Serie Architektur in Iserlohn

Mehr als die Summe von Zweck und Ökonomie

Das Wichelhovenhaus ist das wohl prominenteste Beispiel für expressionistische Architektur in Iserlohn.

Das Wichelhovenhaus ist das wohl prominenteste Beispiel für expressionistische Architektur in Iserlohn.

Foto: Michael May

Iserlohn.  Der Expressionismus war architektonisch nur eine kurze Episode, doch hat er prägnante Bauwerke hinterlassen.

Der Expressionismus in der Architektur war gewissermaßen ein Spätzünder, setzte er sich doch erst in der Zeit nach 1918 und bis Ende der 20er-Jahre durch, also zu einer Zeit, als er in Kunst und Literatur schon wieder im Abklingen war.

Eine kurze Episode in Bezug auf die Architekturgeschichte also, aber eine, die doch ein paar prägnante Bauwerke in Deutschland hinterlassen hat. Versucht wurde, im Gegensatz zum Ansatz des reinen Funktionalismus, eine Ausdruckssteigerung mit baukünstlerischen Mitteln zu erzielen. Expressionistische Bauten sollten den Eindruck frei geformter, abstrakter und monumentaler Plastiken vermitteln. Als bekanntestes expressionistisches Bauwerk gilt der Einsteinturm in Potsdam-Babelsberg, der zwischen 1919 und 1922 von Erich Mendelsohn (1887-1953) errichtet wurde. Auch das Chile-Haus in Hamburg ist ein herausragendes Beispiel dieser Epoche.

Expressionismus

Der Begriff Expressionismus leitet sich vom lateinischen „expressio“ (Ausdruck) ab. Expressionismus wird als „Kunst des gesteigerten Ausdrucks“ übersetzt. Es gab einige Architekten, die zunächst expressionistische Bauten schufen, dann aber zur Neuen Sachlichkeit wechselten, zum Beispiel auch der Bauhausgründer Walter Gropius. Das Zeitfenster, in dem Bauwerke dieser Gattung entstanden, war also eher klein.

Expressionistische Architektur ist ein fast ausschließlich in Deutschland vorkommender Stil. Zum ersten Mal soll 1913 Adolf Behne die Arbeiten des Architekten Bruno Tauts in einer Zeitschrift mit aktuellen Entwicklungen der Malerei verglichen haben und sie expressionistisch genannt haben.

Merkmale Expressionismus

Typisch für expressionistische Bauten sind runde und gezackte Formen. Während die Neue Sachlichkeit Ornamente ablehnte, wurden sie im Expressionismus gerne verwendet, und zwar zum einen in kantigen, spitzen Elementen, zum anderen in Skulpturen, die die Fassaden mitprägten.

Gebaut wurde vor allem mit Backsteinen, also aus Ton gebrannten Ziegeln. Brennt man diese bei besonders hohen Temperaturen, heißen sie Klinker. Verwendung fanden diese häufig und insbesondere darum, weil sie ausgesprochen haltbar waren. In diesem Zusammenhang spricht man heute häufig auch vom Backstein-Expressionismus. Vor allem in Norddeutschland und im Ruhrgebiet entstanden solche Bauten in dem für sie typischen und dort stadtbildprägenden Rot.

Durch die kreative Setzung und Ordnung der verwendeten Steine konnte man Muster herstellen, zum Beispiel, indem man horizontale Reihen von Backsteinen abwechselnd vor und zurück mauerte. Häufig verwendet wurden zudem Reliefs als Teil der Innen­einrichtung. Überhaupt wurde der Innengestaltung große Aufmerksamkeit geschenkt.

„Es ging darum, einem aufkommenden Funktionalismus im Gewand der Neuen Sachlichkeit mit bewusstem Bekenntnis zur architektonischen Form entgegenzutreten, die eben nicht nur eine Summe aus Gebrauchszweck, Material, Konstruktion und Ökonomie sein kann“, schrieb der Autor Hans Kollhoff. Er sah im Expressionismus sogar eine frühe Kritik an einer kapitalistischen Lebenswelt, in der selbst die Kunst im Dienst des Massenkonsums steht. (Quellen: Zeitklicks.de/Baunetz.de/Wolfgang Pehnt: Die Architektur des Expressionismus)

Bekannteste Gebäude

Bescheidenheit ist zwar eine Zier, doch kommt man nicht umhin, das Wichelhovenhaus, Verlagsgebäude dieser Zeitung, als das prominenteste Beispiel für expressionistische Architektur in Iserlohn anführen zu müssen. Vier Geschosse, Backstein-Fassade – der mächtige Bau mit Travertin-Gliederungen wurde 1927 von Ullmann & Eisenhauer errichtet. Der symmetrische Aufbau mit zwei Staffelgeschossen wird durch den Eingangsportikus und Fensterbänder gegliedert.

Zwar wirkt der Bau auf den ersten Blick eher sachlich bis streng – allerdings wird dies bei genauem Hinsehen durch dekorative Elemente wie Oberlichtgitter am Eingang und Zierverband am Dachgesims aufgebrochen.

Die großzügige Eingangshalle ist mit einem Bodenmosaik und geometrischen Farbfenstern geschmückt. Zentrum des Gebäudes ist das Foyer mit zweiarmiger Treppe. Auf dem ersten Podest erhebt sich ein Marmorbrunnen mit flacher Schale, darauf ein weiblicher Akt, der in eine Muschel hineinhorcht.

Schönheiten in zweiter Reihe

Gewissermaßen ein Exot in dieser Reihe, weil kein Gebäude, ist das Kriegerdenkmal auf dem Friedhof in Lössel. „Seine Formensprache dokumentiert die kunstgeschichtliche Zeitströmung des Expressionismus im dritten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts“, heißt es dazu im Iserlohn-Lexikon. Es ist damit einmalig in Iserlohn. Das Ehrenmal erhebt sich auf einem umlaufenden Stufenpodest, der Grundstein wurde 1927 gelegt. Auf einem sternförmigen Sockel wacht ein trauernder Krieger.

Weiterhin zu erwähnen wären an dieser Stelle als Beispiele für expressionistische Architektur das Bauensemble in der Piepenstockstraße 72-74 und der Duesbergstraße 6-8.

Architekt Alwin Dossmann griff hier bei den Staffelgiebeln an den Seiten und den Dachgauben auf gotische Stilelemente zurück – und orientierte sich so an einer Richtung des Expressionismus, der diese Stilmittel zu dieser Zeit bewusst aufgriff.

Von den Iserlohnern oft gesehen und vermutlich selten als eines der seltenen Beispiele für expressionistische Architektur wahrgenommen, wird die Häuserzeile an der Hans-Böckler-Straße 13-21. Fertiggestellt 1928, fällt vor allem die bemerkenswerte Ziegeltechnik auf. Das Gebäude vereint die Sachlichkeit des Funktionalismus mit der expressionistischen Ziegeltechnik. (Quelle: Iserlohn-Lexikon)

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