Kirche

Notsicherung nach böser Überraschung

Das frisch gesicherte Hennener Wandgemälde: Rechts neben dem Schwanz des Löwen ist der Putz herausgebrochen.

Das frisch gesicherte Hennener Wandgemälde: Rechts neben dem Schwanz des Löwen ist der Putz herausgebrochen.

Foto: Ralf Tiemann

Hennen.  Von der Wandmalerei in der Hennener Johanneskirche ist der Putz herausgebrochen. Die ersten Sicherungsmaßnahmen sind erfolgt.

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Ein dicker Brocken Putz bricht aus dem Gewölbe, darunter tut sich ein breiter Riss auf, in den sich ein Zollstock etwa 20 Zentimeter tief ins Gemäuer schieben lässt – in Hennen haben alle Alarmglocken geläutet, als Küsterin Ursula Wache diese unschöne Überraschung im September in der historischen Johanneskirche entdeckt hat.

Dass es Risse im Mauerwerk gibt, war bereits seit Längerem bekannt. Bereits im August hatte auch die Heimatzeitung darüber berichtet, als die Evangelische Gemeinde erste Vorbereitungen für eine anstehende umfangreiche Restaurierung der Kirche getroffen hatte, bei der dann auch die sichtbaren Risse in den alten Wandmalereien repariert werden sollte. Der Vorfall vom September hat diese Pläne aber erst mal auf Eis gelegt. „Wir wurden hier von der Realität überholt“, sagt Pfarrerin Christine Grans. Plötzlich bestand dringender Handlungsbedarf.

Schließlich ist die mittelalterliche Wandmalerei, die noch heute das Chorgewölbe hinter dem Altar schmückt, von großem kunstgeschichtlichen Wert. Und wenn sie nun beginnt, einen solchen Schaden zu nehmen, muss als erstes eine Notfallsicherung durch eine Fachfirma erfolgen, damit nicht weitere Stücke aus dem Putz herausbrechen. Außerdem muss der bemalte Innenputz stabilisiert werden, damit die Reparatur der Mauerrisse, die später von Außen vorgenommen wird, nicht noch mehr Schaden anrichtet.

Diese Notfallsicherung ist in dieser Woche erfolgt. Dazu sind die Diplom-Restauratorinnen Heike Wehner und Ramona Vinke von der Firma „Ars Colendi“ aus Paderborn angerückt. Mit feinen Pinseln und kleinen Kanülen, die man sonst aus der Medizin kennt, säubern sie die Risse und verfüllen sie mit einem Kalkmörtel. Außerdem bringen sie Tücher über den Rissen an, die ihnen wie ein Pflaster Halt geben und vor weiteren Schäden bei der anstehenden Reparatur des Mauerwerks schützen sollen.

Ziel ist die Erhaltung des jetzigen Zustandes

Höchste Vorsicht ist geboten, weil die beiden Fachfrauen neben den Rissen auch entdeckt haben, dass die alten Malereien nicht mehr wischfest und puderig geworden sind. „Das liegt an dem fehlerhaften Bindemittel in den Farben, die die Künstler früher verwendet haben“, sagt Heike Wehner, die über viel Erfahrung mit solchen Wandmalereien im heimischen Raum verfügt. Vermutlich sei es in Hennen wie in vielen anderen gotischen Kirchen so gewesen, dass die mittelalterlichen Gemälde im Barock, als ein anderes Verständnis von Kunst in der Kirche Einzug hielt, überstrichen wurden. Später, im 19. Jahrhundert, sei es dann wieder freigelegt worden. Allerdings sei die nach der Freilegung beschädigte Malerei damals ausgebessert und quasi neu gemalt worden – ein Vorgang, der vermutlich später noch einmal wiederholt wurde.

„Das würde man heute nicht machen“, sagt Heike Wehner. Ziel sei es in der modernen Kunst-Restauration, den jetzigen Zustand zu erhalten. Das übliche Vorgehen dazu sehe eine Reinigung, eine Festigung des Putzes mit entsprechenden Ausbesserungen und schließlich die Festigung der pulverigen Farbschicht mit Retuschen. Das könne bis zu einem Jahr dauern. Allerdings müsse für die Johanneskirche wie in jeder alten Kirche erst ein genaues Restaurierungskonzept erstellt werden.

Schließlich sei dieser Vorgang in der Regel für die ganze Kirche und nicht nur für das Gemälde im Altarraum erforderlich. In der dortigen Apsis, also dem halbkreisförmigen Abschluss des Altarraums mit dem runden Deckengewölbe befindet sich eine Christusdarstellung, die Jesus mit Strahlenkranz auf dem Weltenthron zeigt. Johannes der Täufer und Maria huldigen ihm – eine in unseren Breiten gängige Darstellung. Umringt wird sie den Symbolen der vier Evangelisten: Engel, Löwe, Stier und Adler. Darunter befinden sich aufgemalte Wandteppiche.

Ansonsten sei die Kirche sehr schlicht und nicht so überladen gehalten mit Rankenornamenten lediglich in den Laibungen, wie Heike Wehner anmerkt, was eine sehr schöne Atmosphäre ergebe. Bemerkenswert sei die Deckenmalerei, die sie auch aus vielen Kirchen im Soester Raum kennt. In die dortige Lebensbaumornamentik sind exotische Tierdarstellung eingearbeitet – Elefant, Kamel, Drache oder Flamingo – die aus heutiger Sicht durchaus kurios erscheinen.

Untersuchen, warum der Putz heruntergefallen ist

Die in Angriff genommene Sanierung der Kirche wird durch die aktuellen Entwicklungen nun doch noch umfangreiche als zunächst angenommen. Pfarrerin Christine Grans möchte als erstes untersuchen lassen, was zum Herausbrechen des Putzes geführt hat, ob sich der Boden setzt und bewegt, ob Vibrationen von schwerem landwirtschaftlichen Verkehr ihre Wirkung zeigen, oder ob es sich doch nur um bereits viele Jahre alte Schäden handelt, die keine weiteren Schutzmaßnahmen nach sich ziehen. Danach kann die Kirche ein Sanierungskonzept und einen Kostenrahmen aufstellen, mit dem sie sich bei den zuständigen Denkmalbehörden um eine Bezuschussung der notwendigen Arbeiten bemühen kann.

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