Politik

Vom Commitment der Willigen

Leidenschaftlich und eindringlich appellierte Jörg Heynckes an die Zuhörer, die digitale Transformation nicht zu verschlafen, sondern aktiv mitzugestalten.

Leidenschaftlich und eindringlich appellierte Jörg Heynckes an die Zuhörer, die digitale Transformation nicht zu verschlafen, sondern aktiv mitzugestalten.

Foto: maximilian karacic

Iserlohn.  Der Unternehmer Jörg Heynkes hat mit seinen Thesen zur digitalen Transformation als Redner beim FDP-Dreikönigstreffen großes Interesse geweckt.

T-Shirts, die den Puls messen und mit dem Hausarzt vernetzt sind, urbane Landwirtschaft, die ohne Pestizide und unabhängig von Wetter und Klima die Welt ernährt, ein Knopf im Ohr, der es als Simultanübersetzer ermöglicht, jede Sprache der Welt zu verstehen und Autos, die elektrobetrieben von allein rund um die Uhr die Menschen nach Wunsch von hier nach dort bringen ohne Fahrer und ohne Besitzer – nie mehr tanken, nie mehr Reifen wechseln und nie mehr einen Parkplatz suchen, mit echten Fahrzeugen, wie Jörg Heynkes sagt, und nicht mit „Stehzeugen“ wie bisher.

Jörg Heynkes, erfolgreicher Unternehmer, engagierter Umweltschützer und viel gelesener Buchautor aus Wuppertal, ist durch seine Veröffentlichungen und Vorträge zur digitalen Transformation und zur vierten industriellen Revolution zu einer Art Digitalisierungs-Guru aufgestiegen, der es auf sehr leidenschaftliche und profunde Weise schafft, seinen Zuhörern einen Blick in die Zukunft zu ermöglichen. in die Welt von Übermorgen, wie er sagt.

Am Samstagabend hat er das auf Einladung des FDP-Stadtverbandes zu dessen traditionellem Dreikönigstreffen getan und mit seinem bekanntermaßen auch recht provokanten Thesen für großes Interesse gesorgt, und zwar nicht nur unter den heimischen Liberalen, sondern auch bei Kommunalpolitikern anderer Parteien sowie Vertretern der Wirtschaft. Ort des Treffens war das im Schulungszentrum der Firma Schlüter Systems, die sogenannte „Schlüter-Box“, die ja selbst schon wie ein Blick in die Zukunft wirkt. „Ich habe in Deutschland noch nicht viel Vergleichbares gesehen“, musste auch der „Zukunftsmacher“ Heynkes lobend einräumen.

Wie Science-Fiction, aber bei genauerer Betrachtung keineswegs unrealistisch, muteten dann auch die Aussichten des Gastredners an. Das Problem dabei: das Zeitfenster. Laut Heynkes stecken wir bereits mitten im Wandel, und in den nächsten 15 Jahren wird die Welt nicht mehr wiederzuerkennen sein. Er zeigte dazu ein Bild der ahnungslosen Touristen an einem Strand in Süd-Ost-Asien, die die Tsunami-Welle am 26. Dezember 2004 auf sich zukommen sahen, aber nicht wussten, was das ist. „Hätten sie gewusst, was da auf sie zukommt, wären sie so schnell wie möglich weggerannt.“

Europa verpasst die vierte industrielle Revolution

Die Botschaft ist also klar: Handeln, die Zukunft selbst gestalten, und zwar sofort und mit Entschlossenheit, Mut und ohne Angst, sonst würden es andere tun. Denn Europa und Deutschland hinkten meilenweit hinterher – nicht nur hinter den USA, sondern auch hinter Asien, wo die digitalen Technologien die Wirtschaft bestimmen. In Europa hingegen mache der Anteil der digitalen Ökonomie an der Gesamtwirtschaft lediglich drei Prozent aus. Die vierte industrielle Revolution finde ohne Europa statt. „Schauen Sie sich mal die zehn reichsten Amerikaner an“, riet er seinen Zuhörern. „Alles Leute, die vor 20 Jahren in irgendeiner Garage etwas Schlaues programmiert haben.“ Und die zehn reichsten Deutschen? „Alles Erben“. Gerade den Wirtschaftsvertretern gab er zu bedenken: „Viele von uns stehen gerade an diesem Strand.“

Aus der Perspektive des einfachen Verbrauchers klingen Heynkes’ Thesen geradezu wie eine Erlösung. Warum noch auf die Klima-Probleme reagieren und sich im eigenen Verhalten irgendwie ändern, wenn die digitale Transformation die großen Problemfelder Ernährung, Energiegewinnung und Mobilität so umkrempeln, dass zukünftig ohnehin alles sauber, nachhaltig, umweltverträglich und auch ethisch einwandfrei wird? Eine schöne neue Welt, in der künstliche Intelligenz und humanoide Robotik zudem alles übernehmen, was keinen Spaß macht und Mühe kostet.

Löst die Digitalisierung alle derzeitigen Probleme?

Aus Sicht der Kommunalpolitiker, die das Gros der Zuhörer stellten, habe der Vortrag hingegen auch eine ratlos machende Wirkung, wie Markus Munkenbeck, Vorsitzender des einladenden FDP-Stadtverbandes, am Ende feststellte. „Wir werden derzeit mit Problemen aus der alten Welt konfrontiert und müssen den Menschen auch Antworten aus der alten Welt anbieten“, sagte er. Die Antworten aus der neuen Welt, wie Heynkes sie beschrieben hatte, würden die kommunalpolitischen Herausforderungen von heute noch nicht lösen.

Heynkes riet dennoch dazu, die Zukunft selbst anzupacken. Und das gehe nicht allein, sondern nur in einem großen Diskurs. Dazu zähle auch Verantwortung, Mut zu scheitern und Haltung. Man dürfe niemals den Populisten folgen, die einfache Antworten haben und zurück in die Vergangenheit wollen. Stattdessen sei ein „Commitment der Willigen“ nötig. „Werden Sie alle Zukunftsmacher!“

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