Gewalttat

Getötete vom Iserlohner Bahnhof beschrieb Mann als Sadisten

Rechtsanwältin Christiane Müller hat in ihrer Kanzlei die Akten der 32-jährigen Frau auf dem Tisch, die am Samstag am Iserlohner Stadtbahnhof erstochen wurde.  Ihre Mandantin fühlte sich von ihrem Mann verfolgt.

Rechtsanwältin Christiane Müller hat in ihrer Kanzlei die Akten der 32-jährigen Frau auf dem Tisch, die am Samstag am Iserlohner Stadtbahnhof erstochen wurde. Ihre Mandantin fühlte sich von ihrem Mann verfolgt.

Foto: Cornelia Merkel / IKZ

Iserlohn.  Die Iserlohner Anwältin Christiane Müller äußert sich zu Hintergründen des Beziehungsdramas, bei dem in Iserlohn zwei Menschen getötet wurden.

Eine Woche nach dem gewaltsamen Tod einer 32-jährigen Frau, die vor ihrem Ehemann aus Bergisch Gladbach im Iserlohner Frauenhaus Zuflucht gesucht hatte, schildert ihre Anwältin die Leidensgeschichte der Frau. Auch ihr neuer Lebensgefährte (23) starb am Samstag durch Messerstiche des geständigen 43-jährigen Ehemannes. „Sie hat kein Glück gehabt in ihrem Leben“, fasst Christiane Müller, Rechtsanwältin in Iserlohn, das Schicksal der Frau in wenigen Worten zusammen.

Nicht nur die Beziehung zu ihrem Mann war gescheitert, auch der Asylantrag der Frau, die mit ihrem Mann aus dem Kosovo nach Deutschland geflüchtet war, war abgelehnt worden. So war sie nur geduldet und hätte irgendwann ausreisen müssen: „Sie wollte auf keinen Fall in den Kosovo zurück. Wegen der Schwangerschaft mit ihrem neuen Freund hätte sie nicht zurückgekonnt in ihre Familie. Sie hat den Täter als Sadisten beschrieben“, berichtet Christiane Müller, warum ihre Mandantin sich von ihrem Mann in Bergisch Gladbach getrennt hat und Zuflucht im Iserlohner Frauenhaus suchte.

Ihr Kind war in der zweiten Juni-Hälfte im Iserlohner Krankenhaus Bethanien zur Welt gekommen. In den dortigen Dokumenten ist auch die Anschrift des Frauenhauses verzeichnet. Nur wenige Wochen später, berichtet die Anwältin, habe sie im Auftrag der getöteten Mutter ein Vaterschaftsanfechtungsverfahren eingeleitet. Denn als Vater hatte die 32-Jährige im Krankenhaus nicht ihren Mann, sondern den neuen Lebensgefährten angegeben. Nach der Gesetzeslage wird jedoch der Mann als Vater eines Kindes angesehen, der zum Zeitpunkt dessen Geburt mit der Mutter verheiratet ist. „Ziel ist die Feststellung, dass der bisherige rechtliche Vater nicht der biologische Vater ist“, formuliert Christiane Müller den juristischen Hintergrund. Der Menschliche: „Vor dem Mann ist sie ja ins Frauenhaus geflüchtet.“

Bis zur Klärung ist der Ehemann rechtlich der Vater des Kindes

Genau am 12. August, dem Montag der Woche, in der die 32-Jährige schließlich sterben sollte, brachte Christiane Müller das Vaterschaftsanfechtungsverfahren auf den Weg. Auch nach ihrem Tod hat die Anwältin den Wunsch der Mutter verfolgt: „Ich habe mit dem Jugendamt gesprochen. Dort möchte man, dass das Kind dem richtigen Vater zugeordnet wird und der Täter nicht der Vater bleibt. Das Verfahren muss stattfinden, um die Vaterschaft des leiblichen und potenziellen Vaters nachzuweisen. Zurzeit ist der Täter der gesetzliche Vater des Kindes mit den Rechten und Pflichten. Das heißt, er könnte den Namen des Kindes bestimmen und dessen Aufenthaltsort festlegen.“

Von den Getöteten gibt es Blut- und DNA-Proben. Die Leichen sind mittlerweile zur Bestattung freigegeben. Mit einem Blutgutachten, so die Anwältin, könne die Nichtehelichkeit der Vaterschaft festgestellt werden. „Es wird ein Verfahren vor dem Familiengericht geben. Der Antrag wird ihm in die JVA zugestellt. Er muss dazu angehört werden“, sagt Christiane Müller.

Eine Frage, die sich viele stellen: Wie konnte der in Bergisch Gladbach lebende Mann herausfinden, dass sich seine Frau im Iserlohner Frauenhaus befindet? In der Wohnung des geständigen Täters in Bergisch Gladbach hatte die Polizei Belege vom gemeinsamen Konto sichergestellt, in denen Auszahlungen am Geldautomaten am Iserlohner Stadtbahnhof verzeichnet waren (wir berichteten). Ob das tatsächlich die Informationsquelle für den Ehemann war, ließ die Staatsanwaltschaft offen. Anwältin Christine Müller erklärt mit Blick auf andere Fälle, bei denen Frauen aus Gewaltbeziehungen ausgebrochen sind: „Sobald Kinder im Spiel sind wird es schwierig. Es ist ganz schwierig, die Spur zu verwischen und den Aufenthaltsort geheim zu halten.“ Da gebe es einige Schwachstellen, sagt auch Frauenhaus-Leiterin Anna Müller.

Geheime Frauenhaus-Adresse ist ein offenes Geheimnis

Rechtsanwältin Christiane Müller berichtet, dass die offiziell geheim gehaltene Adresse des Frauenhauses längst „ein offenes Geheimnis“ sei. Taxifahrer am Bahnhof würden Fahrgäste sogar problemlos dorthin fahren. Der Stadtbahnhof gelte ohnehin als Treffpunkt für getrennt lebende Paare, bei denen Väter trotz häuslicher Gewalt Umgangskontakt mit ihren Kindern haben, teilweise unter Begleitung des Jugendamtes.

Im Frauenhaus klingelte in den Tagen nach der Bluttat zwar pausenlos das Telefon, um Unterstützung und Sachspenden anzubieten. Offiziell ist dort wieder Ruhe eingekehrt, doch das dortige Team unter extremer Anspannung, versucht Distanz aufzubauen, berichtet Frauenhausleiterin Anna Müller. Ende September gebe es die Gelegenheit zur Supervision, das ist eine Form der psychotherapeutischen Beratung der Mitarbeiter. Bewohnerinnen und frühere Bekannte der Getöteten hätten über die so genannten sozialen Netzwerke Fotos und Videos von dem getöteten neuen Lebensgefährten der 32-Jährigen gesehen, die Unbekannte am Bahnhof gemacht hatten und dann „gepostet“ hatten.

Wegen der Betroffenheit und auch zum Schutz des Hauses nimmt das Frauenhaus derzeit keine Sachspenden wie Kinderkleidung und Spielzeug entgegen. Allenfalls im Heilpädagogischen Zentrum am Löbbeckenkopf, wie das Frauenhaus in Trägerschaft der AWO, könnten Spenden derzeit abgegeben werden.

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