Einzelhandel

Traum von Selbstständigkeit in Corona-Zeiten

Andrea Auer mit Tochter Marlene bietet in ihrem Traumladen „Zwergentracht“ (Am Dicken Turm 11)  Kindermode „made in Iserlohn“.

Andrea Auer mit Tochter Marlene bietet in ihrem Traumladen „Zwergentracht“ (Am Dicken Turm 11) Kindermode „made in Iserlohn“.

Foto: Michael May

Iserlohn.  Die bunte Kindersachen-Manufaktur, heimatliche Mode und süße Back-Verführungen erweitern den Branchenmix im Einzelhandel.

Zwar ist die frühere Sie­brecht-Bäckerei-Filiale seit Langem verwaist. Aber auf der anderen Seite an der Unnaer Straße 16 gibt es einen neuen Magneten. „Royal Donuts“ erlebt seit seiner Eröffnung einen guten Zuspruch der Kunden, die auf süßes Backwerk stehen, das sie in bunten Boxen mit nach Hause nehmen.

„Die handgemachten Backwerke werden in über 170 Sorten mit verschiedensten süßen und fruchtigen Füllungen und Toppings im Hause frisch zubereitet und mit Herz produziert“, erklärt die Geschäftsführerin Dounia Lamghizarti. Das sagt sie auch mit Blick auf ihre Cousine und Mitarbeiterin Nadia, die sie dabei unterstützt. „Wir arbeiten nur mit Markenprodukten. Von 8 Uhr an versuchen wir, so viel wie möglich zu produzieren, auch an Sonn- und Feiertagen.“

Sie strahlt Optimismus und Zuversicht aus. Die 25-jährige Iserlohnerin mit marokkanischen Wurzeln erklärt: „Trotz der Coronakrise gehe ich das Risiko ein. Ich mache das Beste draus und wage etwas Neues. Ich habe vorher als Verwaltungsangestellte in der Drogenberatung in Dortmund gearbeitet und hatte dort oft mit schwierigen Klienten zu tun. Und jetzt habe ich einen Donut-Shop, wo die Kunden die Ware abholen. Nach der Krise hoffen wir, dass wir weiter deren Unterstützung bekommen und sie uns treu bleiben.“

Seit der Eröffnung Ende August gab es vor „Royal Donuts“ immer wieder Schlangen vor dem Eingang, wegen der Corona-Abstandsregeln. „Ich habe mega viel Unterstützung durch meine Familie bekommen. Ich habe nicht mit so vielen Kunden gerechnet“, gesteht die Jungunternehmerin, die von ihrem Schwager Hatim Bennis mit ins Boot geholt wurde. Er ist auch Inhaber eines „Royal Donut“-Back- und Süßwarenladens in Bonn. „Ich habe eine gute Lage erwischt“, verweist Dounia Lamghizarti auf das Einzugsgebiet umliegender Schulen, wie sich in den vergangenen Wochen vor den Ferien herausgestellt habe. Durch den Lieferdienst und Abholservice will sie der Corona-Pandemie trotzen. Und wenn die Krise vorbei sei, sollen die Kunden ihre Donuts im Laden in der Sofa-Sitzecke genießen dürfen.

Direkt nebenan werden statt Taschen und Koffern, wie lange Jahre bei Lederwaren Dunkel, jetzt Immobilien angeboten. Im September ist die Firma Kensington-Immobilien eingezogen. Wie eine Mitarbeiterin mitteilt, sei es „langsam angelaufen. Aber es läuft.“

„Decathlon kommt“, heißt es auf Anfrage bei der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung (GfW). „Die offizielle Übergabe an das Sportgeschäft ist im Januar. Mitte bis Ende März ist die Eröffnung geplant“, sagt GfW-Prokurist Thomas Haude mit der Einschränkung: „Wir wissen nicht, wie sich das Infektionsgeschehen bis dahin ändert.“ Die GfW habe einen langfristigen Mietvertrag abgeschlossen für die 1500 Quadratmeter große Verkaufsfläche inklusive der Sozial- und Sanitärräume. Daran schließe sich ein Fahrradparkhaus an, das eine Ergänzung zur Fahrradabteilung und der -werkstatt von „Decathlon“ darstelle.

Vom Elektrotechnik-Studenten zum Café-Betreiber

An der Wermingser Straße 25 übernahm der syrische Bürgerkriegsflüchtling Anas Khojal, der seit zweieinhalb Jahren in Iserlohn lebt, einen Integrations- und Deutschkurs absolvierte und nach einem Praktikum in der Gastronomie als Barista arbeitete, zum 1. September ein zeitweilig verwaistes Café.

Er wagte den Schritt in die Selbstständigkeit mit seinem „Café #01“, das er mit Hilfe von Freunden umgestaltete. Dort serviert er täglich an acht Tischen drinnen und vier Tischen draußen Frühstück, Kuchen, Waffeln, Früchtecocktails sowie Bio-Café und -Tee. Der aus Aleppo stammende Inhaber ist Quereinsteiger. Er hatte in seiner Heimat Elektrotechnik studiert. Wegen der begrenzten Plätze bittet der 28-jährige Jungunternehmer um Tischreservierungen unter 0176/ 24202752.

„Es war schon immer mein Traum, mich selbstständig zu machen“, erzählt Andrea Auer in ihrem neuen Domizil am Dicken Turm. Wie alles anfing? „Ich habe Betriebswirtschaftslehre in Meschede studiert. Als meine älteste Tochter unterwegs war, habe ich Nähkurse besucht und mich selbstständig gemacht“, blickt die 33-jährige Iserlohnerin zurück. Sie entwickelte das Label „Zwergentracht“ für handgemachte Baby- und Kindermode. „Da habe ich von Zuhause aus gearbeitet und war zunächst von dort aus auch auf Messen unterwegs.“

Im September eröffnete sie also am Dicken Turm 11 ihren „Traumladen“ mit Kinderkleidung aus ihrer Manufaktur am Nußberg und jetzt auch aus der Innenstadt. „Im Juni habe ich den Laden besichtigt, und dann habe ich losgelegt und alles produziert“, zeigt sie auf die Ware „made in Iserlohn“, „Da steckt viel Herzblut drin.“ Auch in ihrem Laden arbeitet sie unermüdlich an ihrer Nähmaschine, wo Kindersachen in allen möglichen Variationen entstehen.

„Viele sagen, bist Du verrückt, in diesen Zeiten? Wir würden es nicht wagen“, gesteht Andrea Auer und schmunzelt. Aber davon ließ sie sich nicht beeindrucken, die auch viele Mund-Nasen-Masken produzierte. Der bisherige Erfolg gibt ihr recht. „Es wird gut angenommen, ich hatte bisher erst eine kleine Community in Iserlohn. Die Resonanz ist gut.“

Sie schränkt dann wieder ein: „Aber jetzt merkt man die Ferienzeit.“ Da leistet ihr die achtjährige Tochter Marlene, die ansonsten die dritte Klasse der Grundschule am Nußberg besucht, gern Gesellschaft. Andrea Auers Sortiment bietet Spielwaren, Mode und Rucksäcke für Babys und Kinder sowie Accessoires wie Mützen und Schals für Erwachsene oder Mütterpässe: „Ich mache alles selbst mit meiner Nähmaschine“, zeigt sie auf Jacken, Strampler und Schals. „Und 50 Prozent meiner Ware beziehe ich von Labels aus Skandinavien, England und Holland. Bei mir gibt es etwas Besonderes, was man so nicht findet“, beschreibt sie ihre selbst gefertigten Unikate. Durch die Corona-Pandemie komme es bei einigen Herstellern zu Lieferverzögerungen. Andrea Auer wartet auch mit vielen Stoffen auf und näht auf Wunsch daraus Kleidungsstücke für die Kids.

In der „1A-Passage“ an der Wermingser Straße stehen ebenfalls Veränderungen an: Roland Eickel, Inhaber des kleinen Geschäftes „Sauerlända“ mit der Postfiliale, will sich vergrößern. Der 36-jährige Unternehmer aus Arnsberg bringt nach eigenen Angaben Textilerfahrung von 15 Jahren mit. Er übernimmt am 1. November das 240 Quadratmeter große Ladenlokal „Holloway“ links am Eingang der Passage von der Wermingser Straße und will ab 2. November einen Pop-up-Store mit „Sauerlända“-Kleidung eröffnen.

Jessica Holloway zieht derweil mit ihrem Frauenmodeladen nach sieben Jahren an die Wasserstraße 20, die sich damit immer mehr zur Boutiquen-Meile mausert. In diesem Monat will sie noch neu eröffnen, nach Möglichkeit, bevor sie ihr erstes Kind zur Welt bringt. Sie freut sich auf das neue Quartier, das echtes Potenzial besitze.

Entgegen aller Trends auf „Sauerlända“-Expansionskurs

Roland Eickels neues Geschäft heißt „1A Factory Store“. Er kündigt im Gespräch mit unserer Zeitung an, dort künftig klassische Herrenmode sowie Jagdbekleidung für Damen und Herren anzubieten. Und im nächsten Schritt ein derzeit leerstehendes gegenüber liegendes Geschäft in der Marktpassage dazuzunehmen.

Er sei derzeit entgegen aller Trends auf „Sauerlända“-Expansionskurs und strebt danach die Eröffnung eines Ladens in Siegen an. „Wir wollen den stationären Einzelhandel stärken“, sagt Eickel und kündigt an, auch Karstadt-Mitarbeiter übernehmen zu wollen: „Wir suchen erfahrene Verkäufer, bevorzugt aus dem Textil-/Bekleidungsbereich.“ Er übernimmt auch Restposten, Garderobenständer und Ladenbauelemente von Karstadt.

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