Kirche

Kleinod in der Stadt oder Sorgenkind Nr.1?

Die Reformierte Kirche an der Wermingser Straße wird heute 300 Jahre alt. In ihrer strengen und schmucklosen Bausweise ist sie einzigartig in der Region.

Die Reformierte Kirche an der Wermingser Straße wird heute 300 Jahre alt. In ihrer strengen und schmucklosen Bausweise ist sie einzigartig in der Region.

Foto: Michael May

Iserlohn.   Die Reformierte Kirche zählt auch 300 Jahre nach ihrer Einweihung zu den beliebtesten Räumen der Stadt. Ihre Zukunft steht aber dennoch in den Sternen – auch weil mit ihr einfach kein Geld zu verdienen ist.

Ein Kleinod natürlich. Es gibt wohl kaum jemanden, der diese Einschätzung nicht teilen würde. Die Reformierte Kirche, so heißt es, ist ein wahres Kleinod mitten in der Fußgängerzone. Heute vor exakt 300 Jahren, am 13. Februar 1718, ist die kleine Kirche an der Wermingser Straße eingeweiht worden. Ein historisch bedeutsames Datum, ist sie doch der erste echt protestantische Kirchenbau überhaupt und das einzige in seiner spartanischen Schlichtheit streng nach dem Vorbild der reformierten Glaubensrichtung errichtete Gotteshaus weit und breit. Seit 300 Jahren prägt die Reformierte Kirche an zentraler Stelle das Stadtbild und ist als Domizil der evangelischen Stadtkirchenarbeit und als Veranstaltungsort in der Wahrnehmung der Iserlohner kaum weg zu denken. Der Raum strahlt eine einzigartige Luftigkeit und Freundlichkeit aus und gehört ohne Zweifel zu den beliebtesten Räumen der Stadt, wenn es um kleine Konzerte, Ausstellungen und ähnlichem geht. Ganz zu schweigen von der ebenfalls historisch bedeutsamen Schulze-Orgel, die sie beheimatet.

Drei historische Kirchen sind eine hohe Belastung

Allein: Wirklich benötigt wird die Kirche aus Sicht der ev. Versöhnungs-Kirchengemeinde nicht. „Wenn wir sie nicht hätten, würde uns nichts fehlen“, sagt Pfarrer Jürgen Löprich. Das klingt hart, ist aber wohl so. Die Kirche sei ein sogenanntes „Nice to have“ – sehr schön aber für das Gemeindeleben durchaus entbehrlich. Reguläre Gottesdienste finden hier schon seit Jahrzehnten nicht mehr statt. Das Gemeindeleben findet zwischen Oberster Stadtkirche, Bauernkirche, Lutherhaus und Lichtblick rund um den Fritz-Kühn-Platz statt. Dafür verursacht die kleine Kirche aber – wie jede andere Kirche und vor allem wie jede andere historische, denkmalgeschützte Kirche auch – hohe Kosten. Dass die evangelische Innenstadtgemeinde gleich drei historische und denkmalgeschützte Kirchen besitzt, ist eine nicht unerhebliche Hypothek für die Gemeindefinanzen. Es gibt zwar eine Umlage innerhalb des Iserlohner Gemeindeverbandes für genau diese Zwecke, kostendeckend ist die aber bei weitem nicht.

Schon die Bauernkirche konnte die Gemeinde nicht mehr aus eigener Kraft halten. Als sie als Kirche ernsthaft zur Diskussion stand, hat ihren Erhalt, ihre Sanierung und die bauliche Weiterentwicklung bekanntlich ein bürgerschaftlicher Förderverein übernommen – mit dem einzigen Ziel, sie der Gemeinde als Kirche zu Verfügung zu stellen. Das sei, sagt Löprich, in der Tat ein einzigartiger Glücksfall, den es so mit Sicherheit kein zweites Mal geben werde.

Auf 24 000 Euro belaufen sich bei der Reformierten Kirche die laufenden Kosten im Jahr. Gleichzeitig, so rechnet Jörg Freiburg, der im Presbyterium für die Finanzen zuständig ist, vor, bestehe ein Investitionsstau für dringend notwendige Sanierungsmaßnahmen von etwa 100 000 Euro. Rechne man die marode Heizungsanlage hinzu, komme man schnell auf das doppelte. Im Herbst war erstmals in der Geschichte der Kirche eine Winterschließung zwischen Weihnachten und Ostern so gut wie beschlossene Sache, um die Heizkosten einzusparen. Nur die Einzelspende eines großzügigen Gönners hatte diese vorübergehende Schließung am Ende verhindert.

