50 Jahre Mondlandung

„Eine Reise zum Mars? Das ist was für’s Leben“

Der gebürtige Iserlohner Ulrich Walter im Jahr 1993 vor seinem Start ins Weltall im Rahmen der D2-Mission.

Der gebürtige Iserlohner Ulrich Walter im Jahr 1993 vor seinem Start ins Weltall im Rahmen der D2-Mission.

Foto: Archiv / ESA / IKZ

Iserlohn/Mond.  Als der erste Mensch den Mond betrat, hat unser Heimat-Astronaut Ulrich Walter fest geschlafen. Erinnerungen und Ausblicke.

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Welche Stadt kann schon von sich behaupten, einen tatsächlichen Raumfahrer hervorgebracht zu haben. Quasi einen Heimat-Astronauten? Das war damals schon eine ziemliche Sensation, als bekannt wurde, dass „unser“ Ulrich Walter auserkoren war, die Ausbildung zur Teilnahme an der D2-Mission zu durchlaufen. Und am Ende im Jahr 1993 auch wirklich fliegen würde. Zum Glück ist weder damals per Funk noch heute per Telefon oder Besuch der Kontakt jemals abgebrochen.

Und so war es keine Frage, dass Professor Dr. Ulrich Walter von der Heimatzeitung angerufen werden „musste“, um noch einmal mit einem Fachmann über die erste Mondlandung zu sprechen. Das freundschaftliche „Du“ zwischen Frager und Befragtem erklärt sich aus einer Vielzahl von gemeinsamen Geschichten und Interview-Auftritten, auch wenn es heute mal nicht um die trickreiche Benutzung einer Space-Shuttle-Toilette geht.

Lieber Ulrich, kannst Du Dich erinnern, wie und wo Du selbst die erste Mondlandung erlebt hast?

Ulrich Walter Das ist wohl die meistgestellte Frage in den letzten Monaten überhaupt. Und meine immer gleiche Antwort ist: Nein, das kann ich deswegen nicht, weil ich im Bett lag und schlief. Um genau zu sei: Die Mondlandung war ja am 20. Juli um neun Uhr am Abend. Und die Moderatoren damals wussten ja selbst nicht, wie das weitergehen würde. Die sagten immer, wir müssten mal schauen, was die NASA sagt und so weiter. Und ich saß da und es tat sich nichts, bis meine Mutter gegen Mitternacht sagte: So, nun ist Schluss, jetzt gehst Du ins Bett. Und um vier Minuten vor vier nach unserer Zeit hat Armstrong ja dann seinen Fuß tatsächlich auf den Mond gesetzt.

Waren die ersten Mondflieger eigentlich filigran arbeitende und denkende Hochleistungswissenschaftler oder doch eher fliegerisch versierte Abenteurer?

Eindeutig letzteres. Das waren alles Piloten, die konnten super gut fliegen, waren psychologisch aber nicht so ganz gut drauf. Was man später am Beispiel von Buzz Aldrin sehen konnte. Die damaligen Astronauten wurden nicht psychologisch untersucht wie heute alle Astronauten. Und das war ja auch der Grund, warum er damals durchgedreht hatte.

Was war aus wissenschaftlicher Sicht und für Dich die größte Überraschung bei oder nach der Mondlandung?

Es gab zwei wichtige Dinge. Man hat zum einen auf allen Apollo-Missionen Seismometer aufgestellt und hat durch die Schallwellen bei Einschlägen von Asteroiden oder auch des Servicemoduls . . .

Was für ein Servicemodul?

Das wissen die wenigsten: Teile des Aufstiegsgerätes sind ja wieder auf den Mond gefallen. Und diese Einschläge hat man registriert und damit die Tiefenstruktur des Mondes überhaupt erst einmal vermessen können. Und die Jungs haben auf ihren Missionen rund 185 Kilogramm Mondgestein mitgebracht. Deswegen kennen wir die Oberfläche und die unterschiedlichen Gesteine und die Regolith-Schicht sehr gut.

Wäre nach heutigen Erkenntnissen der Mond ein guter Ort, um das Leben im Weltall und vor allem auch das Weiterfliegen zu erforschen und zu üben?

Jein. Nein, weil – wenn ich zum Mars will – wäre es besser, wenn ich direkt dorthin fliege. Ja, weil ich nicht einfach zum Mars fliegen kann, denn wenn ich das jetzt mache, komme ich tot wieder. Das ist fast eindeutig. Wir müssen erst einmal die Zuverlässigkeit unserer Technologien testen. Deswegen nennen die Amerikaner den Mond „proving ground“, also einen Ort, an dem wir unsere Technologien und die Überlebensfähigkeiten der Astronauten testen. Wir können dort Habitate bauen, das Wasser an den Polen extrahieren und können zeigen, dass wir das auch über eine lange Zeit können. Und wenn wir das über sechs, sieben Jahre gezeigt haben, dann können wir auch zum Mars. Also nicht über den Mond, sondern eben mit ihm als „proving ground“.

Kann der Menschen sich dahin weiterentwickeln, dass ihm eines Tages die Weltraumstrahlung nichts mehr ausmacht?

Wahrscheinlich nicht. Das einzige Lebewesen, das wirklich resistent gegen die Strahlung ist, ist ein kleiner Wurm namens Radiodurans. Der kann jede Menge ab. Aber dessen Gene möchte ich jetzt nicht haben. Du wahrscheinlich auch nicht. Also sagen wir mal so: Ja, man könnte den Menschen vielleicht etwas abhärten, aber ich weiß nicht, was das für andere Folgen hat. Außerdem weiß man, dass sich solche Genmutationen über Millionen von Jahren hinziehen. Das würde jetzt erst einmal nichts bringen.

