Coronapandemie

Sehnsucht nach eigener Scholle auf Iserlohner Boden

Ulrich Szesny weiß: „Zu tun gibt es immer was.”

Ulrich Szesny weiß: „Zu tun gibt es immer was.”

Foto: Jennifer Katz

Iserlohn.  Seit Krisenbeginn erreichen die Kleingärtner an der Sonnenhöhe täglich Anfragen.

Frisch ist es an diesem grauen Samstagvormittag, nicht unbedingt Wetter zum Faulenzen in der Sonne. Doch das haben Utz Blömke und seine Mitstreiter auch gar nicht vor. Während Blömke am Vereinsheim schraubt und bohrt, sind andere mit dem Schneiden von Hecken in der Kleingärtneranlage Sonnenhöhe beschäftigt.

Die ersten Parzellen und Häuschen auf dem Areal, das von der Straße Im Lau aus eine traumhafte Aussicht bietet, wurden bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg angelegt, der Verein wurde 1954 gegründet. Heute sind es 131 Gärten, die allesamt verpachtet sind. Ulrich Szesny, seit 13 Jahren Vorsitzender, hat seit Beginn der Corona-Pandemie alle Hände voll damit zu tun, Anfragen zu beantworten. „Die Nachfrage ist stark, seit Mitte April gab es täglich Anrufe“, erzählt der 73-Jährige. Die Warteliste sei vor Beginn der Krise quasi abgearbeitet gewesen, nun stehen wieder um die 15 Namen drauf.

Doch wer einen Garten habe, wolle ihn so schnell auch nicht wieder abgeben, gerade nicht in der aktuellen Situation, die das Reisen unmöglich gemacht hat, in der Spielplätze zwischenzeitlich geschlossen waren. Die Rückzugsmöglichkeit auf die eigene Scholle habe durch Corona eine ganz neue Qualität gewonnen, wissen Szesny und sein Vorstandskollege Blömke. Eine Zeit lang habe es hauptsächlich Anfragen von Interessierten mit Wurzeln in Russland, Syrien und anderen Ländern gegeben, nun seien auch die waschechten Iserlohner wieder auf die Kleingärten gekommen. Vor allem die Familien mit Kindern unter den Pächtern seien während des Lockdowns froh gewesen, sich auf ihre Parzellen zurückziehen zu können.

Bemerkbar macht sich die Krise auch insoweit, dass viele Vereinsmitglieder wegen Kurzarbeit gerade passend zum Start in die Gartensaison unfreiwillig viel Freizeit zur Verfügung hatten und teils auch noch haben. „Einige Gärten sind nicht mehr wiederzuerkennen“, sagt Szesny mit einem Schmunzeln. Doch auch das teils schon sommerliche Wetter im April habe den Fortschritt der Gestaltung und der Aufräumarbeiten deutlich befördert. „Die meiste Arbeit steht ja ohnehin im Frühjahr an“, erzählt der Vorsitzende, der selbst dreifacher Vater ist und sich genau deswegen vor etwa 40 Jahren um einen Garten direkt vor seiner Haustür beworben hatte.

Doch nicht jeder, der sich für eine Parzelle interessiere, sei sich darüber bewusst, dass ein Kleingarten auch mit gewissen Regeln und Aufgaben verbunden sei. „Grundsätzlich soll ein Garten ja keine Belastung oder Pflicht bedeuten, sondern Freude machen“, sagt der Vorsitzende. Sein Vorstandskollege unterstreicht aber auch: „Viele denken nur an den Spaß, aber nicht an die Aufgaben.“ Und die sind in einer solchen Anlage teils auch für die Gemeinschaft zu erfüllen. Für die Einteilung der Arbeiten auf den Flächen und Wegen, die von allen genutzt werden, ist der 71-jährige Utz Blömke zuständig. Auch in diesem Bereich muss er derzeit auf die Corona-Bestimmungen achten. „Ich teile nicht mehr als vier Leute ein, sie sind dann angehalten, die Abstände einzuhalten.“

Vereinsheim bleibt erst einmal geschlossen

Während er selbst gerade an der Fassade des Vereinsheims ein Brett anbohrt, herrscht im Inneren „tote Hose“, denn auch für den gemütlichen Innenraum mit Tresen und Sitzmöglichkeiten gelten die derzeitigen Pandemie-Bestimmungen. Da das Heim ehrenamtlich betrieben wird, wollen die Verantwortlichen auf Nummer sicher gehen und lassen bis auf Weiteres die Türen geschlossen. „Wir sind keine Profis, und Lust, mit Masken zu servieren, uns über Desinfektionsvorschriften zu informieren und so weiter, haben wir nicht“, so Szesny. Zwar würden die regelmäßigen Knobel- und Dart­runden, die nun ausfallen, so manchem fehlen, aber das sei eben nicht zu ändern.

Szesny selbst hat an seinem Häuschen eine Dartscheibe angebracht. Die ersten Pfingstrosen sind bereits verblüht, die nächsten öffnen gerade ihre Knospen. „Zu tun hat man ja im Garten immer“, sagt der Rentner, der dem Vorstand seit Jahrzehnten angehört.

Zusammen mit Utz Blömke und sechs weiteren Mitgliedern ist er auch dafür verantwortlich, wenn es beispielsweise um den jährlichen Besuch eines städtischen Vertreters geht, der sich die Einhaltung der Bestimmungen des Kleingartengesetzes anschaut. So dürfen die Hecken beispielsweise eine bestimmte Höhe nicht überschreiten, die Gebäude nicht zu groß werden, und welche Pflanzen in den Gärten einen Platz bekommen dürfen, ist ebenso festgeschrieben. Bis vor einigen Jahren haben die Vorstandsmitglieder auch Sommerfeste organisiert, jedoch sank das Interesse stetig.

Das älteste Mitglied des Vereins ist Jahrgang 1935, der komplette Vorstand hat bereits die 70 überschritten. So freuen sich Szesny und Co., dass inzwischen wieder Familien mit Kindern Gärten gepachtet haben. Doch Verantwortung im Vorstand übernehmen möchten die Jüngeren nicht. Das ist übrigens nicht nur an der Sonnenhöhe so, sondern auch in anderen Anlagen und im Bezirksverband.

Wer seinen Garten abgibt, so berichtet Ulrich Szesny, tut dies zumeist aus Alters- oder gesundheitlichen Gründen. Die Verantwortlichen hatten vor einigen Jahren auch die Regel, dass Ältere von den Gemeinschaftsaufgaben befreit werden, gestrichen. „Wer in seinem Garten arbeiten kann, kann es auch auf Gemeinschaftsflächen“, betont Blömke.

245 bis 560 Quadratmeter pro Parzelle

Er hat mit seiner Frau von Anfang an ausgemacht, dass sie den Garten nur „zum Genießen“ betritt und er für die Arbeit zuständig ist. Ein Teich und ein Strandkorb schmücken die Parzelle, die zu den größeren der Anlage gehört. Zwischen 245 und 560 Quadratmetern stehen den Pächtern zur Verfügung. Doch nun geht es wieder zurück zum Vereinsheim, wo rundherum noch Einiges zu tun ist. Utz Blömke widmet sich Akkuschrauber und Brettern, während die anderen beiden mit „Grünzeug“, wie es der Laie sagen würde, beschäftigt sind.

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