Interview

„Wir passen jetzt sehr gut in dieses Konzept“

Bereit zu neuen Taten in gewohnter Qualität am neuen Standort. (v.l.) Sabrina Trenkelbach, Oberarzt Dr. Al-Dashan, Claudia Hennig und Chefarzt Dr. Wolfgang Welke.

Bereit zu neuen Taten in gewohnter Qualität am neuen Standort. (v.l.) Sabrina Trenkelbach, Oberarzt Dr. Al-Dashan, Claudia Hennig und Chefarzt Dr. Wolfgang Welke.

Foto: Thomas Reunert / IKZ

Lüdenscheid.  Bei aller Traurigkeit über das Geschehene sieht Dr. Wolfgang Welke die Schmerzklinik in Lüdenscheid auf einem guten Weg. Ein Hausbesuch

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Sportklinik Hellersen, Haus 2, dritter Stock, gleich links um die Ecke, wenn man aus dem Aufzug kommt. Ein helles, großzügiges Foyer mit modernem Anmeldebereich, in der Ecke offensichtlich noch ein Umzugskarton. Ein freundlicher Herr im weißen Kittel blickt kurz von einer Krankenakte auf und ruft: „Er kommt sofort.“

„Er“ ist in diesem Fall Dr. Wolfgang Welke, der Chefarzt des neuen Schmerzzentrums an der Sportklinik in Lüdenscheid-Hellersen. Vorstellen muss man den rührigen Facharzt der interessierten Leserschaft der Heimatzeitung vermutlich ja nicht wirklich. Denn es war ja eben dieser Dr. Welke, der bis vor wenigen Wochen und eigentlich auch bis zum letzten „Atemzug“ noch mit seiner engagierten Mannschaft das höchst erfolgreiche Schmerzzentrum am Letmather Marienhospital geleitet und betrieben hat. Und der am Ende aber – wie die anderen Abteilungen des Letmather Traditionshauses – allen Mitarbeiter- und Bürgerprotesten zum Trotz den Management- und somit Schließungsentscheidungen der Märkischen Kliniken GmbH unterlegen war.

Allerdings hatte sich der engagierte Mediziner, der vor rund zehn Jahren aus der Schweiz an die Lenne gekommen war und nach eigenen Angaben bereits ein „tolles Portfolio“ übernommen hatte, den Entscheidungen der Lüdenscheider Planer und Zahlen-Verwalter nicht klaglos ergeben, sondern er hatte sich aktiv um eine Fortführung seines weit über die Grenzen Iserlohns und des Märkischen Kreises hinaus nachgefragten Angebotes bemüht und schließlich in eben jener Sportklinik Hellersen, ebenfalls ein Haus mit Tradition und bestem Ruf, eine neue Heimstatt gefunden. Nach einem erstem Warmlauf- und Kennenlern-Betrieb in den Wochen vor Weihnachten, nehmen Dr. Welke und sein Team nun die tatsächliche stationäre Klinikarbeit auf.

Natürlich geht es bei dem Gespräch mit Dr. Welke in erster Linie um die jüngere Vergangenheit, also das Schicksal des Letmather Krankenhauses und die guten Möglichkeiten am neuen Standort. Aber es geht auch immer wieder darum, dass politischer Wille, Kostenmanagement und tatsächliche Bürgerbedürfnisse sich in vielen Punkte nicht oder nicht mehr zur Deckung bringen lassen. „Die Bedürftigen haben bei uns nicht wirklich eine Stimme“, wird Dr. Welke an diesem Nachmittag nicht nur einmal sagen. Er wird erklären, dass und warum Krankenhausschließungen zur Bewältigung eines real existierenden Ärztemangels keine Lösung sind. Und er wird auch dafür plädieren, Interessenten auch ohne Granaten-Abitur-Zeugnis einen Einstieg in den Mediziner-Beruf zu ermöglichen.

Und immer wieder wird er sagen, dass die Verantwortlichen über die Köpfe der Leute einfach hinwegplanen würden, und er wird sich erregen, dass kleinen Krankenhäusern in heutiger Zeit oftmals schlichtweg die Kompetenz und den Ärzten, die nicht mit gewaltigen OP-Stückzahlen brillieren können, einfach die Qualität abgesprochen wird. „Das ist Schlag ins Gesicht derjenigen, die sich jahrzehntelang in diesem System abgemüht haben.“ Doch vom großen Ganzen zunächst noch einmal wieder zurück ins Lokale.

