Frauen

„Lebenslinien“ starker Frauen nachgezeichnet

„Flaschenkinder“-Gründerin Kathrin Thielmann-Lange (re.) gab im Interview mit Annegret Simon sehr persönliche Einblicke.

„Flaschenkinder“-Gründerin Kathrin Thielmann-Lange (re.) gab im Interview mit Annegret Simon sehr persönliche Einblicke.

Foto: Jennifer Katz

Iserlohn.  Kathrin Thielmann-Lange und Silvia Blum waren am Samstag die Interviewpartnerinnen beim „AsF-Talk“.

Zwei grundverschiedene Frauen, die aber doch so manche Parallele haben, waren beim „AsF-Talk“ am Samstag in der Kunstfabrik „casa b.“ zu Gast.

Zum einen hatten sich die Verantwortlichen der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen die „Hausherrin“ der Einrichtung, Silvia Blum, ausgesucht, um über ihre „Lebenslinien“ zu berichten. Im Gespräch mit Gabriele Stange verriet die „casa b.“-Gründerin, wie es überhaupt dazu kam und was die Zukunft bringen soll. 1952 im sächsischen Aken als Tochter eines Handwerkers und einer Hausfrau geboren, wuchs Silvia Blum mit drei Brüdern auf. 1956 stieg die Mutter mit den Kindern in einen Zug, der sie in den Westen, nach Bremen, bringen sollte. Weil der Vater bereits eine Stelle als Feuerungsmaurer in Iserlohn in Aussicht hatte, sollte die Reise später hierher weitergehen. Auf die Frage, ob sie ein Heimatgefühl verspüre, antwortet Silvia Blum: „Das hatte ich schon, als ich nach dem Mauerfall noch einmal in Aken war. Vor der Wende, so mit 16, 17 Jahren war ich auch schon einmal dort, aber ich fand alles furchtbar. In den Geschäften gab es nichts, ich habe alles Mögliche verschenkt.“

Bis zum 25. Lebensjahr eher „talentfrei“

Seit 44 Jahren ist die gelernte Verkäuferin mit einem Gelsenkirchener verheiratet. „Ich habe in der Buchhaltung gearbeitet“, blickt Silvia Blum, die sich bis zu ihrem 25. Lebensjahr eher als „talentfrei“ einschätzte, zurück. Dass sie sich dann der Kreativität verschrieben habe, sei einem Batikkurs, zu dem eine Freundin sie überredet habe, geschuldet. „Das war der Schlüsselmoment“, erklärt sie. Mit dem Ziel, eine Werkstatt zu gründen, in der Kreative Raum und Material eigenständig nutzen, startete sie einen Behörden-Marathon. „Es gab ein Förderprogramm für Existenzgründer, aber dazu brauchte man einen Befürworter“, erklärt Silvia Blum, die bei zahlreichen Männern auf taube Ohren stieß. „Nach ganz vielen Absagen habe ich dann bei der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung jemanden gefunden, der mich unterstützt.“ 1998 mietet sie 300 Quadratmeter in einer ehemaligen Kita an, jedoch ist es dort viel zu kalt. Nach etwa zwei „frostigen“ Jahren steht der Umzug in die Ex-Nadelfabrik Bucksfeld an. „Ich musste sofort Lehrer finden, weil die Leute Kurse besuchen und nicht eigenständig arbeiten wollten“, erinnert sie sich.

Doch dem Vermieter wurde das Ganze schnell zu unruhig, nach drei Jahren stand der nächste Umzug an, diesmal in eine alte Galvanik-Firma am Schleddenhofer Weg. Dort aber konnte auch nicht gleich drauflos gearbeitet werden, sechs Wochen des Wartens auf ein Gutachten wegen gefährlicher Stoffe sorgten für eine Zwangspause.

