Schwimmunterricht

Was es braucht, um über Wasser zu bleiben

Karlheinz Dörnen, 1. Vorsitzender der DLRG-Ortsgruppe Iserlohn, im Seilerseebad, wo der Verein Schwimmkurse anbietet. Ohne mehr Personal und Schwimmzeiten wird sich nichts ändern, ist er überzeugt.

Karlheinz Dörnen, 1. Vorsitzender der DLRG-Ortsgruppe Iserlohn, im Seilerseebad, wo der Verein Schwimmkurse anbietet. Ohne mehr Personal und Schwimmzeiten wird sich nichts ändern, ist er überzeugt.

Foto: Michael May

Iserlohn.  Schulen, Elternvertreter und DLRG nehmen Stellung zum Aktionsplan der Landesregierung und berichten von den Problemen in Iserlohn.

Der neunjährige Morteza kann schwimmen. Und nicht nur das: „Ich habe schon Gold!“ berichtet der Schüler der Südschule stolz. Dass er damit vielen seiner Mitschüler eine Nasenlänge voraus ist, liegt an seiner Vorbildung: Die Grundlagen hat er schon mit sieben Jahren bei einem Schwimmkurs des ISSV gelernt. Das werde zunehmend zur Ausnahme, erklärt Schulleiter Uli Römer: „Immer weniger Kinder lernen in der Familie schwimmen. Unser Ziel ist, dass jedes Kind unsere Schule schwimmfähig verlässt, das ist aber nicht leicht umzusetzen.“

Lob für neue Standards zur Schwimmfähigkeit

Unterstützung bei diesem Vorhaben hat gestern die Landesregierung angekündigt: Der Aktionsplan verspricht eine Überarbeitung der Lehrpläne und intensivere Zusammenarbeit „Partnern der Zivilgesellschaft“. Elternvertreter Mirko Manzke, Vorsitzender der Stadtschulpflegschaft, lobt das Engagement an den Iserlohner Grundschulen und im Grundsatz auch den Vorstoß der Landesregierung: „Sinnvoll ist aus unserer Sicht der neue Standard, der da formuliert wird.“ Das Seepferdchen-Abzeichen sage wenig über die allgemeine Schwimmfähigkeit aus. Er stellt aber auch klar: „Da müssen jetzt Taten folgen.“ Die Schulen bräuchten mehr qualifiziertes Personal, Ferienkurse könnten das Problem bestenfalls lindern. Manzke warnte davor, zu viel auf privates Engagement abzuwälzen.

Wie schwer es ist, Defizite aus Erziehung und Schulunterricht zu kompensieren, weiß Karlheinz Dörnen als Vorsitzender der Iserlohner Ortsgruppe der DLRG sehr genau: „Wir bräuchten mehr Leute, um mehr Kurse anzubieten. Ich bin hier der einzige im Rentenalter, der tagsüber zur Verfügung steht. Mit Abendkursen ist Eltern von Grundschulkindern nicht geholfen.“ Die Gruppengröße sei mit 15 Kindern pro Ausbilder bereits am Limit – die vier Helfer könnten nur beaufsichtigen, nicht qualifiziert unterrichten. „Die Landesregierung hat leicht reden, genau wie unser eigenes Landespräsidium. Da höre ich immer nur, wir müssen, wir müssen – wer so daherredet, kann die Basis noch nie selbst besucht haben.“

Abgesehen von den Personalschwierigkeiten müsste auch mehr Wasserfläche zur Verfügung stehen, erklärt Dörnen weiter. Vor allem Stunden am Nachmittag würden benötigt, aber: „Im Freibad werden nachmittags keine Bahnen für Schwimmunterricht abgetrennt, da würden sich die Gäste, die Eintritt bezahlt haben, beschweren.“ Schon für eine zusätzliche Stunde am Abend im Seilerseebad habe er lange kämpfen müssen.

Enttäuschung über geringe Resonanz auf Aktion

Auch Karlheinz Dörnen bezweifelt, dass nur mit Aktionen Abhilfe zu schaffen ist. Als Beleg führt er seine Erfahrung mit der Initiative des Sportamtes der Stadt an, die Schüler dazu aufrief, sich bei einem Sportverein anzumelden – der Mitgliedsbeitrag wird übernommen. „Genau eine junge Dame ist dadurch zu uns gekommen. Eine einzige“, berichtet Dörnen sichtlich enttäuscht.

Zurück in die Südschule: Hier ist den Kindern kein mangelndes Engagement anzumerken, im Gegenteil. Jesse (8) und Adina (9) sind oft und gern im Schwimmbad, Dorcas (8) und Destin (9) lernen noch, wie man über Wasser bleibt. Zoe (8) hat das Bronze-Abzeichen: „Im Urlaub gehe ich immer mit Papa im Meer schwimmen“, berichtet sie. Mitschülerin Madlin (9) hat großen Respekt vor dem kühlen Element: „Am Anfang hatte ich ein bisschen Angst“, gibt sie zu. „Aber irgendwann bin ich meine erste Runde ohne Festhalten geschwommen, und dann war es besser.“ Nur beim Tauchen sei ihr noch nicht ganz wohl: „Ich stelle mir manchmal vor, dass ich nicht wieder nach oben komme“, sagt sie und eine Klassenkameradin nickt zustimmend. „Schwimmlehrer müssen auch mit Ängsten umgehen können“, bemerkt Uli Römer und betont die Bedeutung professioneller Kräfte. Ein Problem für sich sei übrigens die Einstellung vieler Eltern, die sich massiv gewandelt habe: „Dass Schwimmen ein wichtiges Kulturgut ist, erkennen längst nicht mehr alle an.“ Überzeugungsarbeit sei keineswegs nur bei Migrantenfamilien nötig, betont der Schulleiter. Mitunter habe die Schule auch mit Vermeidungstaktiken einzelner Kinder zu tun, die von den Eltern zumindest stillschweigend hingenommen würde: „In zwei Fällen sind aus Schwimmverweigerern sogar Schulverweigerer geworden“, berichtet er.

Bei der Diskussion übers Schwimmen lernen dürfe nicht vergessen werden, dass Schulen noch mit ganz anderen Engpässen umgehen müssten – „und vielen Eltern sind Mathe und Deutsch wichtiger.“ Der Südschule gehe es vergleichsweise gut, mit Blick auf die „katastrophale“ Lage andernorts will sich Uli Römer nicht beklagen. „Wünschen würde ich mir ausreichend Schwimmzeiten für eine Stunde in der Woche für jeden Klassenzug – im Moment müssen wir durchwechseln und können daher nur alle 14 Tage Termine garantieren – sofern das Schwimmbad nicht geschlossen ist.“

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