besonders schwer. Förster Böhmer erhält täglich Anrufe von besorgten Bürgern, dass wieder eine Buche umzufallen drohe. „Gerade bei den alten Bäumen kann das sehr schnell gehen“, erklärt er.

Der Wald als Klimaretter

Der Wald leidet unter dem Klimawandel. Aber gerade der Wald soll in Zukunft einen einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Eine Herausforderung, die nicht zu stemmen ist? Die NRZ bat Förster Böhmer und Julian Mauerhof, leitender Angestellter von Wald und Forst NRW, zu einem Gespräch. „Wir müssen jetzt nicht in Panik verfallen. Aber unsere Herausforderungen sind in der Tat enorm“, sagt Fachmann Julian Mauerhof.

Die Nadelholzbestände im Klever Reichswald zeigen es bereits ganz deutlich: Hier droht ein großes Sterben, welches zum Teil schon großflächig eingesetzt hat. Nicht nur Stürme haben dem Wald zugesetzt, auch der Borkenkäfer, der Bockkäfer und der Kupferstecher sind fleißig unterwegs und zerstören die Bäume: „Wir rechnen mit fünf Millionen Borkenkäfern pro Hektar“, sagt Joachim Böhmer.

Nadelgehölze sind auf dem Rückzug

Um den Wald auf eine Veränderung des Klimas vorzubereiten, müssen jetzt wichtige Entscheidungen getroffen werden. Böhmer und Mauerhof werden auch in den kommenden Jahren eine Durchmischung des Waldes vorantreiben. Zurzeit gibt es im 6000 Hektar großen Reichswald 55 Prozent Laubbäume und 45 Prozent Nadelgehölze – Letztere mit deutlich abnehmender Tendenz.

Klimawandel im Reichswald
Klimawandel im Reichswald

Die Frage, die sich jetzt stellt: Welche Bäume sollen gepflanzt werden? Die Traubeneiche scheint robust zu sein, auch Stil- und Roteichen sowie Douglasien kommen mit der Trockenheit deutlich besser zurecht als Buchen. Böhmer erkennt die Schäden an seinen Bäumen auf breiter Front: im Tiergartenwald, am Sternberg, am Geldenberg, am Kartenspielerweg in Kranenburg. Mittels Infrarotmessungen könne man gut aufzeigen, wie trocken der Wald mittlerweile ist. Nicht nur an der Oberfläche fehle Feuchtigkeit, auch in tieferen Schichten bis 1,80 Meter gibt es kein Grundwasser mehr: „Was wir brauchen sind lang anhaltende Regenfälle“, sagt Mauerhof.

Aufforstung ist das Gebot der Stunde

Der Weltklimarat rät dringend zu einer weltweiten Aufforstung. Eine Aufforderung, die auch Böhmer unterschreiben kann: „Aufforsten, aufforsten, aufforsten“, lautet sein Credo. Doch zurzeit gehe es lediglich darum, den bestehenden Wald mit neuen Bäumen zu bestücken und anfällige Nadelhölzer zu entfernen. Langfristig müsse man aber über eine Vergrößerung der Waldfläche nachdenken: „Wenn jede Kommune ein Prozent ihrer Flächen zur Verfügung stellen würde, dann hätten wir schon mal einen Anfang gemacht“, sagt Böhmer.

Dass zusätzliche Waldflächen schwer zu realisieren sind, weiß auch Mauerhof. „Wenn wir aufforsten, dann nehmen wir zwangsläufig anderen Nutzern Fläche weg. Das ist letztlich eine politische Entscheidung. Bislang genießen Gewerbeflächen und Landwirtschaft eine höhere Priorität“, so Mauerhof.

Kein Personal für großflächige Aufforstung

Aber angesichts des drohenden Klimakollapses ändert sich an dieser Sichtweise ja noch etwas. Die Politik ist bereit, mehr Geld in die Hand zu nehmen, um den Wald aufzuforsten. Von 800 Millionen Euro ist jetzt die Rede. Viel Geld, mit dem auch der Staatsforst etwas anfangen könne. Aber Mauerhof hält eine dauerhaft, strukturelle Förderung für sinnvoller. Aktuell gebe es gar keine Kapazitäten, zusätzliche Bäume zu pflanzen. Auch bereits gefällte, vom Borkenkäfer befallene Bäume, können nicht aus dem Wald geschaffen werden: „Das Thema Fachkräftemangel ist auch in der Forstwirtschaft angekommen“, sagt er.

Man könne sich fragen, ob es sinnvoll ist, bei dieser Trockenheit überhaupt zu pflanzen: „Bäume, die ich jetzt setze, werden vermutlich das nächste Jahr nicht überleben“, sagt Mauerhof. Daher sei es enorm wichtig, dass die Pflanzung professionell vorgenommen wird, damit am Ende nicht große Verluste beklagt werden müssen. Zurzeit werden jährlich 30.000 neue Bäume gepflanzt. Peu á peu soll der Reichswald so klimabeständiger gemacht werden. Diese Aufgabe nimmt der Forst bereits seit Jahren war, nur mittlerweile wird die Bedeutung dieser Maßnahmen immer deutlicher.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben