Als die Mauer fiel

„Sie haben ein ganzes Volk eingesperrt“

Sylke und Heiko Kupfer blättern in Erinnerungen: Vor 30 Jahren sind sie über die Prager Botschaft nach Iserlohn gekommen.

Sylke und Heiko Kupfer blättern in Erinnerungen: Vor 30 Jahren sind sie über die Prager Botschaft nach Iserlohn gekommen.

Foto: Stefan Janke

Iserlohn.  Sylke und Heiko Kupfer sind vor 30 Jahren über die Prager Botschaft nach Westdeutschland geflüchtet. Seitdem leben sie in Iserlohn.

Als Sylke Kupfer noch einmal laut diese Zeilen liest, die sie damals, vor 30 Jahren, an ihre Mutter auf einem kleinen Zettel hatte übermitteln lassen, um ihr zu sagen, dass es ihr gut geht, stockt ihre Stimme an der Stelle, als es um ihren Sohn Mario geht. Ihren zweijährigen Sohn hatten sie und ihr Mann Heiko bei der Oma zurücklassen müssen, als sie im November 1989 über die Prager Botschaft in den Westen flüchteten. Und das bricht den Iserlohnern noch heute das Herz. Obwohl Sohn Mario heute als Erwachsener sagt: „Ihr habt alles richtig gemacht.“

30 Jahre nach den unvergessenen, schicksalhaften Ereignissen der ersten Novemberwoche 1989, als Sylke und Heiko wie viele Tausend DDR-Bürger über die Prager Botschaft in den Westen gelangten, blättern die beiden Mittfünfziger am Esstisch ihrer Wohnung an der Görresstraße in Erinnerungen. Daran, wie sie den Entschluss fassten, ihre Familie, ihre Freunde, ihre Heimat und alles, was dazu gehört, zu verlassen, weil sie sich nicht dem Diktat der Partei unterwerfen wollen, sondern als gerade fertig studierte, junge Leute ihre eigenen Ideen vom Leben hatten.

Zwei Fluchtversuche warenschon fehlgeschlagen

Heiko hatte es schon zweimal versucht. Einmal mit 18 Jahren, als die beiden von einem Fluchthelfer aus Erfurt erfuhren. Der wurde aber schwer krank, die Sache war gelaufen. Beim zweiten Versuch im Jahr 1989, als Heiko schon im Zug nach Prag saß, hielt dieser plötzlich auf freier Strecke an, alle wurden überprüft: „Die DDR hatte angesichts der vielen Ausreisenden nur Stunden zuvor Visum-Pflicht erlassen, ohne das Papier keine Einreise in die Tschechei“, sagt Heiko Kupfer. Nach der Kontrolle war der Zug wie leer gefegt, niemand sollte mehr nach Prag kommen. „Ich hatte damals große Angst, dass sie meinen Mann vielleicht festnehmen“, erinnert sich Sylke Kupfer – telefonisch lief damals gar nichts.

Und doch: Der Wunsch, dem Land den Rücken zuzukehren, blieb. „Nach dem Studium wurde der Druck auf uns immer größer. Der Staat wollte dafür etwas zurück haben und uns in die Partei zwingen,“ sagt Sylke Kupfer. In der Familie ist Flucht Thema, auch bei guten Freunden. „Es haben doch alle mitgekriegt, dass etwas passiert“, sagt Heiko Kupfer. Doch eigentlich wollen sie ihren gerade zweijährigen Sohn Mario nicht allein lassen.

Es ist der 2. November 1989, als das in Gotha lebende und arbeitende Paar – er Maschinenbau-Ingenieur, sie Bibliothekarin – abends Besuch von einem befreundeten Paar bekommt. „Wir hauen ab, kommt mit oder nicht,“ sagten sie. „Ich war erst skeptisch wegen Mario, sonst eigentlich immer in erster Reihe, wenn es um Flucht ging“, sagt Heiko. Doch als Marios Oma den beiden versicherte, sich um den Kleinen zu kümmern, packten sie über Nacht ein paar Sachen zusammen, um mit ihren Freunden für ein paar Tage „in den Urlaub nach Prag“ zu fahren.

„Du willst doch nichtetwa abhauen?!“

Am Morgen des 4. November geht es endlich los. Heiko Kupfer ruft seinen Arbeitgeber an, will die Überstunden abbauen, erntet ein „Du-willst-doch-nicht-etwa-abhauen?“ als Antwort. Sie gehen noch zur Bank, um Geld für den Urlaub zu tauschen – damals ein Muss –, und sogar eine für die Ausreise erforderliche Adresse in Prag hatten sie auch schon: „Das war eine Bekannte meiner Mutter, ich werde ihren Namen nie vergessen“, sagt Sylke Kupfer. Sie lassen alles zurück, außer ein paar Sachen, die man für eine Reise so braucht. „Wir konnten ja keine Dokumente mitnehmen, unsere Zeugnisse haben wir im Garten vergraben, sicher ist sicher.“

In Kupfers Lada geht’s Richtung Grenze, wo sie schon von einer gründlichen Grenzbeamtin erwartet werden. „An dem kleinen Grenzposten war nichts los, sie hat sich Zeit genommen und unseren Wagen zwei Stunden lang durchsucht. Als nichts zu finden war, ließ sie uns mit einem ,Hau’n sie doch ab!‘ fahren. Dabei hätte sie nur in meinem Betrieb anrufen müssen und fragen, ob ich tatsächlich Urlaub habe, aber dazu war sie nicht schlau genug“, sagt Heiko und lacht.

In Prag geht dann alles sehr schnell. Auf einer Einfallstraße macht ein neben ihnen fahrender Taxifahrer mit Gebärden auf sich aufmerksam, bietet an, sie zur Botschaft zu bringen, formt das Wort übertrieben deutlich mit dem Mund. Sie parken ihren Lada (Heiko: „Damals eines der teuren Autos in der DDR, kostete 25.000 bis 30.000 Mark bei einem Einkommen von 800 im Monat.“) in der Nähe des Bahnhofs – für 600 Mark „Gebühr“. Der Schwager sollte das Auto – und mit ihm schlussendlich den kleinen Brief an Sylkes Mutter – tags darauf abholen.

Alles scheint gut zu laufen, wäre der Taxifahrer nicht zu schnell gefahren und hätte er nicht einer Straßenbahn die Vorfahrt genommen. „Jedenfalls wurden wir plötzlich von der Polizei angehalten und dachten, jetzt ist alles vorbei“, erinnert sich Sylke an diesen Moment. Ihr Mann kann noch sehen, wie der Taxifahrer den Polizisten Geld zusteckt, dann geht die Fahrt weiter. Wieder Glück gehabt.

Die Zustände rund um dieBotschaft waren chaotisch

In der Botschaft angekommen, bietet sich ihnen ein chaotisches Bild. Tausende von Flüchtlingen auf engstem Raum auf dem Botschaftsgelände, Hunderte, die vor dem Zaun auf dem Bürgersteig – der gehört noch zum Botschaftsgelände – auf Einlass warten. Der Taxifahrer kassiert nochmal 600 für sich plus das Bestechungsgeld: „Urlaubskasse“ binnen weniger Stunden leer.

Die Vier gesellen sich zu den anderen auf dem sicheren Bürgersteig und warten. Eines der zahlreichen Kamerateam kommt, und einer sagt: „Ihr könnt jetzt über den Zaun klettern, wir filmen euch dabei. Und wenn sie euch festnehmen, dann kann es die ganze Welt sehen.“ Und dann sind sie rüber.

Was sie in und um die Botschaft herum erwartet, ist – so sagt Heiko Kupfer rückblickend – eine humanitäre Tragödie. „Die hygienischen Zustände waren mittlerweile untragbar geworden. So voll wie zu diesem Zeitpunkt war die Botschaft nie. Vielleicht auch deshalb war allen daran gelegen, dass die Flüchtlinge so schnell wie möglich raus kamen“, vermutet Kupfer.

Das Glück bleibt den beiden jungen Paaren hold. Am selben Abend noch überbringt Kanzleramtsminister Rudolf Seiters die ersehnte Nachricht, dass sie in den Westen ausreisen dürfen. Die nächste Station nach einer Busfahrt am nächsten Tag ist das beschauliche Ahrweiler.

Freunde in Iserlohn empfingensie mit offenen Armen

Freunde der Tante von Heiko Kupfer, die bereits in den 50er Jahren nach Iserlohn übergesiedelt war, erfahren, dass sie im Westen sind: „Wir holen euch sofort ab“, sagen sie am Telefon, sind ein paar Stunden später in Ahrweiler und nehmen Sylke und Heiko Kupfer mit nach Iserlohn – nicht ohne zuvor noch das Begrüßungsgeld für die beiden abzuholen.

„Wir haben der Iserlohner Familie Hellmann, die uns aufgenommen und weitergeholfen hat, sehr viel zu verdanken“, sagt Sylke Kupfer, die sich ebenso wie ihr Mann mit Willen und Fleiß den Traum erfüllen konnte, seit Jahren wieder im erlernten Beruf zu arbeiten.

Und als sie mit ihrem Mann wenige Wochen nach der Flucht zum ersten Mal zurück in den Osten fährt, um Sohn Mario zu besuchen, da sei es ihr beim Blick auf die Grenzanlagen zum ersten Mal bewusst geworden, und sie habe sich gefragt: „Wie konnten die es wagen? Sie haben ein ganzes Volk eingesperrt!“

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