Handwerk

Iserlohner Kfz-Werkstatt Schnell schließt für immer

Noch bis Ende November läuft der Betrieb, dann beginnt das Aufräumen: Kfz-Meister Joachim Schnell schließt seine traditionsreiche Werkstatt, weil die Nachfolgersuche ohne Erfolg verlaufen ist

Noch bis Ende November läuft der Betrieb, dann beginnt das Aufräumen: Kfz-Meister Joachim Schnell schließt seine traditionsreiche Werkstatt, weil die Nachfolgersuche ohne Erfolg verlaufen ist

Foto: Michael May / IKZ

Iserlohn.  48 Berufsjahre und mindestens 100 Jahre Tradition: Kfz-Mechanikermeister Joachim Schnell hat keinen Nachfolger gefunden.

An den Freitagen hatte Joachim Schnell seine Kfz-Werkstatt in der Bredde seit dem Sommer schon gar nicht mehr geöffnet, das Arbeitspensum bereits reduziert. 48 Jahre im Berufsleben liegen hinter dem Kfz-Mechanikermeister, die Ausbildung zum Kfz-Mechaniker, die er am 1. August 1972 bei Auto Will begonnen hatte, eingerechnet. Am 19. November ist er 63 Jahre alt geworden, beruflich betrachtet nach den vielen Jahren ein bisschen müde – auch weil die Suche nach einem Nachfolger für die Werkstatt am Ende ergebnislos blieb. „Aber wie lange soll man weitermachen?“, fragt er rhetorisch. Eine Woche noch, dann wird der Betrieb am Monatsende für immer schließen, im Dezember will sich Schnell nur noch mit Aufräumarbeiten beschäftigen.

100 Jahre Werkstattgeschichte unter dem Namen Schnell finden dann ihr Ende. Vielleicht sind es aber noch mehr. Eine Rechnung aus dem Jahr 1920 belegt, dass sein Urgroßvater Christian Schnell in einem Fachwerkhaus am Schleddenhofer Weg, das den Stadtumbau bis heute schadlos überstanden hat, eine Schlosserei betrieben und damals schon Automobilreparaturen ausgeführt hatte. Zuvor war dort eine Schmiede der Familie – daher dürfte die Tradition eigentlich noch weiter zurückreichen, nur fehlen Joachim Schnell da die Belege. Großvater Heinrich und Vater Heinrich (genannt Heinz) kümmerten sich später ebenfalls um Autos.

Tankstelle, Reifenhandel und der Ausbau zur Kfz-Werkstatt

„Mein Vater hatte durch die Kriegsjahre bedingt keinen Meisterbrief“, erzählt Schnell rückblickend. Und so übernahm er 1964 an der damaligen Hagener Landstraße, heute Karl-Arnold-Straße, zunächst eine Tankstelle. In der früheren Schlosserei, so erinnert sich Joachim Schnell, nahm das Autohaus Olsen in den späten 60er Jahren mit der Marke Simca seinen Betrieb auf, zog aber schon Anfang der 70er Jahre um, weil die Fläche zu klein geworden war. In der Folge eröffnete Heinz Schnell dort einen Reifenhandel, in den der Sohn nach seiner Meisterprüfung 1982 einstieg und den sie dann zum Kfz-Meisterbetrieb ausbauten. 1986 ging der Betrieb auf Joachim Schnell über. Weil das dortige Außengelände zu klein geworden war, verlegte er schließlich im Jahr 2000 den Betrieb aus der Stadtmitte heraus und eröffnete In der Bredde neu.

Seine Kundschaft hatte Joachim Schnell in den vergangenen beiden Jahren im Gespräch immer mal wieder über den Stand der Dinge informiert. 2019 war da zunächst nicht von der Betriebsschließung die Rede – im Gegenteil. „Ich wollte im Sommer letzten Jahres hier die Tür zuziehen und dem neuen Eigentümer im Hintergrund weiter helfen“, berichtet Schnell. „Wir haben da sechs Jahre drauf hingearbeitet.“ Ein Geselle, der im eigenen Betrieb gelernt hatte, zeigte Interesse und hatte nach Schnells Einschätzung neben den fachlichen Fähigkeiten samt Meistertitel auch ein gutes Gespür für den Umgang mit den Kunden. Alles war geplant, bis der junge Mann es sich im August 2019 anders überlegte – ohne Begründung, aber vermutlich wegen der vielen Arbeit für den Inhaber eines kleinen Betriebes. Entsprechend groß war Schnells Enttäuschung über den Sinneswandel.

