Gesundheit

„Noch kann es auch nur ein Zufall sein“

Ursachen und Gründe für Missbildungen bei Neugeborenen sind überaus vielschichtig und im Nachhinein schwer zu identifizieren. Prof. Dr. Hisham Ashour spricht sich für Sachlichkeit bei dem Thema aus.

Ursachen und Gründe für Missbildungen bei Neugeborenen sind überaus vielschichtig und im Nachhinein schwer zu identifizieren. Prof. Dr. Hisham Ashour spricht sich für Sachlichkeit bei dem Thema aus.

Foto: Privat

Iserlohn.  Auch in Iserlohn kam 2017 ein Kind mit missgebildeter Hand auf die Welt. Prof. Dr. Ashour mahnt zur Gelassenheit.

Zunächst war vor Tagen da die alarmierende Meldung, von den drei Babys mit gleichen Missbildungen an Arm und Hand in einem Gelsenkirchener Krankenhaus. Inzwischen hat sich daraus eine aufgeregte Grundsatz-Diskussion über Gründe, Verantwortlichkeiten, Reaktionen und Auswirkungen entwickelt. Die Heimatzeitung sprach mit Prof. Dr. Hisham Ashour, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Geburtshilfe am Krankenhaus Bethanien, über Fakten und Prognosen.

Hat es auf Ihrer Geburtsstation im Bethanien-Krankenhaus bei rund 1000 Entbindungen pro Jahr in den letzten Monaten einen Fall gegeben, der in das Muster der jetzt aufgetretenen Komplikationen passt?

Prof. Dr. Hisham Ashour Ja, wenn auch nur einen, aber es hat 2017 tatsächlich einen Fall gegeben.

Mit einer vergleichbaren Hand-Problematik?

Genau.

Ansonsten war das Kind gesund?

Ansonsten war das Kind gesund.

Gibt es Zahlen über die grundsätzliche Häufigkeit solcher Missbildungen?

Wenn wir über die Handmissbildungen in ihren unterschiedlichen Ausprägungen und Erscheinungsformen sprechen, dann haben wir statistisch zehn Fälle auf rund 10.000 Geburten.

Soweit bekannt ist, hat es Fälle dieser Art in Abständen immer mal wieder gegeben, ohne dass man immer konkrete Gründe dafür finden könnte. Stimmt es, dass rund 60 Prozent aller Fehlbildungen bei Säuglingen in der Tat ohne erkennbare Gründe auftreten?

Das ist eine ganz schwierige Frage. Natürlich wird es immer Gründe geben, aber das Problem besteht darin, sie am Ende auch nachzuweisen, also sie im Nachhinein zu verifizieren. Wir haben es hier mit komplexen Faktoren zu tun.

Gründe können genetischer Natur sein, durch Umwelteinflüsse und falsches Verhalten in der Schwangerschaft ausgelöst werden. Kann man all diese Fehlbildungen und ihre Ausmaße bereits zu Beginn der Schwangerschaft erkennen?

Das kann man. Insbesondere bei den genetischen Veränderungen. Früher hat man das durch Fruchtwasser-Untersuchungen gemacht, heute gibt es einfache Bluttests, mit denen man mit höchster Wahrscheinlichkeit sagen kann, ob eine Fehlbildung vorliegt oder nicht. Als Nächstes kommt der Ultraschall, der im Fall der missgebildeten Hände Informationen geben kann, zwischen der 20. und 24. Woche der so genannte Fehlbildungs-Ultraschall zum Ausschluss solcher Problematiken. Da können Unregelmäßigkeiten an den Gliedmaßen, aber auch am Herzen erkannt werden.

Zum Verständnis: Wann bilden sich Gliedmaßen wie Finger oder Zehen bei dem Säugling aus?

Zwischen dem 29. und 45. Tag nach der Empfängnis. Darum ist diese Zeit natürlich auch ungemein wichtig, wenn wir zum Beispiel über die Einnahme von Medikamenten sprechen. Oder über den Genuss von rohem Fleisch. In dieser Phase muss man wirklich extrem vorsichtig sein. Die meisten Fehlbildungen, die durch äußere Einflüsse entstehen, entstehen in diesem Zeitraum.

Können Veränderungen und Schädigungen auch noch in einem späteren Stadium der Schwangerschaft ausgelöst werden beziehungsweise auftreten?

Bezogen auf die vorliegende Problematik nicht. Das entsteht viel, viel früher. Es gibt natürlich Viruserkrankungen, die auch in der Spät-schwangerschaft Probleme machen, aber eben keine Missbildungen.

Kann man anhand des Behinderungsbildes, also in dem Fall im Bereich der Hand und der Finger, wie später bei Contergan-Skandal Rückschlüsse auf die Ursache ziehen? Kann man zum Beispiel ein Fehlbildungsbild der Einnahme von Drogen zuordnen?

Natürlich macht sich gerade in der Entstehungsphase in den ersten sechs bis sieben Wochen ein Drogenkonsum bemerkbar. Aber es gibt bis dato keine Erkenntnis darüber, ob Marihuana zum Beispiel am Ende zu einer fehlenden oder missgebildeten Hand führen kann.

Können veränderte Lebensweise, also zum Bespiel ein eher lockerer Umgang mit Alkohol, Nikotin oder sonstigen Genussgiften, zu hochgehenden Zahlen führen?

Natürlich.

Wenn unter Umständen schädliche Umwelteinflüsse in einem Lebensumfeld, so genannte teratogene Faktoren, auch als Ursachen für Veränderungen infrage kommen, müsste es dann nicht ein bundesweites Melde- und Erfassungsregister geben, um ortsbezogene Entwicklungen erkennen zu können?

Das wäre natürlich eine ganz wunderbare Sache, wenn man eine Perspektive-Studie machen würde, um Gebiete mit auffälligen Erscheinungen herauszufiltern. Aber man muss dann tatsächlich auch jeden Fall für sich betrachten, weil man es eben mit einer ganzen Bandbreite von Gründen und unterschiedlichsten Missbildungen zu tun hat. Da muss man dann auch die Eltern auf alle möglichen genetischen Fragestellungen untersuchen

Grundsätzlich raten Sie allerdings dazu, jetzt nur nicht in Panik zu verfallen?

Auf keinen Fall. Das kann im Moment in der Tat auch noch reiner Zufall sein, dass in so kurzer Folge drei Kinder in einer Region betroffen sind. Ich glaube derzeit nicht, dass es eine Art von Epidemie ist und auch nicht, dass da ein besonderer Faktor von Umweltverschmutzung oder äußerer Beeinflussung vorhanden ist. Aber trotzdem muss man diese Auffälligkeit jetzt genau untersuchen.

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