75 Jahre Kriegsende

Irrtümliche Entwarnung rettet viele Leben

Der Fürstenbergsche Gutshof wurde bei dem Angriff zerstört, an seiner Stelle entstand 1954 die Siedlung „Auf Haus Hennen“.

Der Fürstenbergsche Gutshof wurde bei dem Angriff zerstört, an seiner Stelle entstand 1954 die Siedlung „Auf Haus Hennen“.

Foto: privat/Archiv / IKZ

Hennen.  Vor 75 Jahren kamen bei einem Luftangriff fünf Hennener ums Leben, zahlreiche weitere des Dorfes hatten aber Glück.

Am 24. März vor 75 Jahren wurden die fünf Hennener Opfer des alliierten Luftangriffs vom 20. März 1945 zu Grabe getragen. Der Luftschlag galt eigentlich dem Bahnhof in Geisecke. Doch rund 100 Bomben wurden wohl beim Anflug von Süden beziehungsweise Südosten her zu früh ausgeklinkt. Und die Zahl der Toten hätte sogar noch höher sein können, wenn nicht die Sirenen seinerzeit irrtümlich bereits Entwarnung gegeben hätten. Doch der Reihe nach.

Dass der Geisecker Bahnhof und vor allem seine Eisenbahnverschiebeanlage im Zweiten Weltkrieg eine wichtige Bedeutung besonders für den Russland-Feldzug hatten, ist unbestritten. Auf den 16 Gleisen wurden die Züge für den Nachschub nach Osten zusammengestellt. Doch im März 1945 rollte schon lange kein Zug mehr dorthin, überhaupt bewegte sich nicht mehr viel auf den Gleisen in Geisecke. Um die Menschen zu demoralisieren und endgültig kriegsmüde zu machen, flogen die Alliierten, die den Krieg ja schon zu ihren Gunsten entschieden hatten, aber noch weiter Luftangriffe auch auf solche nicht mehr lohnenswerte Ziele.

Bei 15 Angriffen fielen seit 1941 300 Bomben auf Hennen

Angesichts der 50. Wiederkehr des Angriffs 1995 hatte der Heimat- und Kulturverein Hennen um Friedhelm Arno Berthold ermittelt, dass das Dorf allein im März 1945 von 200 Bomben getroffen worden war. Und das obwohl Hennen kein kriegswichtiges Ziel gewesen sei, keinerlei Industrie hatte, sondern ausschließlich landwirtschaftlich geprägt gewesen sei und bis auf wenige Flugabwehrgeschütze auf der Rheinermark auch keine Anlagen der Wehrmacht aufgewiesen habe. Insgesamt seien in den letzten vier Kriegsjahren bei rund 15 Angriffen versehentlich 300 Bomben auf Hennen abgeworfen worden, zumeist weil sie zu früh oder zu spät ausgeklinkt worden waren. Viele Stallungen und Scheunen, aber auch zahlreiche Wohnhäuser, wurden dabei getroffen, doch der Personenschaden habe sich bis dahin stets in Grenzen gehalten. Abgesehen vom 2. Dezember 1944, als bei einem Angriff 60 Gebäude durch Luftminen und Sprengbomben beschädigt wurden und auch ein Todesopfer zu beklagen war.

Rund 100 Bomben gingen dann am Vormittag des 20. März 1945 auf den Iserlohner Norden nieder, die meisten bei der zweiten von drei Angriffswellen der alliierten Bomber. Vor denen war die Bevölkerung an dem Morgen des sehr schönen Frühlingstages sogar durch die Luftschutzsirenen gewarnt worden, mit einem Vor- und einem Vollalarm. Nach diesen ersten beiden Signalen schaltete man die Volksempfänger ein, wo dann seinerzeit beinahe täglich ein „feindlicher Bomberverband im Anflug auf das Ruhrgebiet“ gemeldet wurde. Wenn dann feststand, welches Gebiet vermutlich bombardiert werden sollte, gab es dort die dritte und höchste Alarmstufe, die akute Luftgefahr.

Doch bevor die Sirenen diese am 20. März verkündeten, gab es 15 Minuten später Entwarnung. Und das sollte vielen Hennenern mutmaßlich das Leben retten, denn dadurch suchten sie nicht den Stollen auf, den die Männer aus dem Dorf damals in einer Schlucht (die später zugeschüttet zum Parkplatz des Naturstadions wurde) seit einigen Wochen in das Schiefergestein hineingetrieben hatten. Der Luftschutzbunker wurde für vier von ihnen, die an dem Vormittag mit dem weiteren Ausbau beschäftigt waren, zur Todesfalle, als bei der zweiten Angriffswelle um 11.37 Uhr eine der Bomben direkt vor den Stollen fiel und den Eingang verschüttete.

Der genaue Zeitpunkt ist überliefert, weil zeitgleich nebenan der Fürstenbergsche Hof von Bomben zerstört wurde, und die Standuhr in der Küche von „Haus Hennen“, wie der Gutshof auch genannt wurde, stehenblieb. Während die Bewohner den Angriff im Keller beziehungsweise mit sehr großem Glück im Gang zwischen Diele und Küche überstanden, kam für den Hausherren Karl Heetmann, der den Hof seit 1905 gepachtet hatte, im Stollen jede Hilfe zu spät – ebenso wie für Eugen Finkhaus, Wilhelm Bremshey und Wilhelm Geitebrügge. Ihre Leichen waren äußerlich völlig unversehrt, vermutlich erstickten sie oder wurden durch den Luftdruck der Bombe getötet. Ein weiteres Opfer des Angriffs erlag am nächsten Tag seinen Verletzungen: Ernst Mitze vom benachbarten Paschufer wollte gerade in seinem Gartenhaus eine Tasche mit wichtigen Papieren verstauen, als er von Bombensplittern getroffen und lebensgefährlich verletzt wurde.

Tiefflieger tauchen bei der Beerdigung auf

Die fünf Opfer wurden in der Johanneskirche aufgebahrt. Beigesetzt werden sollten sie in der Morgendämmerung des 24. März. Denn mit einsetzendem Tageslicht musste damit gerechnet werden, dass alliierte Tiefflieger auf alles schießen, was sich bewegt. Und tatsächlich: Nachdem die Trauergemeinde mit den Pfarrern Schäfer und Wex und den auf einem flachen Wagen liegenden Toten zum Friedhof gezogen und die Geistlichen gerade die Einsegnungsworte gesprochen hatten, da nahten auch schon die Tiefflieger. Doch zum Glück sollte der Krieg nach dem schlimmen Angriff vier Tage zuvor keine weiteren Opfer unter der Hennener Zivilbevölkerung mehr finden.

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