Messerattacke

Messerangriff in Iserlohn: Passanten wollten Täter stoppen

Ein Sanitäter bringt das zwei Monate alte Mädchen vom Gelände. Zeugen hatten das Kind aus dem Auto der getöteten Mutter gerettet.

Ein Sanitäter bringt das zwei Monate alte Mädchen vom Gelände. Zeugen hatten das Kind aus dem Auto der getöteten Mutter gerettet.

Foto: Michael May / IKZ

Iserlohn.  Ein 43-jähriger Mann soll seine Ehefrau und deren neuen Lebensgefährten getötet haben. Ein zwei Monate altes Baby konnte gerettet werden.

Es ist ein verregneter Sonntagvormittag in der Waldstadt. Im Foyer des Stadtbahnhofs riecht es nach frischen Brötchen, Kunden stehen Schlange an der Theke der Kamps-Filiale. An den Bahnsteigen herrscht wenig Betrieb. Auf den ersten Blick erinnert nichts an die tödliche Messerattacke, die hier gestern am helllichten Tag zwei Menschen aus dem Leben gerissen und einem zwei Monate alten Mädchen die Mutter genommen hat. Nur eine einsame Grableuchte glimmt vor einem Betonpfeiler, von der viele Passanten beim Vorbeigehen keine Notiz nehmen.

Nach der zunächst dürftigen Informationslage haben Polizei und Staatsanwaltschaft am Sonntagnachmittag weitere Details zu den Ermittlungen bekannt gegeben, die die erste Vermutung stützen, dass es sich um eine Beziehungstat handelt. Demnach ist die getötete 32-Jährige die Ehefrau des dringend tatverdächtigen 43-Jährigen, beide stammen aus dem Kosovo und haben keine deutsche Staatsbürgerschaft. Bei dem zweiten Opfer, ein 23-jähriger Afghane, soll es sich um den neuen Lebensgefährten der Frau und höchstwahrscheinlich den Vater des zwei Monate alten Mädchens handeln, das die Rettungskräfte unverletzt vom Tatort bringen konnten.

Tatwaffe ist ein normales Küchenmesser

Die Motivlage sei bislang unklar, teilte Polizeisprecher Marcel Dilling am Sonntag mit. Die eingeschaltete Mordkommission prüfe gerade, wie es zu dem Zusammentreffen am Stadtbahnhof kam. Als gesichert gilt inzwischen, dass die 32-jährige Mutter in Iserlohn gewohnt hat, während Ehemann und Partner in Bergisch Gladbach gemeldet sein sollen. Das Ergebnis einer Obduktion bestätige als Todesursache für beide Opfer „zahlreiche Verletzungen durch scharfe Gewalteinwirkung“, bei der sichergestellten Tatwaffe handele es sich um ein handelsübliches Küchenmesser mit einer zwölf Zentimeter langen Klinge.

Das Baby habe sich zum Tatzeitpunkt, den die Polizei mit 14.20 Uhr angibt, im Auto der Mutter befunden, sei von Zeugen in Sicherheit gebracht worden und befinde sich jetzt in der Obhut des Jugendamtes. Auf Antrag der Staatsanwaltschaft Hagen wurde der 43-Jährige am Sonntag einem Haftrichter am Amtsgericht Iserlohn vorgeführt, der einen Untersuchungshaftbefehl wegen zweifachen Totschlags erlassen hat.

Eine Reihe von Zeugen berichtete unserer Redaktion, dass der Messerstecher am Bahnsteig von Passanten umringt wurde, die verzweifelt versuchten, ihn mit lauten Rufen zur Besinnung zu bringen. Zu diesem Zeitpunkt verblutete die Frau bereits im Parkhaus, wo der Täter offenbar zuerst zugeschlagen hatte. Zu einem Versuch von Passanten, ihn zu überwältigen, kam es offenbar nicht. Die Berichte legen nahe, dass den Zeugen nicht viel Zeit blieb, zu reagieren. Nachdem der Angreifer wie im Rausch auf sein zweites Opfer eingestochen hatte, ließ er demnach das Messer fallen und verharrte bis zum Eintreffen der Polizei.

