Gesundheit

Lehren für den unbewegten Menschen

Weg von der passiven Mobilität, hin zu mehr Bewegung im Alltag: Prof, Dr.  Thomas Rieger.

Weg von der passiven Mobilität, hin zu mehr Bewegung im Alltag: Prof, Dr. Thomas Rieger.

Foto: Michael May

Iserlohn.  Wie lässt sich sportliche Aktivität in den Alltag integrieren? Ein Gespräch mit UE-Sport-Dekan Prof. Dr. Thomas Rieger

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Sport macht gesund – und der Alltag ist oft der beste Fitnesstrainer: Ein Gespräch mit Prof. Dr. Thomas Rieger, Dekan der Fakultät „Sport, Medien & Event“ am UE-Campus Seilersee, 46 Jahre alt und in der Freizeit Gewichtheber beim SuS Derne (Dortmund), über Schulsport, Fitness und die Verantwortung von Arbeitgebern für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter.

Die Themen Sport, Bewegung, Ernährung scheinen stark im Trend zu liegen. Andererseits gibt es Berichte von Kindern, die immer dicker werden und motorisch unterentwickelt sind. Das scheint nicht zusammenzupassen. . .

Es liegt primär daran, dass wir Bewegung aus unserem Alltag sukzessive entfernt haben. Menschen sind bequem und versuchen sich den Alltag zu erleichtern. Fahrstühle und Rolltreppen sind hierfür die besten Beispiele. Wir bewegen uns zunehmend von der aktiven hin zur passiven Mobilität. Digitale Technologien fördern das natürlich. Und Kinder haben heute viel mit digitalen Technologien zu tun. Das führt zu weniger Bewegung und dazu, dass auch in der Freizeitgestaltung andere Dinge interessanter sind als nach draußen zu gehen, um zum Beispiel Fußball zu spielen oder sich auf dem Spielplatz auszutoben.

Fitnessstudios verzeichnen Rekordanmeldezahlen. Wenn man Medien wie Instagram oder die Tatsache, dass alte Menschen immer länger fit sind, als Indikator hinzuzieht, könnte man zugespitzt behaupten, die Alten werden immer fitter, die Kinder immer dicker. . .

Das ist spezielles Klientel, das aber viel über soziale Medien visuell kommuniziert und Aufmerksamkeit erzeugt, so dass vielleicht ein gewisses Zerrbild entsteht, dass alle Leute fit sind und sich gesund ernähren. Sie haben Recht, wenn sie sagen, dass die Fitnessbranche in den letzten Jahren sehr erfolgreich gewesen und stark gewachsen ist. Und das schlägt sich interessanterweise nicht nieder in der Kindergesundheit. Aus meiner Sicht ist es primär ein Problem des Alltags, der von den Eltern und unserer Gesellschaft insgesamt nicht entsprechend vorgelebt wird. Gepaart mit der Attraktivität der digitalen Welt führt dies zu der eben beschriebenen Situation.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt eine bis 1,5 Stunden Bewegung pro Tag. Ist das für Otto-Normalmensch realistisch?

Wenn sie mal an ungefähr zehn- bis zwölftausend Schritte am Tag denken, das wäre ungefähr das Bewegungsmaß von 60 bis 90 Minuten für jeden von uns, insbesondere auch für Kinder. Man könnte es auch anders formulieren: Versuche einfach eine Stunde am Tag nicht zu sitzen oder zu liegen, sondern in Bewegung zu sein. Klingt realistisch. Die restlichen 23 Stunden sind optional.

Reichen zwei oder vier Stunden Schulsport für Kinder noch aus?

Grundsätzlich ja, wenn man die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung berücksichtigt. Es gibt aber viele, vor allem strukturelle Dinge im Sportunterricht, die fehl laufen. Wenn man die Zeit für das Umziehen und Einweisen abzieht, bleibt für die eigentliche Bewegung beziehungsweise sportliche Aktivität zu wenig Zeit. Wenn die Sportstunde ausschließlich für Bewegung genutzt würde, und die Kinder zusätzlich in der Freizeit 60 bis 90 Minuten Bewegung aus Alltagsaktivitäten bekommen würden, wäre das ein ausreichendes Maß.

Wie sollte denn ein schulischer Sportunterricht aufgebaut sein? Sollten auch Ernährungsfragen eine Rolle spielen? Schließlich scheinen viele Kinder die Verhältnismäßigkeit nicht zu kennen, wenn es zum Beispiel darum geht, was Zucker und Kalorienzufuhr mit dem Körper machen. . .

Ein Fach Gesundheitserziehung, gekoppelt mit dem Sportunterricht, wäre sinnvoll. Früh ansetzen, um Effekt- und auch Handlungswissen zu vermitteln. Um die Basics zu verstehen, wie wir Menschen funktionieren, was uns in den Genen liegt. Dass wir eigentlich Läufer sind, dass wir Energie brauchen, um uns zu bewegen. Was macht Ernährung mit uns? Wie ist die Energiebereitstellung? Was hat das mit Bewegung zu tun? Wie sieht gesunde Ernährung überhaupt aus? Heutzutage haben wir ja überall ein Überangebot an Kalorien und Energie, die wir nicht abbauen, was zu Folgeerkrankungen, den sogenannten Zivilisationserkrankungen führt.

Kann es mal helfen, alten Wein in neuen Schläuchen zu verkaufen? Zirkeltraining heißt jetzt Crossfit, Turnen wird etwas abgewandelt zu Parcours. . .

