Serie „Der Kampf um die Köpfe“

Was will ich – und wenn ja, wie viel?

„Früher war es entspannter, menschlicher“: Psychologe Thomas Graumann Iserlohn erlebt viele Menschen, die unter Druck leiden.

„Früher war es entspannter, menschlicher“: Psychologe Thomas Graumann Iserlohn erlebt viele Menschen, die unter Druck leiden.

Foto: Stefan Janke / IKZ

Iserlohn.  Gemeldete psychische Erkrankungen nehmen zu. Ein Gespräch mit Psychologe Thomas Graumann über Überlastung, Anspruchsdenken und Selbstoptimierung.

Ein Leistungsträger im Beruf, Mitte 30, zwei Kinder. Die Familie hat gerade gebaut, der Mann ist beruflich viel unterwegs, betreibt Leistungssport, scheint kerngesund. Doch es beschleicht ihn eine innere Unruhe. Das Herz, drei Mal wird er ins Krankenhaus gebracht, Verdacht auf Infarkt. Finden können die Ärzte aber nichts. Der letzte in der Reihe schickt ihn schließlich zum pbz, zu Thomas Graumann. Der diagnostiziert eine Panikattacke.

Graumann sagt: „Seit den 2000er Jahren kommen immer mehr Menschen zwischen 20 und 30 Jahren.“ Meist Leistungsträger. Die gibt es übrigens in allen Bereichen. Führungskräfte, Büroangestellte, Pfleger. Menschen, die etwas können. Und viel wollen. Manchmal zu viel.

Perfektionismus und überzogene Erwartungshaltungen in allen Lebensbereichen. Vom Job bis zur Familienfeier. Guter Vater, Mutter, Ehepartner sein, jugendlich und doch seriös, beruflich erfolgreich, Vielreisender und Triathlet – was klingt wie ein konstruierter Extremfall, ist im Kopf vieler der Anspruch, den es zu erfüllen gilt. Und es muss nicht immer gleich Extremsport sein. Schon die dauerhaft nicht aufgeräumte Wohnung, ein nicht abgearbeiteter Stau an Papier, kann manche förmlich in den Wahnsinn treiben. Manche dieser Menschen schlittern sehenden Auges ins Unglück. Und nehmen sogar das Scheitern der Familie in Kauf.

„Es gibt mittlerweile sogar Eventmanager für Kindergeburtstage“, erzählt Graumann von einem besonders absurden Beispiel für überzogenen Perfektionismus. Wenn dann ein weiterer Baustein dazu kommt, zum Beispiel Pflegeverantwortung für die Mutter, kann das schnell einer zu viel sein. Dazu kommt die ständige Erreichbarkeit. „Ein Schutzraum fehlt bei vielen“, sagt Graumann.

Der Psychologe glaubt nicht zwingend, dass die absolute Zahl der Erkrankungen gestiegen ist. Sicher sei allerdings, dass mehr angezeigt würden. „Es gibt eine größere Offenheit dafür“, sagt er. Der moderne Mensch – er neigt offenbar dazu, sich über Banalitäten den Kopf zu zerbrechen. Und sich mit anderen zu vergleichen. Zum Beispiel so, dass die eigene Inszenierung auf Instagram oder Facebook plötzlich zum belastenden Faktor wird.

Ein Phänomen, das perspektivisch mehr junge Menschen auf die Psychiater-Couch bringen wird? „Es gibt zumindest Forscher, die das behaupten“, sagt Graumann.

Positiv an der schönen neuen Welt immerhin: Mittlerweile gibt es Apps, die bei Burnout, Depressionen und Co. zumindest lindernd wirken, Achtsamkeit lehren können und über die Krankenkassen erhältlich sind.

Was will ich – und wie viel davon? Die Qual der Wahl zu haben – beim Studiengang, wo es heute Tausende statt vor 30 oder 40 Jahren um die Hundert gab, beim Freizeitsport, dem Urlaubsort – viele setzt das unter Druck. Oder zumindest löst es Unbehagen aus. Ein permanentes Gefühl, Dinge seien unerledigt. „Und obwohl es uns unterm Strich gut geht, haben viele Menschen starke Zukunftsängste“, sagt Graumann. Vor allem junge Menschen, die aktuell ihren Weg hinein ins Leben suchen.

Drohende Arbeitslosigkeit ist wohl größter Risikofaktor

Ein oder mehrere verlorene Semester an der Uni – was früher Normalität war, löst heute bei Studenten große Sorgen aus. „Früher war es entspannter, menschlicher“, glaubt Graumann.

Die Folgen können Schlafstörungen, Lustlosigkeit, Angstzustände, Depressionen sein. Oder auch Rückenbeschwerden, denn ein überforderter Kopf kann auch dem Körper zusetzen. 80 Prozent aller Erkrankungen, auch physische, rührten laut Schätzungen von der Psyche her, sagt Graumann.

Doch nicht immer, eigentlich sogar in den wenigsten Fällen, sei eine Therapie nötig. Zwei Sprechstunden, fünf probative Sitzungen gesteht die Kassenärztliche Vereinigung zu – dann sollte eine Diagnose stehen. „Und mit 24 Stunden Kurzzeittherapie ist in der Regel das meiste erledigt“, sagt Graumann.

Größter Risikofaktor für eine psychische Erkrankung ist Arbeitslosigkeit, trotz allem Stress, den der Job verursachen kann. Das fehlen einer Struktur im Alltag, einer Aufgabe. Kontakte, Anerkennung – „Arbeit gibt uns viel“, ist sich Graumann sicher.

Wer Hilfe in Anspruch nimmt, muss übrigens nicht zwingend die totale Entblößung persönlicher Notlagen und Lebensumstände fürchten. Graumann spricht in diesem Zusammenhang von Taxifahrer-Psychologie. „Ein Taxifahrer fragt nicht, woher kommst Du, sondern: Wohin willst Du? Es geht nicht immer darum, große Konflikte aufzudecken.“

Es gehe vielmehr darum, lösungsorientierte Ansätze zu finden. Um „Feinjustierung“ also. Einen Abgleich von eigenem Anspruch, Haltung und Realität, an dessen Ende im Idealfall die Rückkehr zu einem Gefühl von Selbstbestimmtheit steht.

Wie das gelingen kann – eben darum soll es unter anderem im weiteren Verlauf dieser Serie gehen.

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