„Ich bin ein Musiker, der mit Blech zu tun hat!“

So sieht zum Beispiel eine „Mediation-Pan“ von innen aus.

So sieht zum Beispiel eine „Mediation-Pan“ von innen aus.

Foto: Thomas Reunert

Dortmund.  Wer den Dortmunder Steeldrum-Bauer Eckhard C. Schulz beschreiben will, stößt schnell an Grenzen. Einen Versuch ist es allemal wert.

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Ich werde also jetzt versuchen, eine Geschichte über Eckhard C. Schulz zu schreiben. Eine Geschichte, die – wenn man sie dann etwas aufmerksam gelesen hat – ein eindrückliches und verständliches Bild von dem Menschen, schließlich dem einzigen heutigen Hauptdarsteller, zeichnet bzw. zeichnen soll. Allerdings könnte ich nach diesem Präludium auch schon wieder Schluss machen, denn das wird vermutlich eh nichts. Ich habe in meiner Journalisten-Laufbahn schon viele Spezial-Typen getroffen, von langweilig bis durchgeknallt, von normal bis abgedreht, von schluffig bis hyper-keck. Ich bin oft schon noch deutlich staunender aus Gesprächen rauskommen, als ich in sie hineingegangen bin, aber Eckhard C. Schultz toppt sie alle. Auf seine ganz spezielle Weise. Liebenswert, normal, schlau, spitzbübisch, abgeklärt, neugierig, selbstbewusst, untertreibend, offenbar frei von Selbstzweifeln.

Unsere Geschichte beginnt schon vor einigen Monaten, als in einem Lokal am Rande Iserlohns der Wirt mir den Mann mit dem Hinweis vorstellt: „Wenn Sie den noch nicht kennen, müssen Sie ihn unbedingt kennenlernen. Der baut Steeldrums.“ Aufgefallen war er mir allerdings bereits auch, weil er so ein weißes Strickmützchen auf dem Kopf trägt. Gerade fällt mir ein, dass ich ihn bis heute nicht gefragt habe, was das Teil da oben zu suchen und zu bedeuten hat. Ist aber eigentlich auch völlig egal. Er hat es eben – und wahrscheinlich würde es auch ohnehin zu keinem besser passen.

Wir reden also an dem Abend einen Moment. Ich erfahre, dass er aus Dortmund kommt - und nach eigener und internationaler Einschätzung die besten Steeldrums in Deutschland, in Europa und vermutlich auch auf der ganzen Welt baut. Das Ganze übrigens mit einer Stimme, die mich ungeheuer an den Mit-Dortmunder Fritz Eckenga erinnert. Später wir Eckhard Schulz sagen: „Das ist auch mein Kumpel, wir feiern immer zusammen.“

„Steeldrum“ ist also das Stichwort. Und Dortmund. Auf diese erstaunliche regionale Liebesbeziehung kommt man ja nun wirklich nicht auf den ersten Gedanken-Hieb. Eigentlich noch nicht einmal durch Zufall. Und doch waren es am Ende vermutlich unendlich viele Zufälle, die diesen Eckhard C. Schulz mit dem National-Heiligtum-Instrument der Trinidadier zusammengebracht haben. Nicht mal der Duden weiß übrigens so richtig, wie man die Einwohner von Trinidad schreibt. Schulz sagt jedenfalls „Trinidadier“.

Eigentlich stammt der Mann, dessen Stimmbänder mit Hilfe von vermutlich unzähligen Fluppen mehr als tief gelegt wurden, aus einem kleinen Bauernort in Schleswig-Holstein. Abends nach dem Abendbrot wurde immer gesungen, sagt er. „War nicht überall üblich damals, aber bei uns war das so.“ Mit etwa zehn Jahren wurde er nach eigenen Angaben durch den Beruf des Vaters, einem Hochspannungstechniker, „verschleppt nach Dortmund und damit dermaßen aus dem Leben gerissen.“ Ab da wurde auch nicht mehr gesungen. „Solche Häuser, Straßen, O-Busse, Straßenbahnen habe ich als Junge vom Land gar nicht gekannt. Das war wie eine Mondlandung“.

Nach der Schule lernt Schulz, der in der Mitte von fünf Geschwistern aufwächst, den Beruf des Büromaschinenmechanikers. Jetzt schwärmt er plötzlich wie ein kleiner Junge von seinem damaligen Lehrherren mit den „unglaublichen Augen“, der eigentlich völlig falsch in dem Beruf und dazu auch noch der erste Deutsche gewesen sei, der den Ärmelkanal ohne Helfer durchschwommen habe. „Da war kein Hubschrauber oder sonst was dabei. Der hat zu einem Zeitungsreporter gesagt, er könne mal nach 24 Stunden auf der anderen Seite nachsehen, ob er wieder rauskommt.“ Nach der Lehre geht Schulz zu Hoesch. Andere Arbeitgeber wollten ihn damals zunächst nicht nehmen, weil auch noch ein Einberufungsbescheid zur Bundeswehr im Raum stand.

Die Lunte ist gelegt. Sie brennt sogar schon lichterloh.