Vielfältig und lebendig in Glaube und Diakonie

Also doch eher ein Sorgenkind. Denn finanziell stößt die Gemeinde derzeit ohnehin an ihre Grenzen. Dazu muss man wissen, dass die Versöhnungs-Kirchengemeinde eine Innenstadtgemeinde wie aus dem Bilderbuch ist – sowohl in ihrer geistlichen Arbeit als auch in ihrer sozialen Ausrichtung extrem vielfältig und lebendig. In immer neuen Gottesdienstformen und einer breit aufgestellten Kirchenmusik findet jede Strömung von den traditionellen Kirchgängern mit Liebe zum lutherisch-reformatorischen Choral bis zum halbcharismatischen Anhänger der Anbetungsbewegung hier ein Zuhause. Und unter dem Dach des unlängst gegründeten Vereins „LebensWert“ ist in den vergangenen Jahren mit der Jugendarbeit im „Checkpoint“, der Flüchtlingshilfe und der Sozialstation „Lichtblick“ ein enormer Sozial-Betrieb entstanden, der auch immer mehr hauptamtliche Mitarbeiter fordert. Fernziel, so Löprich, sei es natürlich, dass dieser Verein finanziell auf eigenen Füßen stehe. Schon jetzt werden die Personalkosten allein durch Spenden getragen. Ganz selbstständig sei der Verein aber noch lange nicht. Alles zusammen koste die vielschichtige Arbeit der Gemeinde eben immer noch Räumlichkeiten, Man-Power und am Ende auch Geld. „Hier ist eine Menge Leben auf dem Platz“, bringt Löprich das Ganze auf den Punkt. Soll heißen: Die Gemeinde hat – auch zum Wohle der Stadt – deutlich mehr zu stemmen, als eine eher ruhige Gemeinde auf dem Dorf.

2009 hatte die Gemeinde in ähnlicher Lage mit harten Konsolidierungsmaßnahmen den letzten finanziellen Schnitt vorgenommen. Damals wurde die vierte Pfarrstelle von Doloris Oberfohren aufgegeben, die damals noch – anders als es heute geregelt ist – allein die Gemeindefinanzen belastet hatte. Gleichzeitig wurde der Standort Grüner Weg mit Kindergarten und Gemeindehaus aufgegeben. Danach hat sich die Gemeinde einige Jahre in finanzieller Hinsicht in ruhigem Fahrwasser bewegt. Seit 2013 wird es aber wieder ungemütlich. Zwischen 47 000 und 61 000 Euro beträgt seitdem das jährliche Defizit – eine strukturelle Schieflage, für die es mehrere Gründe gibt.

Lage und Räumlichkeiten sind ausgesprochen problematisch

Zum einen sinkt die Zahl der Gemeindemitglieder kontinuierlich (von 8500 im Jahr 2009 auf 7100 im Jahr 2017), was auch die Kirchensteuerzuweisung trotz guter Konjunkturlage schwinden lässt. „Hätten wir genauso viele Mitglieder wie 2009, hätten wir 45 000 Euro im Jahr mehr“, sagt Jörg Freiburg. Auch die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank schlägt schmerzhaft zu Buche: Rund 40 000 Euro weniger Einnahmen jährlich aus den Rücklagen.

Ebenfalls schmerzhaft wirkt sich der Trägeranteil aus, den die Gemeinde für die beiden Kindergärten an der Hindenburgstraße und an der Prinzenstraße entrichten muss. Die staatliche Unterfinanzierung über das Kinderbildungsgesetz (KiBiz) schlägt jährlich mit einem Minus von rund 24 000 Euro zu Buche. Alles zusammen und angesichts der hohen Anstrengungen im diakonischen Bereich ist das einfach zu viel für die Gemeinde.

Erneut fällt der Blick bei der Suche nach Lösungen auf die nicht ausgelasteten Gebäude. Das Gemeindehaus am Dördel, das ohnehin schon größtenteils an die Diakonie vermietet ist, steht da ebenso auf der Liste wie das Griesenbeckhaus an der Prinzenstraße. Sorgenkind Nummer 1 ist aber einmal mehr das heutige Jubelkind: die Reformierte Kirche. Was wurde hier in den letzten Jahrzehnten nicht schon alles überlegt und geplant. Eine Kulturkirche, eine Konzertkirche, eine Museumskirche und warum kein hübsches Café?

„Wir sind da in alle Richtungen offen“, sagt Pfarrer Löprich. Auch mit einer Entwidmung und einer rein weltlich Fremdnutzung könne man sich in der Gemeinde durchaus anfreunden. Allerdings gibt es für all diese Gedankenspiele viel zu viele Probleme. Zum einen ist die Kirche bei aller Beliebtheit als Konzertstätte einfach zu klein. Noch nicht einmal hundert Leute finden da Platz – hohe Eintrittserlöse sind nicht zu erzielen. Die Kirche verfügt auch über keinerlei Nebenräume. Toiletten, Küche, Lagerraum – all das gibt es praktisch nicht. Der Denkmalschutz dürfte viele Umbaumaßnahmen sehr erschweren. Die Parksituation ist katastrophal. Und die Wermingser Straße ist außerhalb der Geschäftszeiten und nach Einbruch der Dunkelheit auch nicht so einladend, dass sie Laufpublikum anzieht. Im Gegenteil: Sie gilt mittlerweile wohl eher als Angstraum.

Was also tun? Es muss eine Nutzung her, die die Kosten trägt. Aber auch das zuletzt favorisierte Kolumbarium, also ein Umbau zu einem Urnenfriedhof, war am Ende finanziell nicht darstellbar. Weitere gezielte Spenden oder gar ein freiwilliges Kirchgeld? Diese Linie ist in der Versöhnungs-Kirchengemeinde, die ohnehin schon von einem riesigen Spendenaufkommen lebt, weitgehend ausgereizt. Ein neuer Förderverein ist auch nicht Sicht. Und ein Retter, der das Gebäude – ähnlich wie bei der Schauburg – einfach aus Liebhaberei zum Objekt erhält, leider auch nicht.

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