Musikleben

„Linkshändigkeit ist keine Krankheit“

Eine 13-Jährige Cellistin darf nicht im Musikschulorchester mitspielen, weil sie auf ihrem Spezialinstrument gegen den Strich spielt und dadurch andere Schüler irritiere, so die offizielle Begründung.

Eine 13-Jährige Cellistin darf nicht im Musikschulorchester mitspielen, weil sie auf ihrem Spezialinstrument gegen den Strich spielt und dadurch andere Schüler irritiere, so die offizielle Begründung.

Foto: Cornelia Merkel

Iserlohn.   Warum eine 13-Jährige Cellistin nicht im Musikschulorchester gegen den Strich mitspielen darf: Die Gymnasiastin ist Linkshänderin.

Linda (Namen auf Wunsch geändert) ist 13 Jahre alt und spielt seit drei Jahren gerne Cello. Sie ist Linkshänderin und darf deshalb nicht im Orchester der Musikschule mitspielen – nur wenn sie seitenverkehrt rechtshändig spielen würde, wäre sie willkommen. Im Schulorchester am Gymnasium An der Stenner ist das für sie und eine weitere Linkshänderin kein Pro­blem. Da sind sie voll integriert.

Das Mädchen ist stark verunsichert. „Linkshändigkeit ist keine ansteckende Krankheit. Es kann nicht sein, dass das in der heutigen Zeit ein Problem ist, wo Inklusion groß geschrieben wird“, sagt ihre Mutter Lydia L. (Name geändert). „Meine Tochter ist gezwungen, Privatunterricht zu nehmen. Wir waren jahrelang Kunden der Musikschule, zwei unserer Kinder haben dort Cello- und Blockflöten-Unterricht gehabt.“ Ihr Privatlehrer hält Linda für talentiert und befürwortet, dass sie im Orchester spielt.

Mutter fordert Chancengleichheit

Deshalb beschwerte sie sich Anfang März bei der Stadt: „Der Grundgedanke und Leitsatz der städtischen Musikschule ist die Chancengleichheit, Förderung und Freude am Ins­trument“, beruft sich die Mutter auf das Credo der Einrichtung. „Wie ich von mehreren Eltern erfahren habe, stehen sie vor der gleichen Problematik.“ Von solchen Problemen weiß Paul Breidenstein nichts. „Wir haben die übliche Mischung von Rechts- und Linkshändern an der Musikschule. Das trifft auch auf das Kollegium zu. Aber deshalb gibt es keine Andersbehandlung. Das ist eine Minderheitengeschichte. Es ist eine grundsätzliche Frage der Sinnhaftigkeit.“

Als positives Beispiel führt die Beschwerdeführerin Lydia L. die Musikschule Hagen an, die sowohl Ins­trumentalunterricht als auch Teilnahme an Ensembles und Orchestern für Linkshänderinstrumente ermöglicht. Sie gibt aber auch zu bedenken: „Nicht jeder ist motorisiert und kann sich den zusätzlichen Aufwand leisten, in eine andere Stadt zu fahren.“

Paul Breidenstein bleibt bei seiner Absage: Sein Musikschulorchester nehme keine links spielenden Musiker auf. Begründung: „Zum invertierten Spielen ist bekannt, dass linkshändig starke Personen auf Streichinstrumenten Vorteile gegenüber rechtshändig starken haben, weil die virtuosen Anforderungen an die linke Hand, mit der die Töne gegriffen und das klang prägende gestaltende Vibrato gebildet wird, für Rechtshänder grundsätzlich schwerer zu bewältigen sind. Die klanglichen Anforderungen an die rechte Bogenhand sind ebenfalls nicht zu unterschätzen, so dass sich insgesamt eine Förderung hoher Geschicklichkeit in beiden Händen ergibt, die zu den großen Vorteilen nicht nur der Streich-, sondern auch der Holzblas- und Tasteninstrumente gehören.“

Breidenstein beruft sich auf Erkenntnisse des „Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin“ an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Er macht deutlich: „Beim gemeinsamen Musizieren mit Kindern und Jugendlichen im Orchester oder Ensembles der Musikschule, aber auch in ihren zahlreichen Kooperationen mit allgemeinbildenden Schulen geschieht ein erheblicher Teil des Lerneffektes durch Imitation.“ Er demonstriert, dass dies vor allem für die Strichrichtung des Bogens gelte, wenn er seine Schüler im Sinfonie-Orchester mit nonverbalen Signalen entsprechend anleite: „Alle Schüler streichen gleichzeitig in die selbe Richtung.“ Wenn jemand in die andere Richtung streiche, führe das zu Irritationen.

„Die Musikschule kann nicht alles anbieten“

Der Musikpädagoge betont: „Auch würde es andere Schüler – entgegen der grundsätzlichen Position der Musikschule zur Sinnhaftigkeit von invertiertem Spiel auf Streichinstrumenten – zu der Annahme verleiten, es könne auch für sie sinnvoll sein, auf invertiertes Spiel umzustellen.“

Paul Breidenstein stellt klar: „Die Musikschule teilt grundsätzlich die fachliche Ansicht, dass ein invertiertes Instrumentalspiel auf Streichinstrumenten für das eigene Angebot keine Alternative zur traditionellen Spielrichtung ist. Deshalb bieten wir auch keinen invertierten Unterricht auf diesen Instrumenten an. Die Musikschule kann nicht alles anbieten.“ Er weiß um die von der Mutter angeführten anders lautenden Lehrmeinungen und alternative Angebote anderer Musikschulen: „Es bleibt jedem unbenommen, eine abweichende Meinung zu haben. Natürlich kann man in die Nachbarorte gehen. Aber wir können nicht alle Wünsche erfüllen.“ Er bleibt bei der Grundsatzentscheidung. Zudem könne die Musikschule schon aus Kapazitätsgründen auch kein vollständiges Angebot für alle Instrumente und Varianten vorhalten. „Sie konzentriert sich daher auf ein beschränktes Angebot nach fachlicher Abwägung und lokaler, regionaler Ausprägung mit dem Schwerpunkt des gemeinsamen Musiklernens.“

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