Kein Echo aus der Branche und eine spontane Entscheidung

In der Folge versuchte Joachim Schnell, der von 2005 bis 2019 dem Prüfungsausschuss der Kfz-Innung vorstand und in dieser Funktion hunderte Gesellenbriefe unterzeichnet hatte, seine Kontakte innerhalb der Branche zu nutzen. „Ich habe mich nur umgehört. Existenzgründer, die kriegen keine 100 Prozent finanziert“, lautete seine Erfahrung, „und wer das Kapital hat, braucht die Werkstatt nicht.“ Seine beiden Töchter, das sei nur am Rande erwähnt, seien nie „autoverdächtig“ gewesen und damit keine Nachfolge-Kandidatinnen. Im Dezember des vergangenen Jahres habe er sich dann gesagt „Jetzt ist Feierabend!“ und die Entscheidung getroffen, den Betrieb zu schließen. Als er später in einem Teilehandel von seiner Entscheidung erzählte, stand am nächsten Tag schon ein Käufer für die Immobilie in der Tür – man war sich schnell handelseinig. „Wenn sich das nicht so spontan ergeben hätte, ich weiß nicht, wie lange ich gesucht hätte“, sagt der 63-Jährige.

Inzwischen ist Joachim Schnell, der direkt an der Werkstatt gewohnt hatte, innerhalb Iserlohns umgezogen. Und er wirkt, als habe er seinen Frieden mit der Entscheidung getroffen, den Betrieb zu schließen. Er schaut offensichtlich positiv in die Zukunft, plant mehr Auszeiten in Holland, will mehr auf seinem Motorrad unterwegs sein und mehr als früher Freizeit am Wasser verbringen. „Der letzte Gang hierunter, der wird wehtun“, ist er überzeugt. Im Moment sind es die Kunden, die unter seinem nahen Ruhestand leiden. „Ich freue mich drauf, aber heute sind Tränen geflossen“, erzählt er von den Abschiedsszenen zweier älterer Kundinnen. „Für mich war es wichtig, dass der Kunde mit einem Lächeln rein- und rausgekommen ist“, sagt er und spricht von einem Vertrauensverhältnis zwischen „Schrauber“ – einem Begriff, der ihm selbst keineswegs unangenehm sei – und Autobesitzer. Zumal die Sichtweise auf ein Auto ja auch sehr individuell sei: Der alte Polo der Studentin habe für diese eine ganz andere Bedeutung als der Mercedes für Herrn Doktor. Das zu berücksichtigen, darauf habe er immer großen Wert gelegt.

Wandel in der Autoindustrie erreicht auch freie Werkstätten

Mehr als notwendig zu reparieren, um Umsatz zu generieren? „Das war nie meins“, sagt Schnell und erzählt von einer Branche im Wandel, einem schwieriger werdenden Markt – einerseits weil sich gerade die Automobiltechnik fundamental verändere und Investitionen in die Werkstätten und das Wissen notwendig mache. Und andererseits, weil manche versuchten, Leistungen zu Billigpreisen zu bekommen, nachdem sie Teile billig im Internet gekauft hätten. „Ich werde als Meister dafür verantwortlich gemacht“, schildert er, warum der Fachbetrieb das nicht leisten könne.

Über 80 Werkstätten sind bei der Kfz-Innung Iserlohn registriert. Die Kunden werden also keine Probleme haben, einen neuen Ansprechpartner zu finden, auch wenn der vielleicht ganz anders an die Aufgabe herangeht. Zwei Arbeitsplätze sind es, die mit der Schließung wegfallen: Ein langjähriger Mitarbeiter geht zeitgleich in Rente, einen Auszubildenden wird Schnell noch bis zur Prüfung begleiten. Ein paar Tage bleiben noch, dann geht es ans finale Aufräumen. Die Rückschau fällt trotzdem versöhnlich aus. „Es war immer mein Hobby“, sagt Joachim Schnell über sein 48-jähriges Berufsleben in der Kfz-Werkstatt.

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