Und auf einmal ist da diese Party, und da ist der Gast, der gerade aus der Karibik wiedergekommen ist und „so einen komischen Blechdeckel mit zwei Plastikklöppeln mitgebracht hat“. Es entspinnt sich ein Gespräch. „Wat is dat denn?“ „Eine Steeldrum!“ „Wat ist dat denn?“ „So ein Blechdingen, da kannste draufhauen.“ „Und wat kostet dat?“ „Nen Zehner. Ist aber nicht gestimmt, is für Touris.“ Warum auch immer, das hat Eckhard C. Schulz fasziniert. Und dann hat der Kollege noch erzählt, dass es „da unten sogar richtige Bands“ gibt, die richtig Musik darauf machen und auch „nicht nur Bumm-Bumm, sondern richtige Töne rausbringen“. Die Lunte ist endgültig gelegt, sie brennt schon lichterloh. „Das hat mich fasziniert.“

Dann ist sein Kumpel aus Gelsenkirchen „da runter und ich habe hundert Mark mitgegeben, damit er mir so ein Ölfass besorgt. Ich wusste nicht, dass richtige Instrumente natürlich viel teurer sind.“ Aber es hat irgendwie auch geklappt. Jetzt lebt Schulz – auch wenn er noch bei Hoesch bleibt und nebenher auch noch sein Abitur macht – nur noch für die „Blechdinger“. Er studiert die Steeldrums von der Pike auf in all ihren klanglichen, physikalischen Eigenschaften und Möglichkeiten. Er versucht mit deutscher Gründlichkeit zu verstehen, was der kleine Mann in Trinidad wahrscheinlich einfach schon in Herz und Seele hat. Bei Schulz hat es wahrlich unendlich viele Hammer- und vor allem auch Fehlschläge und Sägezüge gebraucht, bis die ersten eigenen Formen und Drums fertig und spielbar waren.

Damit wir uns nicht immer nur über Trommeln unterhalten, erzählt mir Eckhard – wir duzen uns vom ersten Moment an bzw. er duzt mich vom ersten Moment an – dass er bei Hoesch in der Härterei beschäftigt gewesen sei und dass die Leute immer glauben würden, man würde sich alles verbrennen, vor allem die Augenbrauen, wenn man sich am glühenden Stahl eine Zigaretten anzünden würde. Was natürlich in der Schulz-Welt völliger Quatsch ist. „Die sollen das mal machen, da kommt man zu ganz anderen Erfahrungen.“

Fast ganz untergegangen wäre übrigens an diesem Mittag, dass Schulz als Junge auch noch auf Platz sieben der ewigen Bestenliste über 1000 Meter beiden Jugendlichen gestanden hat. „Zweivierunddreißigsechs! Falls Du Dich in Leichtathletik auskennst.“ Das sei aber auch in einer Zeit gewesen, in der er beinahe am Leben vorbeigelaufen wäre. Ob er schon erwähnt hätte, dass er auch beste Sänger im Dorf war? Um es also vorsichtshalber noch einmal zusammenzufassen: Er sei Musiker. Und habe mit Blech zu tun gehabt. „Verstehst Du?“

Noch nicht ganz. Wieso jetzt Musiker? Schulz erzählt von seiner „Mardi Gras Band“, eine Kultformation, die in den späten 70er bis in die 80er Jahre hinein in Dortmund und wahrlich nicht nur ein Dortmund die Säle füllte und abräumte. Und die rund um die Jahrtausendwende noch einmal ein fulminantes Revival feierte. Da war er Sänger. Soul und Disco. „Disco-Tänzer war ich übrigens auch. Ich glaube sogar, ich bin heute noch ganz gut.“

Zurück zu den Steeldrums. Schulz konzentriert sich zunächst mal auf Kinderinstrumente, „weil die Händler mit den Erwachsenen-Modellen noch nicht wirklich was anfangen konnten“. Aber die Sache mit den Kindern klappte. Und die Schüsseln waren ja sogar auch richtig gestimmt. Ganz professionell eben. „Und das lief nach ein paar Jahren richtig gut, habe dann mit Asian-Sound auch den ersten richtigen Großkunden bekommen. Es folgt die Entwicklung der „Meditation-Pan“ „für alle Esoteriker, Heiler, Musiktherapeuten.“ Also machen wir einen kurzen gedanklichen Ausflug in die Therapie-Welt. Die Drum sei schließlich konkav ausgewölbt und „da fällst Du rein“. Wahrscheinlich meint er „gefühlsmäßig“, aber wer weiß das schon. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass man die Liebe, die Liebe und die Arbeit, die in ein einem Instrument stecken, spürt.

Der Bedarf an Steeldrums steigt mit den Jahren, auch immer mehr Profi-Musiker entdecken das Instrument für sich und das Orchester. Über Aufträge kann sich der Dortmunder offensichtlich nicht beklagen. Jetzt versucht mir Eckhard noch zu erklären, wie man so einen „Blechdeckel“ stimmt. Untertöne, der dritte der Obertöne, Flötentöne – ich nicke und nicke und verstehe nur, dass das eingestrichene C irgendwie an diese Stelle und nirgendwo anders hingehört. Was übrigens auch voll und ganz dem Integralen Layout für die Steelband entspricht. Was ebenfalls von Eckhard C. Schulz en passant entwickelt wurde und heute weltweit Anwendung findet. „Es hat aber auch für mich ganz schön lange gedauert, bis ich die letzten Zusammenhänge in so einer Blechform erkannt und verstanden habe.“

In Trondheim wird die Steeldrum mit Wasser bespielt

Natürlich könnten – oder müssten - wir auch noch über den Verein Pankultur e. V. sprechen, der inzwischen auf rund 150 Mitglieder angewachsen ist und mit Konzerten in Dortmund und im ganzen Land begeistert. Gründer? Schulz! Oder über die beiden XXL-Pans, die im norwegische Trondheim vor einer Klinik als Skulptur dienen und die per Wasserstrahl „bespielt werden“. Aber wo soll das hinführen? Und man könnte ja schließlich auch noch einmal wiederkommen.

Wir ziehen also an dieser Stelle mal einen ersten Strich und Eckhard sagt: „Weißt Du, was das Tollste ist. Ich habe 25.000 kleine und große Instrumente in meinem Leben gebaut. Und jedes davon wird mich überleben.“

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