Und aus Haferflocken und Haferschleim wird Porridge, weil sich Letzteres besser verkaufen lässt. Diesen Ansatz finde ich zur Bewegungsförderung sehr gut. Statt Turnen wird Parcours gemacht und aus Zirkeltraining wird Crosstraining. Bewegung attraktiver zu machen, ist sicher ein vielversprechender Ansatz.

Wie lässt sich Bewegung am einfachsten in den Alltag integrieren?

Auf jeden Fall versuchen, die Sitzzeit zu minimieren, optionales Sitzen in eine stehende oder aktive Position umwandeln. Wir könnten dieses Gespräch auch im Stehen führen. Im Büro ist dabei zum Beispiel ein Stehschreibtisch eine sehr sinnvolle Anschaffung. Man muss diese Dinge nach und nach implementieren, die Kultur verändern, hin zu einer Pro-Bewegungskultur.

Der Körper verändert sich, ab einem gewissen Alter schwinden die Muskeln. Wie finde ich den richtigen Sport für das richtige Alter?

Grundsätzlich ist wichtig, überhaupt in Bewegung zu kommen und etwas zu finden, was einem Spaß macht. Aber es gibt natürlich eindeutige sportwissenschaftliche Empfehlungen, das Herz-Kreislauf-System und die Skelett-Muskulatur zu trainieren. Also Ausdauertraining zu koppeln mit einem Krafttraining. Das wäre aus gesundheitlicher Sicht das Sinnvollste. Nur zu laufen, wäre nicht ausreichend, weil dann unter anderem die Stützmuskulatur vernachlässigt wird. Die Muskulatur ist das wichtigste Organ unseres Körpers, das sehr viele lebensnotwendige Prozesse reguliert. Nur Krafttraining zu betreiben, wäre auf die Dauer auch zu einseitig. Eine wesentliche Bedeutung kommt natürlich auch der Motivation zu. Ein adäquates Bewegungsverhalten dauerhaft umzusetzen, daran scheitert es häufig.

In den meisten Firmen scheint das Thema Gesundheit eher Privatsache zu sein. Was können denn die Arbeitgeber tun?

Unternehmen haben eine sehr große Verantwortung der Gesundheit ihrer Mitarbeiter gegenüber. Bewegung ist allerdings nur einer Komponente von vielen. Viel wichtiger sind Themen wie Führung und Sozialkapital. Wie sind die Beziehungen der Mitarbeiter untereinander, zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern? Aber Bewegung kann natürlich dazu beitragen, dass man zufriedener und leistungsfähiger ist. Wenn der Arbeitgeber auch während der Arbeitszeit die Möglichkeit gibt, Bewegung zu implementieren, halte ich das für sinnvoll. Es ist aber nur ein kleiner Baustein. Ausreichend Bewegung nützt nichts, wenn Führung und Beziehungen schlecht sind.

Hat der demografische Wandel aus ihrer Sicht den Sport in Bezug auf die Angebote sehr verändert?

Ja, wenn man in die Vereine schaut, bestehen ja durchaus Probleme in den wettkampforientierten Sportarten. Im Jugendbereich, selbst im Fußball. Und es verändert sich immer mehr hin zu Rehabilitationssport und Gesundheitssport. Es geht weg vom Wettkampfmotiv, hin zu Motiven wie Spaß und Gesundheit.

Sie haben ein Forschungsgebiet, das ich gerne als Frage an Sie richten würde: Wie lassen sich Sport und Bewegung in nachhaltige Konzepte der Gesundheitsförderung auf kommunaler und organisationaler Ebene implementieren?

Ich denke an ein ganzheitliches Gesundheitsmanagement, sowohl in privatwirtschaftlichen als auch öffentlichen Betrieben. Zu Beginn steht die Analyse: Wie gesund ist die Organisation? Wie hoch ist der Krankenstand? Wie zufrieden sind die Mitarbeiter? Wenn die Mitarbeiter zufrieden sind und gerne zur Arbeit gehen, kann man in der Regel von einer gesunden Organisation sprechen. Arbeitsstrukturen, Kultur und Beziehungen haben darauf einen sehr großen Einfluss. Allein die Fehlzeiten sind nicht aussagekräftig genug. Es kann ja durchaus sein, dass Mitarbeiter, obwohl sie krank sind, sich gezwungen fühlen, zur Arbeit zu gehen. Aus den Analyseergebnissen werden dann entsprechende Maßnahmen, zum Beispiel ein Führungstraining oder eine Rückenschule abgeleitet, deren Effekte dann im Zeitablauf evaluiert werden. Eine Kommune kann sich smart aufstellen im Bereich Bewegung, das machen wir ja auch gerade mit der Stadt Iserlohn (wir berichteten). Die Stadt hat von uns eine Analyse und eine Empfehlung bekommen, wie die Kommune sich in den nächsten drei Jahren strategisch aufstellen soll im Bereich Bewegung. Das hat auch mit Infrastruktur zu tun. Welche Sportarten soll ich fördern? Wie kann ich mit den Vereinen besser kooperieren?

Was ist da die Rolle von Sportvereinen? Sieht man den Sporttrend und gleichzeitig rückläufige Mitgliederzahlen, könnte man böswillig behaupten, die machen was falsch. . .

So rückläufig sind die gar nicht. Aber die Vereine haben natürlich schon Herausforderungen durch die privatwirtschaftliche Konkurrenz im Fitnessbereich. Ein größeres Problem ist aber der Rückgang des ehrenamtlichen Engagements. Die Bereitschaft, sich neben dem Sporttreiben im Verein zu engagieren, ist rückläufig. Und jeder Verein steht und fällt mit dem ehrenamtlichen Engagement seiner Mitglieder.

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