Die zweifache Mutter gesteht: „Ich habe das unterschätzt. Nachts habe ich die Buchhaltung gemacht, meine Kinder waren zu der Zeit 13 und 15 Jahre alt. Dass man selbst und ständig im Einsatz ist, das war mir im Vorfeld nicht so bewusst.“ So kam es dazu, dass Silvia Blum 2012 beschloss: „Ich gehe jetzt.“ Sie übergab die Kunstfabrik und widmete sich der ehrenamtlichen Arbeit beim Kinder- und Jugendtelefon. „Ein intensiver, keineswegs einfacher Job, das hat mich sehr belastet.“ Fünf Jahre währt die Auszeit, dann kehrt die „Mutter“ zurück zu ihrem „Kind casa b.“. Ob das seinen 30. Geburtstag feiern wird, stehe zurzeit in den Sternen, gesteht Silvia Blum. „Manchmal steht uns finanziell das Wasser bis zum Hals, wir haben keinerlei Unterstützung, müssen horrende Miet- und Energiekosten aufbringen“, erzählt sie. Auch durch Angebote an Schulen und die Verlagerung vom Nachwuchs- in den Erwachsenenbereich lasse sich das kaum auffangen.

Auch Kathrin Thielmann-Lange blickt in eine ungewisse Zukunft: Die Mitbegründerin und Vorsitzende des Vereins „Flaschenkinder“ möchte gerne eine Ausbildung zur Suchttherapeutin machen, um noch besser mit Kindern alkoholkranker Eltern arbeiten zu können. Jedoch stehen auch bei ihr die hohen Kosten im Weg. Schockiert verfolgten die Besucher des „AsF-Talks“, wie sie den Weg zur Gründung des Vereins im Interview mit Annegret Simon schilderte. „Mein Vater war Alkoholiker, das habe ich von klein auf mitbekommen. Meine Mutter hat sich erst 1986, viel zu spät, von ihm getrennt.“ Die heute 49-Jährige hat ihren Vater trotz seiner Krankheit geliebt, beschreibt ihn als „Held meiner Kindheit“. Auch nach der Trennung hält sie den Kontakt mit ihm, der sich aber bereits aufgegeben hatte. Per Zwangseinweisung kommt er in die Entgiftung, sechs Mal rettet ihm die Tochter das Leben, das er nicht mehr weiterführen möchte. Als der Vater versucht, ohne Alkohol klarzukommen, erleidet er einen Herzinfarkt, fällt eine Treppe herunter und bricht sich das Genick.

Drei Monate nach speziellen Angeboten gesucht

1999 trennt sich Kathrin Thielmann-Lange, inzwischen zweifache Mutter, von ihrem Mann. „Ich war der Meinung, dass ich mit Alkohol nichts mehr zu tun hätte. Dann steht mein älterer Sohn mit einem Kumpel vor mir, erklärt, dass dessen Mutter betrunken in einer Blutlache läge, der Notarzt aber schon auf dem Weg sei. Ich sollte mich nun um den Freund kümmern, der bräuchte Hilfe. Und weil mein Vater ja Alkoholiker war, könnte ich das doch.“

Ein Vierteljahr sucht die Iserlohnerin in ganz NRW nach speziellen Hilfen für Kinder alkoholkranker Eltern. „Irgendwann war ich so sauer, dass ich die ,Flaschenkinder’ gegründet habe. Das kostet mich jeden Tag einen Teil meiner Seele, ich kann mir aber nicht vorstellen, es zu lassen“, erklärt sie mit Blick auf die Arbeit mit den Kindern, denen auch Kunsttherapie angeboten wird. Die Kinder, so Kathrin Thielmann-Lange, sollen wissen, „dass sie ihr Leben lieben dürfen“, trotz der Abhängigkeit.

36 Mädchen und Jungen werden derzeit von dem Verein betreut, wenn nötig, rund um die Uhr. „Die Not der Kinder kennt keine Öffnungszeiten“, sagt die Gründerin. Und: „Sie sprechen eine ganz eigene Sprache.“ Sich einer fremden Person zu öffnen, das sei der erste und wichtigste Schritt. „Sie fragen aber nicht nach Hilfe für sich, sondern für ihre Eltern.“ Worte, die den größtenteils weiblichen Zuhörerinnen Schauer über den Rücken jagten.

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