Herr Dr. Welke, bevor wir nach vorn und in Ihre Zukunft blicken, müssen wir noch einmal einen kleinen Blick zurück werfen. Herrscht noch Kater-Stimmung?

Natürlich haben wir alle, vor allem nach dem einstimmigen positiven Beschluss im Iserlohner Stadtrat, zunächst gehofft, dass die Schließungsentscheidung des Kreistags noch irgendwie zu kippen gewesen wäre. Aber dem war ja dann nicht so. Es wurde auch hinter den Kulissen fleißig gearbeitet, dass sich da nichts mehr bewegen konnte.

Sie waren ja – wie man auch in der Heimatzeitung lesen konnte – damals deutlich anderer Meinung gewesen.

Ich denke tatsächlich, mit etwas gutem Willen hätte man da was machen können. Ich ärgere mich immer, wenn ich lese, dass das Haus immer defizitär gewesen wäre. Dem war ja gar nicht so. Das Haus war in zehn Jahren acht Mal im positiven Bereich. Und nur durch die Brandschutz-Geschichte sind wir in die roten Zahlen gerutscht. Heutzutage haben viele Krankenhäuser Probleme mit Brandschutzauflagen aber das sollte doch nicht sofort zur Schließung derselben führen, wenn sie eine gute Arbeit leisten. Deswegen haben wir eben auch noch immer an eine Weiterführung geglaubt.

Nun richten Sie also die Blicke mit Schwung nach vorn.

Genau, wir hatten ja immer im Hinterkopf das Ziel, die Schmerzklinik am Ende zu retten, das Personal zusammenzuhalten.

Wie viele „Aktive“ waren Sie zum Schluss beziehungsweise zu Hoch-Zeiten in Letmathe?

24 Frauen und Männer waren in der Schmerzklinik tätig. Das waren fünf Ärzte und etwa 17 Pflegekräfte bei rund 28 Betten auf der Station, die ständig belegt waren. Wir hatten übrigens, um noch einmal die Zahlen der Vergangenheit zu bemühen, bis Ende September oder Anfang Oktober über 700 stationäre Patienten. Und am 31. Oktober sind wir geschlossen worden. Das heißt, wir hätten durchaus das sehr gute Ergebnis von 2018 auch im Schließungsjahr erreicht. Das ist belegbar. Dazu kamen ja noch einmal rund 3000 ambulante Patienten pro Jahr.

Wie groß war und ist Ihr damaliges wie heutiges Einzugsgebiet? Bei Ihrem ja offensichtlichen Ruf wie Donnerhall?

Das ganze Bundesgebiet. Und das wäre auch immer weiter so gegangen. Und geht jetzt auch so weiter. Und da sind wir natürlich froh, dass wir hier so gut aufgenommen worden sind. Das ist wirklich toll. Es ist eine gute Stimmung. Vor allem auch beim Personal in der Sportklinik.

Konnten alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, so sie denn wollten, mit Ihnen wechseln?

Alle, die wollten, konnte ich in der Tat mitnehmen.

Ist Ihnen denn der für Ihre Patientenschaft vermutlich wichtige lückenlose Übergang am Ende tatsächlich gelungen?

Ja, wenn auch mit Schwierigkeiten. Es gibt eben Patienten, die auf uns dauernd angewiesen sind, die monatlich zur Befüllung ihrer Schmerzmittel-Pumpen kommen. Das ist für sie wie Insulin beim Diabetiker. Zunächst haben wir also versucht, auch nach der Schließung des Hauses in Letmathe die ambulante Versorgung aufrecht zu erhalten. Aber das scheiterte schließlich an rechtlichen Fragestellungen. Also haben wir den Umzug nach Hellersen zeitlich vorgezogen, was alle Beteiligten zunächst überrascht und auch vor große Aufgaben gestellt hat. Die wurden aber gemeistert.

Ich muss mal kurz nachfragen: Was sind das denn für Schmerzmittel-Pumpen, von denen Sie da sprechen und die hinter mir auf dem Tisch auch Geräusche machen?

Darüber wird ein Schmerzmittel ins Hirnwasser abgegeben. In einem ersten Eingriff implantiert man einen kleinen Schlauch im Rücken ins Hirnwasser, und in einem zweiten Eingriff schließt man ein Reservoir aus Titan an, das man von außen durch die Haut mit einer Spezialkanüle befüllen kann. Davon haben wir sehr viele Patienten, die einfach auf uns angewiesen sind. Und sie können sich vorstellen, wie verzweifelt die im letzten Jahr waren.

Welche Patienten, welches Krankheitsbild betrifft das überhaupt?

Ein weites Feld. Die meisten sind voroperiert, hatten also zum Beispiel mehrfache Bandscheinvorfälle oder eine Versteifungsoperation wegen Wirbelgleiten. Es gibt aber auch traumatische Gründe oder Ursachen der Abnutzung bei schwerer Arbeit.

Gibt es Schmerzbilder, die in der Volksmeinung nach wie vor als unbehandelbar erscheinen, gegen die oder für die es aber inzwischen wirksame Therapien gibt?

Auf jeden Fall. Schließlich haben sich ja auch die Substanzen bei den Schmerzmitteln verändert. Und bei Unverträglichkeiten gibt es zahlreiche Ausweichmöglichkeiten. Es gibt bei Morphin-Resistenz zum Beispiel das Gift der südpazifischen Kegelschnecke, das man auch über die Pumpe verabreichen kann. Allein davon haben wir zurzeit an die vierzig Patienten, die damit seit Jahren behandelt werden.

Ihr Ansatz besteht aber grundsätzlich eben auch darin, die eigentliche Schmerzursache zu finden und zu bekämpfen. Nicht das Dämpfen oder Ertragbarmachen des Schmerzes.

Da gibt es ja zunächst die kausale Behandlung. Also Sie haben Gelenkschmerzen, das Gelenk ist kaputt, es wird ausgetauscht gegen eine Prothese, der Schmerz ist weg. Bei der symptomatischen Behandlung, die mehrheitlich stattfindet, geht das anders. Da geht es um Patienten, deren Schmerz man nicht 100 Prozent beseitigen, deren Lebensqualität man aber steigern kann. Wenn der Schmerz ein bestimmtes Niveau erreicht und mein ganzes Denken beeinflusst, wenn ich meinen ganzen Alltag darauf abstellen muss, mit den Schmerzen klar zu kommen, dann habe ich keine gute Lebensqualität mehr. Und dazu soll unsere Therapie dienen, das Schmerz-Niveau so abzusenken, dass die Leute wieder aktiver werden, agiler werden. Man kann sagen: Bewegung trotz Schmerz! Aber man kann auch sagen: Bewegung gegen Schmerz! Und da ist die Sportklinik hier mit ihrem schönen, großen Reha-Bereich natürlich auch gut aufgestellt.

Stichwort „Nachfrage“: Wie lange sind denn bei Ihnen die Vorlauf- und Wartezeiten?

Ich achte darauf, dass innerhalb von vier Wochen ein Termin klappt. Ich weiß, dass es bei niedergelassenen Schmerztherapeuten zum Teil Wartezeiten von einem halben Jahr gibt, aber wir versuchen, diese Versorgungslücke nach Möglichkeit zu schließen.

Ist Schmerzmedizin eigentlich ein spannendes Feld für junge Ärzte oder suchen auch Sie da eine der berühmten Nadeln in Heuhaufen?

Also ich bin ja Anästhesist. Und da beschäftigt man sich vom ersten Berufstag an mit Schmerzen. Man will ja einfach nicht, dass die Patienten mit Schmerzen nach der Narkose aufwachen. Und so ist es eben auch geschichtlich, dass es in erster Linie die Anästhesisten waren, die sich überhaupt auf das Phänomen „Schmerz“ gestürzt haben. Da gibt es auch schon beim Nachwuchs Interesse. Ich selber bilde ja auch aus, habe die volle Weiterbildungsbefugnis für die Schmerztherapie und kann auch Ärzte von anderen Fachgruppen ausbilden. Unsere neue Stationsärztin wird zum Beispiel eine Chirurgin sein.

Noch einmal zurück zur aktuellen Situation hier vor Ort. Verstehe ich das richtig, dass Sie komplett eingebettet sind in das System der Sportklinik? Sie sind kein eigener Betrieb im Betrieb?

Genau. Wir arbeiten hier verzahnt und interdisziplinär.

Heißt aber auch, dass es – bei alle Tragik der Letmather Entwicklung – für Sie fast auch ein Glücksfall und eine sinnstiftende Lösung ist, hier nach Hellersen gekommen zu sein?

Das ist so. Wir passen hier wirklich als Mosaikstein sehr gut in diese Klinik. Und ich hoffe natürlich, dass wir auch zum Erfolg des Hauses weiterhin beitragen können.

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