Stadtgeschichte

Weiterhin mutig für das Vergangene einstehen

Alexandra Lehmann hat über die Erinnerungskultur in Iserlohn gesprochen.

Alexandra Lehmann hat über die Erinnerungskultur in Iserlohn gesprochen.

Foto: Michael May

Iserlohn.  Alexandra Lehmann verbindet ihren Vortrag zur Erinnerungskultur in Iserlohn mit einem klaren Appell.

Mut zur Erinnerung – so hat Alexandra Lehmann ihren Vortrag zur Erinnerungs- und Gedenkkultur für die NS-Opfer in Iserlohn betitelt. Denn Mut brauchte und braucht es offensichtlich, um ein Gedenken der Nazi-Gräueltaten anzustoßen – das jedenfalls ist das Ergebnis ihrer Untersuchungen.

Die 44-jährige Iserlohnerin, die lange Jahre als Zeitungsredakteurin tätig war und jetzt im Offenen Ganztag der Sümmerner Grundschule arbeitet, hatte vor zwei Jahren ihr Studium in den Fächern Geschichte und Germanistik wieder aufgenommen und nun ihre Bachelor-Arbeit zur Erinnerungskultur in Iserlohn vorgelegt. Am Dienstag hat sie ihre Ergebnisse im Rahmen der stadtgeschichtlichen Vortragsreihe von Stadtarchiv und Volkshochschule in der Alten Post vorgestellt und damit für einen vollen Saal gesorgt. Denn – das räumte auch Stadtarchivar Rico Quaschny zu Beginn ein – nach der Attacke auf eine Synagoge in Halle und angesichts des allgemeinen politischen Klimas könne dieses Thema kaum aktueller sein.

Erste Gedenkveranstaltung in Iserlohn im Jahr 1947

Im Zentrum der Recherchen von Alexandra Lehmann stehen die 80er Jahre, die eine Wende und einen Durchbruch hin zu einer neuen Erinnerungskultur markieren. Zuvor, von der unmittelbaren Nachkriegszeit, bis in die 70er Jahre hinein seien lediglich zwei Gedenkveranstaltungen überliefert: einmal von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und der Gewerkschaften im Jahr 1947 und eine Gedenkkundgebung auf Einladung der jüdischen Gemeinde im Kreis Iserlohn im Jahr 1955 auf der Alexanderhöhe. Der jüdischen Gemeinde Iserlohn war auch 1970 eine Buchveröffentlichung von Arno Herzig und Konrad Rosenthal gewidmet.

Eine grundlegende und bewusste Aufarbeitung der Gräueltaten des Dritten Reiches über einzelne Gedenkveranstaltungen hinaus setzte nach den Erkenntnissen von Alexandra Lehmann auch in Iserlohn erst in den 80er Jahren ein, als allgemein unter dem Schlagwort der „Geschichte von unten“ ein neuer Umgang mit dem Holocaust Einzug hielt. Allerdings gab es auch da noch – ähnlich wie den Nachkriegsjahren auch – erhebliche Widerstände. Davon erzählt beispielsweise das Ringen um eine Gedenktafel am Standort der in der Reichspogromnacht 1938 niedergebrannten Synagoge an der Mendener Straße zu Beginn der 80er Jahre. Die Besitzer des Grundstücks sperrten sich dagegen, so dass bis heute nur eine Tafel auf städtischem Grund gegenüber des ehemaligen Eingangs an das jüdische Leben in Iserlohn erinnert.

Misslungene Festschrift löst 1987 Mahnmal-Antrag aus

1987 sorgte dann die Festschrift zur 750-Jahr-Feier der Stadt, in der das Dritte Reich verharmlost wurde, für einen Eklat. Für den SPD-Mann Ulrich Dragon war das ein klares Zeichen dafür, dass die Dimension der NS-Verbrechen immer noch nicht im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert seien, weswegen er die Errichtung eines Mahnmals zum Gedenken an die NS-Opfer verknüpft mit einer Erforschung der Stadtgeschichte beantragte. Obwohl dem Mahnmal sofort zugestimmt wurde, war der Weg bis zur Einweihung im Oktober 1989 noch weit. Der beauftragte Künstler Siegfried Neuenhausen musste seine Entwürfe, in denen er aus den Versatzstücken des Hakenkreuzes auch einen Galgen formte, wiederholt anpassen. Der enge finanzielle Rahmen von 100.000 Mark sorgte dafür, dass die begleitenden Inschriften erst acht Jahre nach der Einweihung installiert werden konnten.

Und auch die Standortfrage war problematisch. Der Standort am Poth wurde letztlich nicht nur gewählt, weil er eine öffentliche Auseinandersetzung herausfordert, sondern auch wegen seiner historischen Bezüge: So wurden in einem Haus unterhalb des Poths an der Kluse die letzten jüdischen Iserlohner zusammengetrieben und harrten dort aus, bis sie über den Westbahnhof abtransportiert wurden.

Gedenken erfordert Mut, zu allen Zeiten – das haben diese Ausführungen gezeigt. Und es ist zu befürchten, dass das politische Klima derzeit nicht gedenkfreundlicher wird. Alexandra Lehmann hat ihren Vortrag daher mit dem Appell beschlossen, auch zukünftig mutig für das Vergangene einzustehen: „Wer die Vergangenheit verharmlost, darf in unserer Gesellschaft keinen Platz finden.“

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