Gesundheitsversorgung

Für manche Waldstädter eine bittere Pille

Das Endkundengeschäft mit Medikamenten ist nicht mehr so lukrativ wie früher.

Das Endkundengeschäft mit Medikamenten ist nicht mehr so lukrativ wie früher.

Foto: Guido Raith

Iserlohn.  Während die Zahl der Apotheken bundesweit schrumpft, geht es Iserlohn noch vergleichsweise gut. Der Seniorenbeirat sieht nach wie vor Probleme.

Der Vertrieb von pharmazeutischen Produkten ist noch immer ein lukratives Geschäft, aber der Einzelhandel hat es zunehmend schwer – nicht zuletzt die Online-Konkurrenz setzt auch den heimischen Apotheken zu. Über das Stadtgebiet verteilt sind es heute 23, vor fünf Jahren waren es noch 28. Der Blick auf 1990 zeigt, dass seitdem zwölf Filialen ihre Türen geschlossen haben, während nur drei in diesem Zeitraum neu eröffnet wurden – im Ergebnis ein Rückgang von knapp 30 Prozent. Diese Entwicklung lässt sich durchaus unterschiedlich beurteilen. Dr. Günter Glauch, Apotheker im Ruhestand, erinnert etwa an Zeiten, in denen Klagen über zu viele Filialen noch an der Tagesordnung waren. Seine Nachfolgerin Silvia Wulf von der Markt-Apotheke vertritt die Interessen ihrer Fachkollegen als Sprecherin, und auch sie weiß, dass die Meinungen zu dem Thema auseinandergehen: „Je nachdem, wen man fragt, sind es heute noch zu viele.“

Zumindest in der öffentlichen Debatte überwiegt die Kritik an rückläufiger Versorgung, besonders in Bezug auf die Notdienste. Über die Weihnachtsfeiertage hatten die diensthabenden Apotheken in Sümmern und Gerlingsen einen Ansturm von jeweils rund 300 Kunden zu bewältigen (wir berichteten), was zu erheblichen Wartezeiten und entsprechendem Unmut führte. Zweifellos fielen die Termine 2017 in dieser Hinsicht unglücklich – wer sich vor dem Festwochenende nicht eingedeckt hatte, konnte erst am Mittwoch wieder regulär einkaufen. In den Schlangen vor der „Pillenausgabe“ standen über die Feiertage nicht nur Waldstädter, denn je nach Wohnort mussten Kunden weite Wege auf sich nehmen, um die nächstgelegene Anlaufstelle zu erreichen.

Hausärztliche Notdienste von 340 auf 67 geschrumpft

„Die Notdienste werden aus der Vogelperspektive entworfen“, erklärt Silvia Wulf. Straßenführung, Höhenmeter und ÖPNV-Anbindung fänden dabei keine detaillierte Berücksichtigung. Das Angebot ist zuletzt 2012 spürbar gestutzt worden. Sebastian Sokolowski, Sprecher der Apothekerkammer Westfalen-Lippe, kennt den Hintergrund und nennt Zahlen. „Der hausärztliche Notdienst wurde damals zentralisiert und dabei massiv reduziert. Von den zuvor 340 Standorten in unserem Gebiet blieben nur 67 übrig.“ Die Anpassung der Notdienstregelung sei mit Augenmaß erfolgt, betont Solowski. Die Entfernung zum Ortsmittelpunkt bis zur nächsten geöffneten Filiale liege im Durchschnitt bei 4,6 Kilometern. Dass Städter dabei einen Vorteil gegenüber Bewohnern des ländlicheren Raums genießen, räumt er ein, auch Apotheker hätten dort mitunter das Nachsehen: „Wir sind gesetztlich verpflichtet, auf eine gleichmäßige Verteilung der Notdienste zu achten. In kleineren Orten klappt das natürlich weniger gut als zum Beispiel in Iserlohn-Mitte.“ Nichtsdestotrotz habe sich die Regelung aus Sicht der Kammer bewährt, resümiert Solowski: „Es kann an bestimmten Tagen Spitzen geben, aber insgesamt funktioniert es.“

Nicht mehr mobile Senioren haben das Nachsehen

Eine ganz andere Sicht hat in der Vergangenheit der Seniorenbeirat der Stadt Iserlohn vertreten. Hans Barthelmes bestätigt im Gespräch mit unserer Zeitung seine Vorbehalte: „Eine Zeit lang habe ich die Notdienste fortlaufend notiert. Dabei habe ich festgestellt, dass es teilweise Apotheken in Hagen oder Herdecke sind, zu denen ich fahren müsste. Das sehe ich schon kritisch.“ Es gehe ihm vor allem um ältere Menschen mit eingeschränkter Mobilität. „Wie sollen die zum Notdienst nach Sümmern kommen?“, fragt der Letmather.

Silvia Wulf hat diese Klagen noch im Ohr. Nachvollziehen kann sie diese nur bedingt, denn in solchen Fällen gebe es ja sicherlich Verwandte, Bekannte oder Nachbarn, an die man sich wenden könne. Und wenn es die nicht gibt? „Dann besteht immer noch die Möglichkeit, ein Taxi zu beauftragen. Die Fahrer holen das Medikament ab und bringen es bis zur Haustür“, argumentiert die Apothekerin. Das könne sich nicht jeder leisten, entgegnet Barthelmes: „Machen wir uns nichts vor: Die Altersarmut ist da.“ Ob er sich selbst zutrauen würde, im Bedarfsfall nach Sümmern, Hagen oder Altena zur Apotheke zu fahren, da ist er sich nicht sicher.

Die Kammer reagiert auf solche Bedenken abermals mit Statistik. Zunächst könne man festhalten, dass in der Regel nicht mehr als zehn Straßenkilometer zu fahren sind, zumindest „in 95 Prozent der Fälle“, betont Sebastian Solowski.

