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„Isabella Iserlohn Aryaze“ wird guter Wein

Hobbywinzer Avni Özdemir und seine Ehefrau Songül probieren selbst produzierten Traubensaft vom Dördel.

Hobbywinzer Avni Özdemir und seine Ehefrau Songül probieren selbst produzierten Traubensaft vom Dördel.

Foto: Cornelia Merkel

Iserlohn.  Der Ingenieur Avni Özdemir baut „hobbymäßig Wein zum Stressabbau an“, seine Gattin betreibt einen Koch- und Back-Blog mit über 1300 Followern.

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Wie war das Weinjahr 2019 in Iserlohn? Die Frage beantwortet Avni Özdemir mit einem breiten, vielsagenden Grinsen, wobei er den Kopf hin und her wiegt. Bei sich im Vorgarten an der Beethovenstraße baut der Hobbywinzer seit 2016 „Isabella Iserlohn Aryaze“ an. Den Rotwein widmet er seinen drei Töchtern, Arzu, Yasemin und Zeynep.

Der Weinliebhaber geht nach draußen in seinen Wirtschaftsraum und bringt zur spontanen Verkostung einen Wein-Ballon mit ins Wohnzimmer, aus dem er zwei Gläser mit dem rubinroten Rebensaft füllt. Er hält die Nase ins Glas. Bereits der erste Schluck lässt auf einen guten Wein hoffen, der kräftig und fruchtig schmeckt und durch ein schönes Säurespiel überzeugt. Der Alkoholgehalt dürfte zwischen 13 und 14 Prozent liegen, schätzt Avni Özdemir. Er will den Wein, den er im Oktober erntete und in die Ballons füllte, im Mai 2020 aus den Zehn- und Fünf-Liter-Ballons in Flaschen umfüllen.

Weinanbau als Hobby, um Stress abzubauen

Für den 58-jährigen Iserlohner mit türkischen Wurzeln bedeutet der Weinanbau vor der eigenen Haustür am Dördel ein großes Gartenglück – auch wenn die Erträge sich in Grenzen halten. Vielleicht fordert es den Gartenfreund vom Dördel gerade deshalb besonders heraus. „Ich mache es als Hobby, um Stress abzubauen“, erklärt der Ingenieur.

Vor sieben Jahren hat Avni Özdemir einen Weinstock aus Ankara mitgebracht und musste feststellen, dass er das hiesige Klima oder den hiesigen Boden nicht vertrug. Ein Cousin hat ihm dann zwei Isabella-Weinstöcke geschickt: „Diese Traube hat ihren Ursprung in Nordamerika. Sie zeichnet sich durch eine harte Schale mit einem süßen, duftenden Erdbeerton aus“, erklärt Avni Özdemir. „Am Anfang habe ich nur wenig herausbekommen. In den Jahren danach wollte ich mehr Früchte haben und habe im Internet recherchiert, was ich machen muss, um mehr Erträge zu bekommen“, erzählt der Hobbywinzer, wie er sich mit Gleichgesinnten austauscht, um Anbau, Ausbau und Herstellung zu perfektionieren.

Im ersten Jahr kam er auf fünf oder sechs Flaschen. 2017 waren es schon 15. „2018 war ein gutes Jahr“, sagt der Hobbywinzer, der wegen der sonnigen Monate nochmal einige Flaschen mehr erzeugen konnte. „Ich mache den Wein mit Spontan-Gärung ohne Hefe. Jedes Jahr schmeckt er anders und hat einen unterschiedlichen Öchsle-Gehalt.“ Drei Flaschen behält er jedes Jahr für sich, den Rest verschenkt er an gute Freunde, liebevoll verpackt in hölzernen, selbst gestalteten Geschenke-Kisten. Und eine Flasche geht an Winzer-Kollegen beim „Wein-Wichteln“: „Ich habe bereits von einem Kollegen aus der Schweiz eine Flasche Rotwein aus dem Jahr 2016 bekommen“, erzählt Avni Özdemir und zeigt die Flasche, die der Schweizer Kollege mit einer Tafel Schokolade schickte: einen Grand Métral Humagne Rouge AOC Valais, den sich die Familie Weihnachten schmecken ließ. Seine Familie stammt ursprünglich von der türkischen Schwarzmeerküste an der Grenze zu Georgien und gehört zu der Minderheit der Lazen, die ihre eigene Sprache hat. Im Alter von 17 Jahren kam er mit seinen Eltern und seinem Bruder Asim nach Iserlohn, wo er nunmehr seit 40 Jahren heimisch ist. Seine Eltern sind mittlerweile verstorben. Sein Bruder lebt wieder in der Türkei.

1978/1979 lernte Avni Özdemir Deutsch am Iserlohner Goethe-Institut, studierte an der Fachhochschule in Hagen Stahlbau und fand 1988 bei der Firma Stephan Witte eine gute Stellung in der Arbeitsvorbereitung und Logistik. Heute arbeitet er für Kirchhoff Automotive in Hagen als EDV-Koordinator.

Avni Özdemir ist verheiratet und Vater dreier erwachsener Töchter, die hier geboren sind. Sie alle haben seit 2000 die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. „Heimat ist da, wo meine Familie ist“, sagt der 58-jährige Iserlohner, der sich 20 Jahre im Integrationsrat engagierte: schwerpunktmäßig für die Verbesserung der Chancen von Migrantenkindern in Schule und Beruf.

Koch- und Back-Präsenz mit über 1300 Followern

Stolz ist er, dass seine eigenen mittlerweile erwachsenen Töchter in diesem Feld selber gute Beispiele abgeben: Die 29-jährige Arzu als Volljuristin, Yasemin (27) promoviert in Wirtschaftswissenschaften und strebt eine Hochschulkarriere an, und Medizinstudentin Zeynep (23) schreibt gerade ihre Doktorarbeit. Avni Özdemir verweist ebenfalls stolz auf seine Frau Songül. Da sie für ihr Leben gern kocht und backt, hat sie bei Instagram eine Präsenz mit mittlerweile über 1300 Followern, Tendenz steigend: „Songüldilimi.“ Auch wenn die Rezepte dort auf Türkisch sind, läuft einem beim Anschauen der professionell von ihr fotografierten Gerichte das Wasser im Munde zusammen.

Seine Ehefrau Songül hat im Goethe-Institut in Ankara Deutsch gelernt. Die frühere Bankangestellte verwöhnt ihre Familie mit köstlichen Speisen. „Und meine Arbeitskollegen lieben ihren Käsekuchen“, erzählt der Iserlohner. Ihre Kochkünste gab Songül Özdemir in der Vergangenheit auch zusammen mit ihrer Freundin Iris Icoglu in einem Türkisch-Kochkurs der VHS weiter. Ihre besten Rezepte hat die 58-jährige Iserlohnerin für sich privat in einem Kochbuch zusammengestellt, das sie ebenfalls mit tollen Fotos versehen hat. Avni Özdemir will das Buch ins Deutsche übersetzen.

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