Gericht

Verminderte Schuld durch Drogencocktail?

Symbolbild

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Foto: MERKEL, Cornelia

Iserlohn/Hagen.  Der Iserlohner Pfeil-Schütze zeigte sich vor der Polizei aggressiv.

Mit der Präsentation eines Pfeils, wie ihn der 49-jährige Angeklagte am 30. Dezember 2018 auf seinen 32-jährigen Nachbarn abgefeuert hatte, wurde gestern am Hagener Landgericht das Strafverfahren vor dem Schwurgericht fortgesetzt.

Wer sich einen Pfeil in sportlicher Größe vorgestellt hatte, konnte geringfügig entspannter auf die Szenerie schauen. Aber auch der etwa 15 Zentimeter lange schlanke Pfeil hätte schlimme Folgen für den 32-jährigen Iserlohner haben können, der lediglich einen kleinen Kratzer am Hals abbekam -- vermutlich beim Vorbeiflug des Geschosses. Ein weiterer Nachbar, der den Pfeil mitgebracht hatte, vermutete, dass nicht die Spitze, sondern eines der Stabilisierungsflügelchen die kleine Verletzung verursacht hatte. Sonst wäre der Pfeil wohl steckengeblieben.

Cannabis, Kokain, Amphetamin und Ecstasy

Erheblich mehr Zeit als die Klärung ballistischer Fragen nahm die Sichtung des Drogencocktails ein, den der Angeklagte zum Zeitpunkt der Tat im Blut hatte. Ein Gutachter aus einem vielbeschäftigten Labor in Bad Salzuflen war angereist, um das Analyseergebnis zu erläutern. Denn die Abbauprodukte von Cannabis, Kokain, Amphetamin und Ecstasy geben Hinweise darauf, wie viele Stunden vor der Blutentnahme ein Proband welche Drogen genommen hat. Von den genannten Substanzen fand der forensische Chemiker geringe bis mittlere Mengen. Er berichtete von Wechselwirkungen zwischen Alkohol und Kokain und erklärte, dass das dabei entstehende Kokaethylen ebenfalls „pharmakologisch wirksam“ sei. Amphetamin und Kokain hätten eine enthemmende und euphorisierende Wirkung. Eine „Mischintoxikation“, wie sie in diesem Fall vorlag, führe zu Gereiztheit und aggressivem Verhalten. Eine Beeinträchtigung der Schuldfähigkeit müsse deshalb in Betracht gezogen werden.

Einerseits zuvorkommend, dann wie „HB-Männchen“

Entscheidend für das, was mehrere Polizisten als deutliche Sprach- und Bewegungseinschränkungen des Angeklagten beschrieben, waren bis zu 2,5 Promille Alkohol. „Ich habe mich immer gut mit ihm verstanden“, erklärte der gestern vernommene Nachbar und fügte die positive Wirkung von Cannabis auf den Angeklagten an: „Er war zuvorkommend, ruhig und tadellos, wenn er etwas geraucht hat.“ Schnaps und Hochprozentiges hätten hingegen katastrophal gewirkt: „Dann war er sehr impulsiv und schnell auf 180.“ Um dies zu illustrieren, ließ der 41-jährige Zeuge das gute alte „HB-Männchen“ im Gerichtssaal wiederauferstehen. Ältere werden sich erinnern: Das cholerische Strichmännlein musste in der Zigarettenwerbung immer mit einem Glimmstängel beruhigt werden.

Dass der Cannabiskonsum des Angeklagten die Wirkung von zwei Flaschen Wodka nicht zügeln konnte, bekamen nicht nur die Hausbewohner, sondern auch die nach dem Pfeilschuss in Schutzausrüstung angerückten Polizeibeamten zu spüren. Ihnen war eine „randalierende Person mit einer Axt“ angekündigt worden. Vor Ort sahen sie sich veranlasst, den als weiterhin aggressiv geschilderten Angeklagten mit Reizgas außer Gefecht zu setzen, bevor sie ihn mitnahmen. Im Gerichtssaal entschuldigte sich der 49-Jährige sehr höflich bei den Beamten.

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