Als eine der größten Städte in der Region sei Iserlohn sogar besonders gut aufgestellt, nicht nur hätten die Waldstädter die hausärztlichen und klinischen Notfallzentren direkt vor der Tür, es müsse auch stets mindestens eine Apotheke an Sonn- und Feiertagen dienstbereit sein. Ein Privileg, das kleinere Städte nicht genießen.

Laut Statistik nehmen Ältere die Notdienste kaum wahr

Die notleidenden Senioren erscheinen in der Statistik als Randproblem. Auswertungen hätten gezeigt, dass der Anteil von 65- bis 80-Jährigen bei der Inanspruchnahme der Notdienste bei unter fünf Prozent liegen. „Über-80-Jährige machen sogar nur 0,3 Prozent aus“, zitiert Solowski und erläutert, dass bei der zugrunde liegenden Erhebung Botendienste für Ältere berücksichtigt worden seien. Ferner kämen, über alle Altersgruppen hinweg betrachtet, nur knapp 40 Prozent mit Rezepten zu den Notdiensten. Mit welchen Anliegen kommen demnach die meisten?

Mischung aus verzweifelten Eltern und Bagatellfällen

„Es sind viele Familien, die oft mit dem Nachwuchs vom kinderärztlichen Notdienst kommen. Wenn die Kleinen hohes Fieber haben, ist es verständlich, dass die Eltern das nicht auf die leichte Schulter nehmen“, sagt Silvia Wulf. Genau wie ihre Kollegen kennt sie allerdings die vielen Bagatellfälle, mit denen die Leute regelmäßig kommen. Nasenspray etwa gehört zu den Dauerrennern, ebenso Pflaster und einfache Schmerzmittel, Durchfallpräparate – genau die Dinge, die in jeder Hausapotheke vorrätig sein sollten.

Mit mangelnder Voraussicht hat auch Britta Gößling zu kämpfen. „Ich werde immer wieder angerufen und gefragt, ob ich Windeln oder Babynahrung vorrätig habe. Nicht selten soll ich die sogar vorbeibringen“, berichtet die Betreiberin der Burg-Apotheke. In Einzelfällen habe sie das schon getan, in echten Notlagen, wenn etwa Mutter und Baby wegen einer Autopanne festsitzen.

Über andere Anliegen schütteln die Pharmazeuten eher den Kopf. „Viele wissen das gar nicht, aber der Notdienst geht über volle 24 Stunden. Manchmal werde ich mitten in der Nacht von Jugendlichen herausgeklingelt, die Augentropfen kaufen wollen, damit die Eltern beim Frühstück die geröteten Augen nicht bemerken“, führt Silvia Wulf als Beispiel an.

Niedergelassene Apotheker können sich in Deutschland nicht aussuchen, ob sie Notdienste anbieten – als Pflichtmitglieder der Kammer müssen sie die ihnen übertragenen Termine wahrnehmen.

Im Schnitt muss jede Apotheke knapp 13 Notdienste pro Jahr versehen – keine geringe Belastung, bemerkt Sebastian Sokolowski: „Das ist vier Mal so viel wie, wie Ärzte zu leisten haben.“ Die Bedingungen, zu denen Apotheker diese Pflicht erfüllen, sind nicht gerade rosig. In den Abendstunden wächst das Risiko, Opfer von Kriminalität zu werden. Britta Gößling ist schon mit vorgehaltener Pistole überfallen worden, Silvia Wulf hat eine ähnliche Erfahrung gemacht. Grundsätzlich empfinden sie die Dienste aber nicht als Zumutung. Für sie gehöre das zum Berufsbild, stellt Britta Gößling klar: „Ich habe schließlich eine Art Eid abgelegt. Meinen Urlaub plane ich um die Notdienste herum, und als es über Weihnachten so voll war und ich über Stunden pausenlos Kunden bedient hatte, sagte ein Mann gegen Abend zu mir: Sie lächeln ja noch. Das zu hören, tat gut.“

Apotheken finanzieren den Service zum Teil selbst

Mit dem Aushang „Das Internet hat keinen Notdienst“ hatte sie auf die Schwierigkeiten der Branche aufmerksam gemacht. Der 24-Stunden-Service an Sonn- und Feiertagen ist für Ladenapotheken ein Verlustgeschäft, denn diesen darf nur ein approbierter Pharmazeut mit entsprechendem Stundenlohn versehen. Die Notdienstgebühr von 2,50 Euro pro Einkauf reicht nicht, um die Kosten zu decken, sagen die Kollegen übereinstimmend.

Dr. Günter Glauch hat schon in seiner Zeit erlebt, wie das Schrumpfen der Handelsspannen erforderlich machte, den Gürtel immer enger zu schnallen. Ein Ende der Filialschließungen sei in der aktuellen Situation wohl nicht zu erwarten. Für manche eine bittere Pille. „Vor allem Ältere wünschen sich Zeiten zurück, in denen man für die nächste Apotheke nur einmal um die Ecke gehen musste“, lautet eine Erfahrung, die auch Silvia Wulf gemacht hat. Auf die Frage, welcher Kollege in Iserlohn als nächstes das Handtuch wirft, hat sie eine eher beruhigende Antwort.

Das Problem habe oftmals mit Überalterung zu tun und dass sich niemand findet, der den Betrieb in der nächsten Generation übernimmt. Was das angeht, müssten die Iserlohner sich für die nächsten Jahre keine allzu großen Sorgen machen: „Wir sind hier insgesamt vergleichsweise jung, kurz vor der Rente steht niemand, der mir einfällt. Ich denke, vorerst bleibt die Situation so, wie sie ist.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben