Streetworker

Wie ein Jugendsozialarbeiter die Lage in Iserlohn beurteilt

Infostand Streetworker "Auf der Straße zu Hause"

Infostand Streetworker "Auf der Straße zu Hause"

Foto: Michael May

Iserlohn.  Frank Müller sitzt seit 20 Jahren auf der Straße – als Jugendsozialarbeiter. Er erklärt, warum er in dieser Zeit noch keine Prügel bezogen hat.

Frank Müller wurden in 20 Jahren nur ein einziges Mal Schläge angedroht, sagt er nach kurzem Nachdenken. Das mag überraschen, denn sein Beruf führt den Jugendsozialarbeiter dort hin, wo viele instinktiv den Blick abwenden und ihren Schritt beschleunigen: zu den Grüppchen, die auf der Straße „abhängen“ oder, im äußersten Fall, dort leben. „Wohnungslosigkeit ist für junge Erwachsene ein besonderes Risiko“, erklärt der 57-Jährige. „Das kann schnell passieren, wenn sie die erste eigene Bude verlieren, weil sie nicht mit Geld umgehen können.“ Mit einem negativen Krediteintrag bekomme man dann so leicht keine neue Wohnung.

Gewalt gegen Passanten in der Regel ein Mythos

Nicht jeder, der seine Zeit am Bahnhof oder auf der Treppe am Fritz-Kühn-Platz verbringt, tue dies aus der Not heraus, sagt Frank Müller. Diese Einschätzung gehe genau so an der Realität vorbei wie die Annahme, die Protagonisten der Trinker- und Drogenszene – in Iserlohn ein „überschaubarer Mi­krokosmos“ – stellten per se eine Bedrohung für Außenstehende da. Besonders um den Fritz-Kühn-Platz rankten sich Gerüchte über regelmäßige Übergriffe auf Passanten, ärgert sich Uwe Browatzki. Der Quartierslotse für die südliche Innenstadt weiß, wovon er spricht: „Natürlich kommt es bei dieser Klientel auch zu Gewalt – physisch und psychisch. Aber die wird nicht nach außen getragen.“

Auf der Straße gelte durchaus zunächst das Gesetz des Stärkeren, aber die verschiedenen Gruppen hätten ihre Gebiete abgesteckt. Revierkämpfe hat Frank Müller in Iserlohn seit Jahren nicht gesehen, berichtet er. Im täglichen Umgang als Streetworker komme es auf die richtige Herangehensweise und Bauchgefühl an: „Wir drängen uns niemals auf, und wir tun nicht so, als würden wir dazugehören.“

Deshalb könne er auch in seinem Alter noch effektiv mit Jugendlichen arbeiten: „Wir betrachten uns als Gäste und machen als ‘Erwachsene der anderen Art’ Gesprächsangebote. Dabei kann es sogar helfen, dass wir eine andere Perspektive haben.“ Man entwickle in dem Job ein Gespür dafür, wenn es brenzlig werde. In solchen Fällen sei sofortiger Rückzug angesagt: „Wir sind keine sozialen Feuerwehrleute. Wir sorgen für einen Puffer und versuchen, mehr Verständnis zu etablieren.“

Damit meint er auch die öffentliche Wahrnehmung. Die jungen Leute seien keineswegs dümmer oder gleichgültiger geworden. Dass viele in eine politikferne Konsumentenhaltung gerutscht sind, sei ein gesamtgesellschaftliches Pro­blem. „Es gibt noch immer welche, die sich engagieren, und das dann mit Feuereifer“, lautet seine Erfahrung. Die Sozialarbeit funktioniere am besten, wenn die Jugendlichen selbst als Motor fungieren.

Erschließung der sozialen Medien nur mit Vorsicht

Mit den sozialen Medien sind die Sozialarbeiter übrigens vorsichtig. „Bisher beschränken wir uns darauf, auf unseren Seiten zu posten. In die Unterhaltungen unserer Zielgruppe klinken wir uns online nicht ein“, erläutert Frank Müller. Uwe Brogatzki indes wünscht sich eine Renaissance nachbarschaftlicher Werte, da Isolation um sich greife: „Zwischen Januar und August gab es auf dem Hauptfriedhof 33 Beerdigungen ohne Gäste. Das ist eine erschreckende Zahl.“

Genug zu tun gibt es in jedem Fall in der Waldstadt, meint Frank Müller: Einzelne Angebote würden von jungen Leuten gut angenommen, insgesamt hätte Iserlohn dieser Altersgruppe aber nicht viel zu bieten, schon gar nicht der neue Fritz-Kühn-Platz. „Die meisten führt es nicht zum Bahnhof, um dort abzuhängen, sondern um den Zug nach Dortmund zu nehmen. Die letzte Disco hier hat ja schon vor einer Weile zugemacht.“

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