„Kirchenpolitischer Affront und Skandal“

Viele Katholiken sehen das Zölibat als nicht mehr zeitgemäß an.

Viele Katholiken sehen das Zölibat als nicht mehr zeitgemäß an.

Foto: maximilian karacic

Iserlohn.  Die Einmischung des Ex-Papstes in die Amtsgeschäfte seines Nachfolgers empfinden Kritiker als Affront, Skandal, Vertrauensbruch und Dolchstoß.

Auf Unverständnis stößt das neue Buch des ehemaligen Papstes Benedikt XVI., in dem er weiterhin den umstrittenen Zölibat preist. Von einem „kirchenpolitischen Affront und Skandal“ spricht Ulrike Böhmer im Gespräch mit unserer Zeitung.

Die Iserlohner Kirchenkabarettistin erinnert an den Benedikts Rücktritt und seine Erklärung, dass er sich nicht weiterhin einmischen wolle. Und dann erscheine dieses Buch, in dem er weiterhin Ehelosigkeit der Priester fordert. Der emeritierte Papst Benedikt sei von den konservativen Bischöfen instrumentalisiert worden, meint die Religionspädagogin. Ulrike Böhmer macht deutlich: „Für mich als katholische Frau steht die Frage des Zölibats an zweiter Stelle. Die Stellung der Frau in der katholischen Kirche ist viel wichtiger.“ Sie hofft, ähnlich wie verschiedene Vertreterinnen der örtlichen katholischen Frauengruppen, dass Lockerungen kommen.

„Dolchstoß“ und„Vertrauensbruch“

Als „Dolchstoß“ und „Vertrauensbruch“ empfindet auch Norbert Haack diesen Schritt des ehemaligen Papstes gegenüber seinem loyalen Nachfolger: „Er ist vor sieben Jahren aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand gegangen. Wenn sich Josef Ratzinger, der zugesagt hat, sich zurückzuziehen, wieder einschaltet, entsteht der Eindruck, als ob er sich noch als der Vorsitzende der Glaubenskongregation empfindet, der aufpassen muss, dass nichts schief geht.“

Norbert Haack wertet diesen „unfairen Vorstoß“ des 92-jährigen Deutschen, der „in Verbindung mit den Konservativen im Schatten weiter agiert“ als „gezielte Schwächung der Autorität von Papst Franziskus“.

Haack war von 1968 bis 1982 Priester und später Sozialarbeiter. Haack, der sich bei der Caritas engagiert und ökumenisch unterwegs ist, hatte seinen Priesterberuf „aus theologischen und pastoralen Gründen“ an den Nagel gehängt und war danach bis zu seinem Ausscheiden in den Ruhestand Leiter des Iserlohner Arbeitslosenzen­trums. Er sieht kein Problem in der Aufhebung der Verpflichtung der Ehelosigkeit von Priesters: „Sie würde die Sonderstellung des Priesters relativieren. Das Zölibat ist ein Idealbild vom Priester, hat etwas mit Herrschaft, Macht und Trennendem zu tun. Ihre Aufhebung würde die Hierarchien verändern.“

Seine Ehefrau Helena pflichtet ihm bei: „Der Benedikt ist so weit weg von der Basis. Dabei ist es wichtig zu erkennen, wie es bei den Menschen aussieht.“ Norbert Haack bezweifelt, „dass mit der Aufhebung des Zölibates mehr Priester kommen. Es ist eine Frage des Selbstverständnisses der Amtskirche: Es spiegelt die Angst vor Machtverlust.“ Haack befürwortet wie seine Ehefrau Helena, die bis zu ihrem Eintritt in den Ruhestand in der städtischen Gleichstellungsstelle arbeitete, das Priesteramt für Frauen: „Das wäre eine echte Verbesserung für die klerikalen Strukturen. Frauen haben eine andere Zugangsweise zu den Menschen und eine wenig klerikale Sprache.“ Er lobt die „subtilen Veränderungen in den Pastoralteams“: Als Beispiel nennt er Wortgottesdienste und Beerdigungen mit Gemeindeassistentin Susanne Knufmann. „Da verändert sich was. Das sind schleichende Veränderungen, die Türen öffnen.“

Auch die katholischen Frauengemeinschaften (kfd) vor Ort wünschen sich einen Reformkurs, der mehr Gleichberechtigung in der katholischen Kirche bringt. Karin Heimann meint: „Priester sollten heiraten dürfen.“ Ihre Kollegin Tatjana Czapelka sagt: „Priester sollten selbst entscheiden dürfen, ob sie eine Familie gründen.“

Keine Hoffnung auf mehrInteresse für Priesterberuf

Ebenfalls für eine Aufhebung des Zölibats ist Annette Krewett, auch wenn sie glaubt, dass damit der Priestermangel nicht gleich behoben wird: „In der heutigen Zeit gibt es keinen Grund, warum Priester nicht heiraten dürfen. Ich glaube nicht, dass es Gottes Wunsch ist. Ich bin auch für Priesterweihe für Frauen, nicht nur weil wir Priestermangel haben.“ Annette Krewett stellt klar: „Wir Frauen sind keine Lückenbüßer.“ Frauen haben es in der katholischen Kirche nicht leicht, weiß auch Tatjana Czapelka, die bemängelt: „Frauen arbeiten ehrenamtlich. Die Entscheidungen treffen die anderen.“ Sie glaubt: „Wenn der Zölibat nicht wäre, würden mehr junge Männer in den Priesterberuf gehen.“ Sie denkt aber auch, dass die Amtskirche weiterhin am Zölibat festhalten wird: „Schade, dass nicht viel zu ändern ist.“

Und was sagt der Chef des Pastoralverbundes zu der Debatte? „Eigentlich möchte ich mich nicht auch noch in die Reihe derer stellen, die zu den genannten Themen meinen, unbedingt ihren Kommentar abgeben zu müssen. Nun haben Sie mich aber darum ausdrücklich gebeten“, erklärt Dechant Johannes Hammer auf die Anfrage unserer Zeitung. „Ich denke, dass man ohne Weiteres eine Kirchenspaltung herbeireden kann. Zölibat und Priestertum der Frau sind dabei zwei von mehreren Themen, die derweil auf dem neu eingeschlagenen synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland obenauf liegen. Mit der Lösung dieser beiden Fragen ist jedoch noch lange nicht das Problem des Mitgliederschwundes und des Glaubensverlustes der katholischen Kirche gelöst.“

Der Leiter des Pastoralverbundes Iserlohn sagt: „Ja, ich kann mir vorstellen, dass sogenannte bewährte, das heißt in Familie und Beruf stehende verheiratete Männer, wie es bei den ,ständigen Diakonen’ bereits der Fall ist, zu Priestern geweiht werden. Einzelne Teilkirchen der Weltkirche sollten dazu eine Entscheidungsfreiheit eingeräumt bekommen, zumal es ja schon einige verheiratete Priester in der katholischen Kirche gibt. Ferner wäre für mich, wenn es um die Frage des Priestertums der Frau geht, der erste und grundlegende Schritt, Frauen in der Kirche systematisch in Entscheidungsprozesse einzubinden.“ Johannes Hammer unterstreicht: „In meiner pastoralen Arbeit hier vor Ort ist das durchaus Praxis.“ Er gibt sich realistisch: „Die derzeitige Gemengelage der Weltkirche mit den Polarisierungen, die es auch in der Gesellschaft gibt, macht es der Kirche beziehungsweise Papst Franziskus nicht leicht, einen Weg zu gehen, der von allen mitgetragen wird.“

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