Kantorei

Im Großformat in die Zukunft

Voller geht es kaum: Mit rund 100 Sängerinnen und Sängern, Orchester und Band war der Platz im Altarraum der Obersten Stadtkirche restlos ausgeschöpft.

Voller geht es kaum: Mit rund 100 Sängerinnen und Sängern, Orchester und Band war der Platz im Altarraum der Obersten Stadtkirche restlos ausgeschöpft.

Foto: Wolfgang Meutsch

Iserlohn.   Die Kantorei geht wieder neue Wege und trifft mit „Prince of Peace“ den Nerv von Publikum und Mitwirkenden

„Die Beschäftigung mit diesem Werk hat uns verändert“. Das ist eine starke Aussage von Ute Springer, die aufhorchen lässt. In ihrer Begrüßung am Sonntag in der Obersten Stadtkirche hat sie damit dem „Prince of Peace“ ganz bewusst eine besondere Ausnahmestellung verliehen. Und es ist zu vermuten, dass die Kantorin hier nicht nur die persönlichen Erfahrungen der Sängerinnen und Sänger, die sich unter der Leitung ihres Mannes, Hanns-Peter Springer, im letzten halben Jahr mit diesem Gospel-Oratorium auseinandergesetzt haben, sondern auch die eigene kirchenmusikalische Arbeit meint, die sich – genau wie die Kirche selbst und unsere ganze Gesellschaft – im Wandel befindet.

Denn während vieles in der Kirche kleiner wird und auch die Chöre ausnahmslos unter Nachwuchssorgen leiden (auch die Kantorei ist da keine Ausnahme), setzten Ute und Hanns-Peter Springer auf das große Format. Cross-over, verschiedene Stile zwischen Klassik, Jazz und Gospel und chorische Projektarbeit mit rund 100 Mitwirkenden im Projektchor „Voices of Peace“ – das war für die Sängerinnen und Sänger nicht nur musikalisch ein neuer und bereichernder Weg, das brachte vor allem auch einen ganz neuen zwischenmenschlichen Austausch unter den Kantoreichören von der Jugend bis zu den Senioren und ein neuerliches Zusammenwachsen auch über die Kantorei hinaus mit sich. Das ist vermutlich der Weg in die Zukunft: musikalische Projekte, die bei begrenzter werdenden Mitteln alle Grenzen sprengen. Auch die Oberste Stadtkirche wird da fast zu klein – sowohl im Altarraum für die vielen Mitwirkenden, als auch für das Publikum, weswegen es dieses Mal mit einer öffentlichen Generalprobe am Freitag im Grunde gleich zwei gut besuchte Aufführungen gab.

Dass es so zukünftig weiter gehen könnte, ist jedenfalls zu hoffen, denn das, was am Sonntag nach der Begrüßung zu hören war, war in Iserlohn wirklich neu. Ein „Sinfonisches Gospel-Oratorium für Solo, Chor, Orchester, Combo“ wie es offiziell heißt, mit dem der Komponist Ralf Gössler spielend von der großen Wucht des klassischen Oratoriums mit massigem Doppelchor und voll besetztem Sinfonie-Orchester zum knalligen Big-Band-Sound oder auch zum filigranen, von Vibrafon und Saxofon dominierten Jazz-Ensemble wechseln kann. Und er tut das nicht schön und ordentlich getrennt, sondern entwirft ein ganz eigenes Geflecht, in dem alles irgendwie gleichzeitig seinen Platz hat und ineinandergreift, in dem alte Choräle wie „Ich steh an deiner Krippe hier“ (das Oratorium erzählt ähnlich wie Händels „Messias“ die ganze Lebensgeschichte Jesu) sich in Swing-Rhythmus und Saxofon-Solo einfügen und sich alles gegenseitig durchwirkt.

Die Iserlohner wissen, was sie an den Springers haben

Es gab da aber auch echte Gospelchor-Einwürfe und sehr unter die Haut gehende, hoch dramatische Chor-Passagen von den „Voices of Peace“, filmmusikartige Orchesterarbeit, einfühlsam und mit viel Reibung von der „Camerata Instrumentale Siegen“ und immer wieder wunderschöne Solo-Nummern im Jazz-Stil, mit denen die Soul-Sängerin Njeri Weth das Publikum wirklich verzauberte. Und nicht nur sie – auch die engagierten Jazz-Musiker Wim Wöllner (Saxofon) und Danilo Koch (Vibrafon) erzielten mit ihrer Spielfreude eine enorme Wirkung und waren mitverantwortlich dafür, dass dieses Werk immer wieder den protestantischen Ernst hinter sich ließ und einfach großen Spaß und Unbeschwertheit ausgestrahlt hat.

Am Ende gab es langen Applaus im Stehen, eine Zugabe und ohrenbetäubenden Jubel, vor allem als Ute und Hanns-Peter Springer vor das Publikum traten, um sich zu verbeugen. Ihnen galt auch der erste Applaus des Abends, als Superintendentin Martina Espelöer in ihrem Grußwort das Wirken des Kantoren-Ehepaars in Iserlohn und über die Stadtgrenzen hinaus würdigte. Ein auffallend lauter und bestimmter Szenen-Applaus mitten in der Ansprache, der schon zu Beginn zeigte, dass die Iserlohner sehr genau wissen, was sie an den Springers haben. Der Wandel in der Kirchenmusik geht weiter, in Iserlohn zum Glück mit solchen Musikern.

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