Am Bahnhof waren die Tatortreiniger gründlich. Im Parkhaus erinnern nur die Kappe einer Transfusionsspritze und die Schutzfolie eines Defibrillators an den vergeblichen Kampf der Sanitäter um das Leben der 32-Jährigen. Ralf Lingenberg aus Nachrodt holt gerade sein Auto, um seine Frau nach Hause zu bringen – wie viele andere stand der 58-jährige Frührentner am Samstag auf dem Weg ins Parkhaus plötzlich vor rot-weißem Flatterband und verfolgte entsetzt, wie die Polizei den Tatverdächtigen abführte. „Wir hatten noch überlegt, mit unseren Enkelkindern einkaufen zu gehen. Wir wären da direkt reingelaufen“, sagt er und schüttelt den Kopf. Als er sich umblickt, ist ihm das Unbehagen deutlich anzusehen.

Zeugen sind am Tag danach noch völlig schockiert

Eigentlich haftet diesem Ort keine düstere Aura an. Das Parkdeck erhält von zwei Seiten Tageslicht und Frischluft, der Boden wirkt recht gepflegt. Auf dem Weg nach draußen lässt sich trotzdem nur schwer der Gedanke abschütteln, dass der 43-Jährige gestern diesen Weg genommen hat, als er sein zweites Opfer verfolgte. Der Moment, als er am Gleis 2 auf den schon am Boden liegenden 23-Jährigen einstach, markiert für die meisten Zeugen den abrupten Wandel eines normalen – für die Gäste einer Hochzeit in der Obersten Stadtkirche fröhlichen – Tages in einen Alptraum, der viele von ihnen verfolgen muss.

Eine von ihnen ist Ulrike Kastrati aus Hemer. Sie bedient gerade einen Kunden, als sich dieser wortlos umwendet und zum Ausgang hechtet. Die 56-Jährige arbeitet seit fünfeinhalb Jahren in der Bäckerei und ist es durchaus gewohnt, dass Reisende schnell zum Zug müssen. „Aber dabei lassen sie ihre Brötchen nicht liegen“, benennt sie als das erste Detail, das in ihr das Gefühl auslöst, dass irgendetwas nicht stimmt. Der Blick durch die verglaste Front zu den Bahnsteigen lässt sie einen Herzschlag später schockiert innehalten. „Dann habe ich es gesehen. Der Mann hat immer wieder zugestochen“, schildert sie mit noch immer leicht zittriger Stimme und nestelt dabei mit den Händen. „Man bekommt hier schon mal kleinere Schlägereien mit. Aber so etwas hat es noch nicht gegeben.“ So, wie sie heute ihren Dienst tut, habe sie auch gestern nach dem ersten Schrecken die übrigen Kunden bedient: „Es muss ja weitergehen hier.“

An den Tischen vor der Bäckerei sitzt eine Gruppe von Männern, einige rauchen oder trinken Kaffee. Zwei von ihnen sind Taxifahrer, keiner von ihnen war zum Zeitpunkt der Tat hier. Ein türkischstämmiger Mann mittleren Alters erkundigt sich mit deutlichem Akzent: „Haben die den, der das getan hat?“ Der Auskunft, dass sich der Täter in Polizeigewahrsam befinde, lauscht er aufmerksam. „Gut“, sagt er ernst. Die rechte Hand ballt er dabei unwillkürlich zur Faust. Einer der Taxifahrer, deutlich jünger, beschreibt den Iserlohner Bahnhof als sonst ruhiges Arbeitsumfeld. Einschüchtern lassen will er sich auf keinen Fall. „Ich habe vor niemandem Angst, außer vor Allah“, stellt er klar.

Zwei Tote in Iserlohn- Polizei geht von Beziehungstat aus

Die Reisenden am Gleis gegenüber verkriechen sich in ihre Jacken, vielleicht nur wegen des Nieselregens, aus dem wenig später ein prasselnder Schauer wird. Das Entsetzen über die Geschehnisse vom Vortag vermag er nicht fortzuspülen. So schockiert viele Iserlohner sind, demonstrierten manche schon am Samstagabend bei den „Sommernächten“ auf dem Fritz-Kühn-Platz sauerländische Sturheit im positiven Sinn. Eine Besucherin: „Ich weigere mich, deswegen zu Hause zu bleiben. So viel Aufmerksamkeit hat der Täter nicht verdient.“

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