Theater

„Verweile doch, du bist so schön“

Mephisto (Jakob) und seine teufliche Gehilfin (Irem) verfolgen, wie das Unheil zwischen Faust (Noah) und Gretchen (Paula) seinen Lauf nimmt.

Mephisto (Jakob) und seine teufliche Gehilfin (Irem) verfolgen, wie das Unheil zwischen Faust (Noah) und Gretchen (Paula) seinen Lauf nimmt.

Foto: Alexander Barth

Iserlohn.  Literaturkurs der Stufe 11 am Stenner-Gymnasium setzt Goethes „Faust“ auf erfrischende Art und Weise um

„Faust“ ist kein Stück für halbe Sachen. So wie Schüler den Goethe-Text meist entweder fürchten oder vergöttern, müssen Theaterbesucher stets darauf gefasst sein, dass eine grandiose Inszenierung genau so wahrscheinlich ist wie eine unterirdische. Auch auf hochkarätigen Bühnen ist das bloße Tauschen von ein paar Dialogzeilen zwischen Faust und Gretchen schon als „Modernisierung“ angepriesen worden, manche Regisseure verzichten gleich ganz auf eine inhaltliche Bearbeitung und setzen stattdessen auf nackte Haut, Farbkleckserei und ein paar Videoprojektionen.

Schüler auf den Spuren von Heinrich Faust

Umso erfrischender ist daher das Ergebnis der einjährigen Arbeit des Literaturkurses der Stufe 11 am Stenner-Gymnasium: Die Schüler haben sich auf die Spuren des Universalgelehrten Heinrich Faust begeben und versucht zu ergründen, was das Stück „im Innersten zusammenhält“. Das Leitungsteam, die drei Regisseurinnen Lena Bauer, Sinem Kaya und Beriwan Soro sowie die Lehrer Kerstin Bieder und Stephanos Vaghidas profitierten von einer soliden Grundlage: die für die Oberstufe konzipierte Bearbeitung des Philosophielehrers und Theaterregisseurs Klaus Opilik.

Die darin vorgegebene Stoßrichtung führte die Truppe „Stenner“ konsequent weiter: Bei der Textauswahl auf Wesentliches beschränken, Inhalt über die Form stellen, Originalpassagen in wohl dosierten Prisen einstreuen und vor allem die von Goethe verhandelten Fragen auf die Lebenswirklichkeit junger Menschen des 21. Jahrhunderts anwenden.

Zu überzeugen wusste auch die Besetzung, die gleich in der ersten Szene beim „Prolog im Himmel“ mit einem gütig-erhabenen Gott (Lukas Sowa), selig-unschuldigen Engeln und einem herablassend-süffisanten Mephisto (Jakob Becker) glänzte. Wie auf den Leib geschneidert wirkten auch die Rollen von Faust alias Noah Eichhorn als nachdenklich-uncooler Außenseiter und Paula Tessin als sensibel-emanzipiertes Gretchen. Besondere Erwähnung verdient Irem Ikiz, die das diabolische Grinsen noch besser beherrschte als jeder der insgesamt vier Mephistos bzw. „Mephistas“ und in ihrer Nebenrolle als teuflische Gehilfin beeindruckende Präsenz auf der Bühne entfaltete. Durch die Mehrfachbesetzung gelang es den Schülern, das Böse facettenreich darzustellen – ein klug gewählter Schwerpunkt für jeden Zuschauer, der einen drögen Held viel eher verzeiht als langweilige Fieslinge.

Alltagsnahe Situationen und Dialoge machen es spannend

Die Inszenierung versetzte die Handlung von „Faust I“ in unsere Gegenwart, was glücklicherweise keine Formalität blieb. Alltagsnahe Situationen und Dialoge ließen keinen Zweifel daran, dass sich die Darbietung mit großem Ernst den Herausforderungen junger Menschen widmete. Einen unverzichtbaren Kontrapunkt dazu bildeten humorvolle Pointen, die das Publikum in der prall gefüllten Aula zu schätzen wusste. Dass die Aufmerksamkeit der Zuschauer kaum ins Wanken geriet, lag neben der ambitionierten Zahl der Kulissenwechsel, die das Team reibungslos bewältigte, an dem gelungenen Schlagabtausch zwischen Mephisto und Faust.

Auf der Suche nach dem Authentischen – ein „virales“ Thema im Social-Media-Zeitalter – ist Faust zunächst nicht recht empfänglich für des Teufels Einflüsterungen. Reich und schön sein findet er oberflächlich, in der opulenten Kulisse, die Mephisto aufzieht, sieht er nur die Maden. Den Methoden des Beelzebubs begegnet er mit unverhohlener Skepsis: „Wie willst du das machen, mit deinem Hypnose-Quatsch? Nein, danke“, bürstet er anfänglich auch Angebote, ihm das Mädchen seiner Träume klarzumachen, ab. Doch schließlich nimmt das Unheil seinen Lauf, Gretchen ist ungewollt schwanger und Faust weiß keinen Rat mehr. „Das Böse lässt sich eben nicht besiegen“, ist sein letzter Kommentar, bevor der Teufel ihn in die Hölle hinabstößt – eine Wendung, die von den Zuschauern auf dem Heimweg bereits lebhaft diskutiert wurde.

Nicht jedoch vor einem verdient emphatischen Schlussapplaus, der die emotionalen Dankesworte der Schüler an ihre Lehrer (und umgekehrt) umrahmte. Fast hätte man es sagen wollen: „Verweile doch, du bist so schön.“

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