Soziales

„Wir sind stets das letzte Glied in der Kette“

Nach dem Gespräch (v. li.): Tom Höppner, Susanne Thomann, Michael Scheffler, Inge Blask, Martin Luckert.

Nach dem Gespräch (v. li.): Tom Höppner, Susanne Thomann, Michael Scheffler, Inge Blask, Martin Luckert.

Foto: Michael May

Iserlohn.  Inge Blask, verbraucherpolitische Sprecherin der SPD-Landesfraktion, war Gast bei der AWO-Schuldnerberatung. Dort war die Jahresstatistik Thema

Das bisschen Haushalt macht sich von allein? Wohl kaum, zumindest was den wirtschaftlichen Teil der Haushaltsführung anbelangt. Die nämlich ist in 22,84 Prozent aller Fälle der Grund, warum Menschen die Schuldnerberatung der Arbeiterwohlfahrt (betrifft die Städte Iserlohn, Hemer, Menden, Balve) aufsuchen, die jetzt im Beisein der verbraucherpolitischen Sprecherin der der SPD-Landesfraktion sowie von Michael Scheffler (stellvertretender Bürgermeister) und SPD-Fraktionsgeschäftsführer Martin Luckert ihre Jahresstatistik für 2018 präsentierte.

Unwirtschaftliche Haushaltsführung, die Hauptursache für Überschuldung – meist kommen hier viele Aspekte zusammen. Plötzliche Arbeitslosigkeit, Trennung, Unerfahrenheit bei Kredit- und Konsumangeboten – „hier wäre es eigentlich wichtig, verstärkt präventiv zu arbeiten, doch dafür fehlt uns einfach die Zeit“, sagt Tom Höppner von der AWO.

486 Menschen nutzten im Einzugsgebiet 2018 das Angebot der Schuldnerberatung, 196 davon waren Neuzugänge. 199 Fälle konnten abgeschlossen werden. Die Fallzahlen sind in den letzten Jahren dabei relativ konstant. Hauptbetroffene sind Menschen zwischen 20 und 60 Jahren. Also solche, die im Erwerbsleben stehen.

Bei jungen Menschen, die ebenso wie Menschen über 60 Jahre zunehmend anteilig in die Schuldner-Statistik eingehen, sind der Online-Handel sowie Handy-Verträge wichtige Faktoren, wie Susanne Thomann von der Beratung weiter erläutert. „Viele sagen sich wenn sie 18 werden – jetzt gehe ich erstmal shoppen. Wenn dann die erste Wohnung eingerichtet wird, werden neue statt gebrauchter Möbel gekauft.“

Helfen kann hier zum Beispiel ein Haushaltsbuch – weil einmal im Jahr abgebuchte Kostenfaktoren wie Versicherungen oft vergessen werden. „Irgendetwas kommt, schon steckt man in einer Spirale. Wir sind dann das letzte Glied in der Kette“, erklärt Susanne Thomann weiter.

Eigentlich, so ist sich die Gesprächsrunde einig, müsste an den Schulen schon Prävention betrieben werden, damit junge Leute später nicht in die Schuldenfalle tappen. Doch auch hier dürfte es wohl an Zeit fehlen.

Alleinerziehende sind besonders gefährdet

Ebenfalls eine Gruppe, die häufig mit Schulden zu kämpfen hat, seien Alleinerziehende, wie Inge Blask anmerkt. „Da geht es meist um Beträge um die 10.000 Euro. Wenn man nichts hat, ist das sehr, sehr viel Geld.“

Weitere „klassische“ Ursachen sind geringes Einkommen, etwa durch Zeit- oder Leiharbeit – und auch das Fehlen einer abgeschlossenen Berufsausbildung.

Tom Höppner verweist auch auf die soziale Bedeutung der Schuldnerberatung: „Die ganze Familie leidet ja, wenn zum Beispiel der Vater Schulden hat.“

Inge Blask hält es für die Zukunft für sinnvoll, Schuldner- und Insolvenzberatung nach bayrischem Vorbild zusammenzulegen. Weil Betroffene dann nicht mehr auf „zwei Stühlen“ Platz nehmen müssten – und man die neu zu schaffende Institution so auch finanziell besser ausstatten könnte. „Außerdem sollten einheitliche Qualitätsstandards für die Beratung festgelegt werden.“ Und mehr Prävention, wie von den AWO-Mitarbeitern angeregt, sollte es auch geben.

Michael Scheffler, Vorsitzender der Arbeiterwohlfahrt Westliches Westfalen und stellvertretender Vorsitzender des Präsidiums des AWO-Bundesverbandes, kündigte an, die Anregungen aufnehmen zu wollen.

Zahlen aus dem Jahresbericht:

Im Jahr 2018 wurden in Iserlohn, Hemer, Menden und Balve 486 Menschen langfristig wegen Schulden beraten (2017: 485). Hinzu kamen 705 Kurzberatungen (2017: 664).

Zusätzlich wurden für 176 Personen eine Bescheinigung für ein Pfändungsschutzkonto ausgestellt (2017: 196).

Auslöser für Überschuldung sind zuvorderst „unwirtschaftliche Haushaltsführung“ (22,84 Prozent), vor Arbeitslosigkeit (19,34), Trennung/Scheidung (13,99), Krankheit/Unfall (13,17), gescheiterte Selbstständigkeit (7,41).

251 Frauen (51,65 Prozent) und 235 Männer (48,35) wurden im Einzugsgebiet beraten. In Iserlohn lag der Anteil der Männer (56,02) höher.

Bei den Beratungsleistungen dominieren „Zusammenstellung der Forderungsunterlagen“ (433 Fälle) vor Erhalt/Einrichtung eines Kontos (224) und Stundungsfragen (186). Für 126 Personen wurden zudem Verbraucherinsolvenzverfahren eingeleitet.

35 Prozent der Ratsuchenden beziehen SGBII-Leistungen; weitere 14 Prozent zumindest als Ergänzung. 60,7 Prozent der Kunden haben keine abgeschlossene Ausbildung.

Bei 41,15 Prozent der Ratsuchenden liegt die Schuldenhöhe unterhalb von 5000 Euro.

23,45 Prozent sind als g rößte Gruppe zwischen 31 und 40 Jahre alt. Es folgen: 22,02 Prozent (41-50 Jahre), 20,78 Prozent (51-60), 13,99 (über 60), 12,14 Prozent (26-30), 7,61 Prozent (18-25).

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