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Polizei antwortet auf Kritik nach Bluttat von Iserlohn

Archivbild. Bei einem Messerangriff am Bahnhof in Iserlohn waren am Samstag, 17. August, zwei Menschen getötet worden. Nun antwortet die Polizei auf Kritik an ihrer Informationspolitik.

Archivbild. Bei einem Messerangriff am Bahnhof in Iserlohn waren am Samstag, 17. August, zwei Menschen getötet worden. Nun antwortet die Polizei auf Kritik an ihrer Informationspolitik.

Foto: Markus Klümper / dpa

Iserlohn.  Nach der Bluttat in Iserlohn rechtfertigt sich die Polizei für ihre Informationspolitik. Nicht nur in punkto Nationalität des Täters.

Nach der Bluttat am Stadtbahnhof in Iserlohn am vergangenen Samstag, bei der zwei Menschen durch eine Messerattacke getötet wurden, hat die Polizei im Märkischen Kreis auf Kritik an ihrer Berichterstattung zu den Ereignissen reagiert. Unter dem Titel „Was die Polizei wann (nicht) sagt und warum“ veröffentlichte die Polizei am Donnerstag eine Erklärung. Darin rechtfertig sie sich unter anderem für ihre Aufforderung an Nutzer, keine Gerüchte zu verbreiten. Und stellt klar, wie sie es mit dem Veröffentlichen der Nationalität von Tätern hält.

Ihre erste Meldung zum Geschehen am Stadtbahnhof hatte die Kreispolizei am Samstag um 15.08 Uhr über den Twitter-Kanal @Polizei NRW MK verbreitet, etwa 50 Minuten nachdem die ersten Kräfte alarmiert worden waren: „Wir sind aktuell am Bahnhof Iserlohn im Großeinsatz. Folgt uns hier für weitere Informationen. Verbreitet keine Gerüchte oder Spekulationen!“

Polizei veröffentlichte erste Meldung 50 Minuten nach der Bluttat

Dass die Polizei nicht ihren Facebook-Kanal für diese Info nutzte, sei Reaktion auf die Eigenheiten des Facebook-Algorithmus: „Facebook spielt Meldungen nicht immer sofort aus, sondern teils Tage später“, begründet die Polizei in ihrer Stellungnahme: „Wir wollten deshalb Irritationen vermeiden“. Twitter dagegen sei auch ohne eigenes Konto für jedermann abrufbar und verbreite Meldungen sofort.

Offenbar fühlten sich aber Twitternutzer von der Polizei bevormundet, weil die darum bat, keine Gerüchte zu verbreiten: „Das war als Appell gemeint“, heißt es in der Mitteilung der Polizei: „Ob es wirklich hilft, Falschinformationen zu verbreiten stellen wir in Frage“. Elf Minuten nach ihrer ersten Mitteilung jedenfalls verbreitete die Polizei bei Twitter, dass der Tatverdächtige gefasst worden sei und betonte in ihrem Tweet. „Es besteht keine Gefahr für die Bevölkerung!“

Mahnung der Polizei: „Verbreitet keine Gerüchte“

Offensichtlich aber schossen Gerüchte - dass es sich bei der Messerattacke am Stadtbahnhof um eine terroristische Tat gehandelt haben könnte - derart ins Kraut, dass die Polizei in ihrem dritten Tweet zur Bluttat, elf Minuten nach Tweet Nummer zwei, erneut die Nutzer aufforderte: „Verbreitet keine Gerüchte!“ Um 15.47 Uhr folgte dann die Mitteilung, die Terrorgerüchten deutlich widersprach: „Wir gehen nach bisherigem Kenntnisstand von einer Beziehungstat aus. Eine Mordkommission ist auf dem Weg“.

Was die Polizei im Fall des Falles veröffentlicht unterliegt Regeln, betont die Kreispolizei in ihrer Stellungnahme: „Die Polizei arbeitet Hand in Hand mit anderen Behörden zusammen. In Fällen wie letzten Samstag geht die Presse- und Informationshoheit an die Staatsanwaltschaft über. Die entscheidet dann über Art und den Umfang von Informationen.“

Die Polizei kann bei frischen Ermittlungen „oft nicht alles sagen“

Dem offenkundigen Verlangen von Nutzern, möglichst schnell möglichst viel zu erfahren, tritt man bei der Polizei entgegen und wirbt um Verständnis für diese Haltung: „Gerade bei frischen Ermittlungen kann die Polizei oft nicht alles sagen“, erklärt man bei der Polizei. Das habe verschiedene Gründe: Bei Todesfällen, auch bei schweren Unfällen, sollen Angehörige möglichst nicht durch soziale Netzwerke die Todesnachricht bekommen, sondern von der Polizei. Dabei stünden dann auch Notfallseelsorger bereit, um zu helfen mit der schlimmen Nachricht fertig zu werden.

