Zollhaus

Profil-Produktion ohne Chlor und Flocken

Betriebsleiter Oliver Braselmann (li.) und Unternehmer Ralf Stoffels sind sehr froh, dass die Produktion in der Halle, die noch reichlich Expansionsmöglichkeiten bietet, angelaufen ist.

Betriebsleiter Oliver Braselmann (li.) und Unternehmer Ralf Stoffels sind sehr froh, dass die Produktion in der Halle, die noch reichlich Expansionsmöglichkeiten bietet, angelaufen ist.

Foto: Torsten Lehmann / IKZ

Kalthof.  Bei BSP im Industriegebiet Zollhaus wird seit Montag gearbeitet, seit Donnerstag laufen die Schadstoff-Messungen.

Seit Montag läuft bei der Firma BSP im Industriegebiet Kalthof-Zollhaus die Produktion von Profilen für die Baubranche, und zwar komplett chlorfrei. So wie es mit der Stadt und dem Märkischen Kreis in der vergangenen Woche vereinbart worden war, nachdem es bei der Schwesterfirma BIW in Ennepetal bei der bisher üblichen Produktionsmethode zu PCB-Emissionen gekommen war (wir berichteten).

Und auch wenn durch den Verzicht auf Chlor die polychlorierten Biphenyle gar nicht erst entstehen können, wird auf Nummer sicher gegangen: Eine weitere Auflage für die Erteilung der „bauordnungsrechtlichen Erlaubnis zur betrieblichen Nutzung“ eines Teils des im vergangenen Jahr errichteten Gebäudes sind Schadstoff-Messungen, mit denen am Donnerstag begonnen wurde. Dafür wurden von der UCL Umwelt Control Labor GmbH aus Lünen zum einen mit zwei Geräten Raumluftmessungen durchgeführt. Zum anderen wurde mit Hilfe von Messgeräten direkt an einem Mitarbeiter exemplarisch überprüft, ob es im Laufe eines Arbeitstages zu Belastungen mit Schadstoffen kommt. „Und am kommenden Donnerstag wird dann im Außenbereich gemessen, ob es irgendwelche Emissionen gibt“, erklärte Betriebsleiter Oliver Braselmann. Mit den Ergebnissen, also der Auswertung beider Messungen, sei jeweils etwa zwei Wochen später zu rechnen. Vorgelegt werden müssen sie den Behörden – durch den Arbeitsschutz ist auch die Bezirksregierung Arnsberg beteiligt – innerhalb eines Monats nach Aufnahme der Produktion, also spätestens bis zum 10. März.

Zugleich bestätigte Stadtbaurat Thorsten Grote auf Anfrage, dass inzwischen auch die Stadt einen eigenen Gutachter beauftragt hat, der – auf Kosten der Firma BSP – unabhängig von UCL Messungen in den nächsten Tagen vornehmen wird.

Dass ihm dafür alle Türen bei BSP offenstehen, betonte gestern Ralf Stoffels. Der SIHK-Präsident ist Gesellschafter der „Silicone Group“, der Mutter-Holding von BSP und BIW. Der 57-Jährige, der sich vor rund 33 Jahren in das 1971 in Schwelm gegründete Unternehmen seines Vaters eingekauft und es nach dem Umzug mit 45 Mitarbeitern nach Ennepetal zur heutigen Größe mit 550 Beschäftigten und zum Weltmarktführer mit rund 3500 Tonnen zu Schläuchen und Profilen verarbeitetem Silikon ausgebaut hat, hat in den vergangenen Jahren die Mehrheit der Anteile an der Holding auf seinen Sohn Lutz übertragen.

Der 29-Jährige habe nicht nur einen Beauftragten für „Corporate Social Responsibility“ („Unternehmerische Gesellschaftsverantwortung“) in der Firma ernannt („Damit sind wir sicherlich die einzigen in unserer Branche.“), sondern eben jetzt auch die Entscheidung getroffen, in der Produktion der ganzen Gruppe so schnell wie möglich komplett auf Chlor zu verzichten. „Er sagt, und das finde ich gut: Selbst wenn der alte chlorhaltige Vernetzer nicht verboten wird, haben wir den Ehrgeiz im Sinne der Umwelt und der Mitmenschen Vorreiter zu sein und werden trotzdem umstellen, auch wenn es uns Kunden und Ergebnis kostet“, berichtete Ralf Stoffels.

Anders als bei BIW in Ennepetal war bei BSP in Kalthof eine Umstellung indes gar nicht nötig. Denn nach der öffentlichen Diskussion war Mitte Januar bei der Beantragung der Teilnutzung des Gebäudes, also der einen der zwei jeweils 3200 Quadratmeter großen Hallen, angekündigt worden, von vornherein auf den in der Silikon-Verarbeitung bislang gebräuchlichen chlorhaltigen Vernetzer zu verzichten. Möglich wird das übrigens nicht, wie es zunächst hieß, durch die Zugabe von Platin, was bei den Produkten für die Baubranche nicht wirtschaftlich wäre, sondern durch einen anderen chlorfreien Vernetzer, auf den das Unternehmen in Asien gestoßen war. Aus Wettbewerbsgründen möchte Ralf Stoffels aber keine Details dazu preisgeben, schon jetzt sei das Interesse der Mitbewerber in der überschaubaren Branche sehr groß: „Ich bekommen täglich Anrufe und Nachfragen.“

Den auch in der Anlagentechnik mühsam erarbeiteten Innovationsfortschritt möchte das Unternehmen (erst einmal) für sich behalten, zumal man sowieso Nachteile haben: durch den derzeit noch höheren Preis für die Alternative, von der aber wie bei der chlorhaltigen Variante nur je 1,5 Prozent dem Silikon beigemischt werden, damit es stabil und zugleich dehnbar ist; vor allem aber durch eine teilweise bis zu 50 Prozent längere Produktionszeit durch die andere Zusammensetzung. Ein Vorteil hingegen: Es entstehen keine weißen Flocken, die belastet mit dem PCB 47 aus der Abluft in Ennepetal für die Aufregung gesorgt hatten.

Durch Stillstand verlorene Kunden jetzt zurückgewinnen

Die derzeit 15 Mitarbeiter in Kalthof, von denen zu Jahresbeginn drei vom vorherigen angemieteten Standort in Nieder-Olm (Rheinland-Pfalz) mit zwei der Anlagen von dort nach Iserlohn gezogen sind und die bei voller Produktion 140 Tonnen Silikon im Jahr verarbeiten sollen, müssten zudem auch erst einmal ihre Erfahrungen mit der neuen Mischung sammeln. Zugleich, so macht Oliver Braselmann deutlich, versuche man aber, die vergangenen vier Wochen des Stillstands aufzuholen – und erste in der Zeit bereits verloren gegangene Kunden zurückzugewinnen.

Denn in der Baubranche, in der die Profile für Fenster oft sehr kurzfristig abgerufen würden, werde bei Lieferverzögerungen eben schnell gewechselt. Sehr bemüht sei man deswegen derzeit auch, möglichst rasch die Produktion für ein weiteres Prestige-Projekt in der Firmen-Geschichte (unter anderem stammen die Profile in der Reichstagskuppel von BSP), wieder aufzunehmen: den Neubau für die Europäische Zentralbank in Frankfurt.

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