Politik

Von Chancen und Katastrophen

Ein Herz für das Rathaus am Schillerplatz – das haben nicht alle in Iserlohn. Vor allem CDU und UWG-Piraten präferieren den Bahnhof als neuen Standort, doch gibt es dazu noch keinen Beschluss.

Ein Herz für das Rathaus am Schillerplatz – das haben nicht alle in Iserlohn. Vor allem CDU und UWG-Piraten präferieren den Bahnhof als neuen Standort, doch gibt es dazu noch keinen Beschluss.

Foto: Tim Gelewski

Iserlohn.  Der Iserlohner Elektro-Ingenieur Robert Gustävel vermutet in der Rathausfrage eine vorzeitige Festlegung auf den Bahnhof. Baurat Grote antwortet

Robert Gustävel ist wohl das, was man ohne bösen Hintergedanken als einen interessierten Bürger bezeichnen könnte. Gebürtiger Iserlohner, als Elektrotechnik-Ingenieur weit herumgekommen und beruflich an Großprojekten wie der Veltinsarena beteiligt. „Ich beobachte die Entwicklung in Iserlohn seit etwa zehn Jahren wieder genau“, sagt der 55-Jährige, verheiratet, zwei Kinder.

Im Falle der Rathaus-Problematik sogar so genau, dass Gustävel ein Art Dossier verfasst hat, zwölf Seiten stark, das er unter anderem an die Ratsfraktionen geschickt hat. Der Kern: Aus seiner Sicht würde die Stadtverwaltung bisher keine Lösungswege jenseits eines Rathaus-Neubaus beleuchten. In der Tat hatte es hierzu in der Sondersitzung des Rates Ende Oktober gleichlautende Kritik vor allem von den Linken gegeben. Ein Beschlussvorschlag für die Prüfaufträge zum Standort wurde darum (auf FDP-Initiative) nachträglich ergänzt.

„Bei der Verwaltung beobachte ich ein zunehmendes Schwarz-Weiß-Denken“, sagt Gustävel. Der Wissenscampus als „Chance“, das Rathaus am bisherigen Standort „eine Katastrophe“. Also Umzug zum Bahnhof. Abriss. Neubau. Und das, obwohl sich viele der Brandschutzmängel aus seiner Sicht bei der nach dem Assmann-Gutachten angedachten Sanierung beheben ließen. Plus 8,3 Millionen Euro zu den 48 Millionen für die Sanierung, so seine Schätzung. „Wir haben in Iserlohn eine lange Tradition, Gebäude übereilt abzureißen“, warnt er.

Stichwort Untergrund als einer der Gründe für einen möglichen Umzug: „Eine Gründungsproblematik beim Rathaus ist nicht nachgewiesen“, sagt Gustävel. Oder zumindest seien entsprechende Gutachten nicht transparent. Der Bunker unter dem Rathaus sei in all den Jahren lediglich drei Millimeter abgesackt. Ergo: kein Argument. Warum also nicht einfach sanieren?

Angesprochen auf diese These, hält Stadtbaurat Thorsten Grote dagegen. Ja, ein aktuelles Problem bei der Standsicherheit gebe es nicht. Allerdings besage eine gutachterliche Einschätzung („was aber noch kein Gutachten ist“), dass der Boden unter dem Rathaus genauso belastet von Bergbau- und Untergrundproblematik sei, wie der Schillerplatz.

Der Knackpunkt aber: „Auch bei einer Sanierung müssten die Gewichtsverhältnisse innerhalb des Gebäudes verschoben werden“, sagt Grote. „Wir müssten einen neuen Standsicherheits- und Gründungsnachweis führen.“ Bedeutet: Hier vorab eine verlässliche Aussage zu Kosten und Aufwand zu treffen, sei kaum möglich.

Stichwort Denkmalschutz. „Fassade, Eingangssituation und Foyer müssen erhalten bleiben“, sagt Gustävel. So sei es einst berichtet worden. „Der restliche Zuschnitt des Rathauses könnte fast beliebig verändert werden.“ Das Rathaus war erst nach dem Assmann-Gutachten Denkmal geworden. Der Mehraufwand zur Einhaltung der Anforderungen, glaubt Gustävel, sei überschaubar.

„Diese Aussagen sind nicht richtig“, entgegnet Grote. Tatsächlich müsse das Gebäude zunächst „exakt in der jetzigen Form“ erhalten werden. Einschränkung: „In Abstimmung mit dem Denkmalschutz dürfen zeitgemäße Anpassungen gemacht werden.“ Allerdings müsste dabei jedes Detail abgestimmt werden. „Klar ist, Fassade, Foyer und auch Ratssaal müssen so bleiben, wie sie sind.“

Problem-Kabel bei Sanierung einfach anders verlegen?

Stichwort Elektroverteilung in den Rauchschleusen zum Treppenhaus. Hier verlaufen wie berichtet Kabel, die dort schlicht nicht sein dürfen. Gustävel glaubt, dass es kein Problem darstelle, keine Mehrkosten entstünden, wenn diese im Zuge der Sanierung an anderer Stelle neu verlegt würden. „Es muss eh alles raus, dann kann man auch den Zuschnitt ändern“, sagt er. Platz sei vorhanden, unter anderem weil Wasserleitungen heute nicht mehr den Raum einnehmen würden, wie zu Bauzeiten des Rathauses.