Abwägen muss die Polizei bei ihrer Informationspolitik zudem zwischen öffentlichem Interesse an Informationen und den Bedürfnissen der Strafverfolgung: „Ermittlungen könnten behindert werden, wenn Details zu früh an die Öffentlichkeit kommen“, warnt die Kreispolizei in ihrer Mitteilung, die auch auf dem Facebook-Kanal verbreitet wurde. Beweise und Aussagen, „die auf die Beamten einprasseln“, seien zuerst „zu sichten, zu bewerten und so zu sichern, dass die Vorwürfe auch vor Gericht Bestand haben“. Das beherzigte die Polizei auch bei der Bluttat in Iserlohn. Die erste offizielle Pressemitteilung zu den Ereignissen am Stadtbahnhof wurde drei Stunden nach der Bluttat veröffentlicht.

„Es gibt keine Anweisung, die Nationalität zu verschweigen“

Vor allem die Frage der Nationalität des Täters machte sich kurz nach der Bluttat in Iserlohn auf sozialen Medien breit - wie so oft schon bei ähnlichen Ereignissen. „Die Bekanntgabe der Nationalitäten ist eine - teils schwierige - Einzelfallentscheidung“, sagt dazu die Kreispolizei. Sie verweist auf den Pressekodex, der die Maßstäbe für journalistisches Verhalten in Deutschland festlegt. Darin heißt es: Die Zugehörigkeit etwa zu einer Nationalität soll in der Regel „nicht erwähnt werden“, um eine „diskriminierende Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens“ zu vermeiden. Nur im Falle eines „begründeten öffentlichen Interesses“, sei eine Ausnahme möglich. In Iserlohn sah die Polizei dieses begründete öffentliche Interesse jedenfalls nicht: Als sie um 18.21 Uhr auf Twitter über den Stand der Ermittlungen informierte, nannten sie schließlich den Wohnort des Tatverdächtigen, der aus Bergisch-Gladbach kam, aber nicht seine Nationalität.

Fast schon genervt klingt der Hinweis der Polizei im Märkischen Kreis auf Gerüchte, Polizeibehörden würden solche Informationen ‘auf Befehl von ganz oben’ bewusst verschweigen: „Es gibt keine Anweisung des Innenministeriums, Nationalitäten von Tatverdächtigen zu verschweigen. Das immer wieder neu in Umlauf gebrachte angebliche Schreiben ist eine dreiste Fälschung“, teilt die Kreispolizei mit.

„Es ist schon traurig, dass sich die Polizei rechtfertigen muss“

Kritik löste offenbar auch aus, dass die Polizei nach der Bluttat in deutlichen Worten klar stellte, keine Fotos von Toten oder Verletzten auf sozialen Medien zu verbreiten. Jedenfalls ist auch das Thema der Stellungnahme der Kreispolizei von Donnerstag. Zwei Tage nach der Bluttat am Stadtbahnhof gab die Polizei bekannt, es seien Ermittlungen eingeleitet worden, weil jemand ein Foto des Opfers gemacht und verbreitet hatte: „Wir empfehlen, es zu löschen“, gab die Polizei in ihrem Tweet vom 19. August bekannt. Die Kreispolizei betonte, „wir gehen konsequent gegen Gaffer vor, die aus Sensationslust Fotos erstellen“ - weil sie damit unter anderem gegen Bildrechte verstoßen. Medienvertreter dagegen „sind in einer Sonderrolle“, stellte die Polizei klar.

Kritik gegenüber der Polizei fand sich im Zusammenhang mit der Bluttat jedoch nicht nur online. Auch vor Ort mussten sich Polizisten Beschwerden anhören, etwa weil das Parkhaus abgesperrt worden war, wo es zu einer der Attacken gekommen war. „Wir sperren Tat- oder Unfallorte aus gutem Grund ab“, erklärte die Kreispolizei. Immer wieder würden Menschen versuchen, Absperrungen zu umgehen oder zu umfahren: „Sie gefährden damit Helfer, behindern Rettungseinsätze oder gefährden Beweise“, stellt die Polizei klar: „Deshalb konnten wir am Samstag auch nicht zulassen, dass Fahrzeuge am Opfer vorbei aus dem Parkhaus gefahren werden“.

Die Entgegnung der Polizei löste auf Facebook am Donnerstag verschiedene Reaktionen aus. Unter den Kommentaren fand sich einige Zustimmung, aber auch weitere Kritik. Ein Nutzer schrieb. „Es ist schon traurig, dass sich die Polizei rechtfertigen muss“.

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