„Das ist ein Planungsauftrag und keine Aufgabe, die man in ein paar Tagen erledigen könnte“, sagt dazu Thorsten Grote. Eine Aussage zu treffen zu einer Angelegenheit mit derart vielen bedenkenswerten Details, sei zumindest „gewagt“.

Stichwort Brandüberschlag. Laut Verwaltung müssten die Brüstungswände unterhalb sämtlicher Fenster im Gebäude eigentlich aus Beton oder zumindest Ziegeln bestehen. Jedoch ist eine Art Kunststoff verbaut. Der Boden der Balustrade vor den Fenstern besteht aus Gittern. Auch hier sollte eigentlich massives Material verbaut sein, damit Flammen im Brandfall nicht ungehindert hochschlagen können.

Gustävel meint aufgrund seiner eigenen beruflichen Erfahrung, dass eine Korrektur am Material unter den Fenstern ausreichen müsste. Denn: die Abstände zwischen den offenen Bauelementen, also der Fenster, würden dann über einen Meter betragen. Ausreichend um den sogenannten Brandüberschlag zu verhindern. „Die Gitter könnten bleiben.“

„Die Fluchtwege lassen sich dann im Rahmen der Gebäudesanierung gebäudeintern darstellen, so dass es keine Notwendigkeit für Fluchtbalkone gibt“, heißt es dazu in seinem Dossier. Hierfür rechnet er mit 2,5 Millionen Mehrkosten gegenüber der reinen Sanierung, enthalten in den 8,3 Millionen Mehrkosten.

Widerspruch Thorsten Grote: „Die Vorschrift besagt in der Tat einen Meter massive Brüstung.“ Allerdings: Massiv gebaut sein müssten darum entweder besagter Teil unter den Fenstern. Oder eben die Brüstung mit den Gittern.

Die Probleme hier: Die Statik der Brüstung ist für massive Bauteile anstatt der Gitter nicht geeignet. Und die Bauelemente unter den Fenstern ließen sich laut Grote nicht einfach tauschen oder mit Ziegeln oder ähnlichem punktuell aufbessern. Das Problem sei nicht nur das nicht massive Bauelement unter den Fenstern, sondern die Metallträgerkonstruktion, die Fenster und das Element umfasst. Die nämlich seien hohl – und entsprächen ebenfalls nicht den Vorschriften. Alles dies müsste entfernt und erneuert werden, sagt Grote. Kostenpunkt: unbekannt.

Verwundert ist Robert Gustävel auch über die aktuelle Mängelliste der Verwaltung zum Rathaus. Er vermutet einen über Jahre aufgebauten Instandsetzungsstau. „Wenn man ein Flachdach nicht erneuert, braucht man sich über Wasserschäden nicht zu wundern“, sagt er. Viele der nun thematisierten Mängel seien keine Frage von Standort und Boden sondern von Verschleiß.

Thorsten Grote verweist als Antwort auf den laut Assmann-Gutachten im Verhältnis zum Alter „guten Zustand“ des Rathauses. Einen „Stau“ sieht er nicht. „Natürlich kann ich aber nicht ausschließen, dass es im Einzelfall in der Vergangenheit Versäumnisse gab.“

Für die Zweifel und Bedenken von Robert Gustävel hat der Stadtbaurat trotz der Kritik am Vorgehen der Verwaltung Verständnis. Aber: „Mit den Alternativen und Kosten können wir uns ja erst jetzt planerisch auseinandersetzen. Bislang sind nur Prüfaufträge beschlossen worden.“

Vor Entscheidung alle Fakten auf den Tisch legen

Auch Robert Gustävel räumt ein, dass sein Dossier natürlich nur Schätzungen beinhalte. Denn: „Sowohl Brandschutz- als auch Assmann-Gutachten sind leider ja nicht öffentlich gemacht worden.“

Grote verweist hier auf „vergaberechtliche Gründe“. Denn: Gutachten enthielten auch Preise und Informationen, die man vor allem im Hinblick auf potenzielle Auftragnehmer nicht veröffentlichen wolle.

Einer letzten Forderung Gustävels steht der Baurat indes offen gegenüber. „Die Bürger sollten das letzte Wort haben – und dafür ist eine gute Informationspolitik nötig“, sagt Gustävel. Mit Info-Veranstaltungen. Und Podiumsdiskussionen. Er fordert Transparenz – und vor der abschließenden Entscheidung über Abriss, Neubau oder Umzug sollten alle Fakten auf dem Tisch liegen.

„Gegenüber einer Beteiligung der Bürger habe ich überhaupt keine Bedenken“, sagt Grote, der verneint, dass wesentliche Informationen zurückgehalten würden. „Die Drucksache für den Rat (Sitzung am 30. Oktober, Anm. d. Red.) enthält im Grunde alles, was wir haben.“

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