Der kecke Amerikaner Dennis Hope behauptet, ihm gehöre der Mond. Was aber natürlich nicht stimmt. Kann man in einem Satz sagen, wem der Mond gehört?

Das kann man so einfach nicht sagen. Fakt ist: Nach amerikanischem Recht hat er Recht, nach internationalem Recht nicht. Ich finde ja ohnehin seine Methode sensationell: Wenn er eine Kauf-Anfrage bekommt, zündet er sich eine Zigarre an, dreht die Mondkugel vor sich, tippt auf eine Stelle - und das Grundstück verkauft er dann. Diese Art, Geld zu verdienen, beneide ich.

Teilst Du die Ansicht Deines Astronauten-Kollegen Ulf Merbold, der in einem Interview über den Mars gesagt hat, dass alles, was wir dort noch entdecken werden, unser Weltbild auf den Kopf stellen wird?

Ja! Und zwar aus folgendem Grund: Ich denke da an den Weltraum-Tourismus zum Mond. Den wird es mit großer Sicherheit geben, weil der Flug dorthin nur zweieinhalb Tage dauert. Dann bleibt man vielleicht ein Woche da oben und das ist genau die richtige Zeit für einen Kurztrip. Das wird natürlich am Anfang noch ziemlich teuer. Aber von dort auf die Erde zurückzuschauen, auf uns wie wir in diesem kleinen Boot durch den Weltraum tickern, das erst wird die Menschen überzeugen, welche kleine Rolle wir in diesem Universum spielen. Nämlich so gut wie keine. Und erst, wenn die Menschen, die von da oben zurückkommen erzählen, wird das unser Weltbild, unser Bild von uns selber, unsere Selbsterkenntnis ändern. Das kann man von Mond und vom Mars machen. Der Mars hat natürlich den Nachteil, dass Du hin und zurück zweieinhalb Jahre brauchst. Das ist kein Urlaubstrip, das ist was fürs Leben.

Der Iserlohner würde sagen: Zum Mars? Das zieht sich aber ganz schön.

(lacht laut und lange) Stimmt!

Warum ist die bemannte Raumfahrt nach den Mondlandungen scheinbar erst einmal steckengeblieben, hat sich mit der Dauerumrundung der Erde begnügt?

Das ist historisch bekannt. Die Amerikaner haben damals 100 Milliarden Dollar ausgegeben. Das war viel Geld. Dann wollten sie natürlich was von der Investition haben. Also haben sie eine Raumstation gebaut, um dort Wissenschaft und Forschung zu machen. Dafür sollten die Unternehmen zahlen. Nach der Columbia-Katastrophe sind die Amerikaner aufgeschreckt, haben in der Bus-Ära das Mars-Programm aufgelegt, das von Obama wieder gestrichen wurde. Und jetzt ist Trump da, der an der Stelle, wie Bush angefangen hat, weitermacht. Also fliegen wir jetzt wieder zum Mond.

Deutschland investiert jedes Jahr rund 190 Millionen Euro in die bemannte Raumfahrt. Doch die damit gewonnene wissenschaftliche Erkenntnis erscheint recht übersichtlich. Geht es eher um Image als um Wissensgewinn?

Es ist beides. Wenn wir zum Beispiel zum Mond oder Mars wollen, um diese wissenschaftlich auf Leben, also kleinste Zellen, zu untersuchen, dann brauchst Du einen Geologen, der vor Ort eine Probe nimmt, sie unterm Mikroskop untersucht und dann, wenn er da nichts findet, an eine andere Stelle geht. Das kann kein Roboter. Da sind wir heute bei Robotern oder künstlicher Intelligenz noch Lichtjahre entfernt.

Brauchen wir die Raumfahrt allein schon deshalb, weil wir für später, wenn wir hier alles zugrunde gerichtet haben, ein Ausweichquartier benötigen?

Ja, das brauchen wir, aber das ist noch sehr, sehr, sehr lange hin. Das kann sich ja über zig Jahrzehnte, besser Jahrtausende hinziehen. In fünfzig- oder achtzigtausend Jahren soll die nächste Eiszeit kommen, und wenn dann Europa unter Eis und Schnee liegt, kann ich mir schon vorstellen, dass die Menschen sagen: Auf dem Mars ist es wärmer und inzwischen haben wir da auch eine Atmosphäre. Nix wie hin!

Nun war ich ja auf dem neusprachlichen Zweig am Märkischen Gymnasium, habe von daher vielleicht ohnehin ein leicht eingeschränktes wissenschaftliches Verständnis. Aber: Werden wir irgendwann wissen, was vor dem Urknall war?

Das ist eine schwierige Frage. Aus der Relativitätstheorie folgt, dass wir es nie wissen werden. Die Quantenphysik deutet an, dass es etwas gegeben haben könnte. Aber ich glaube nicht, dass wir jemals wissen werden, was es gab. Wenn wir überhaupt wissen, dass es etwas gab, wäre das schon viel.

Aber wer sagt, dass nach Einstein nichts mehr kommt?

Moment, Moment! Wir wissen sehr wohl, dass nach Einstein was kommt. Das ist die berühmte „theory of everything“. Wir wissen, dass die Einstein-Theorie unvollständig ist. Wir warten jetzt auf eine umfassende Theorie, die Einstein und die Quanten-Theorie umfasst.

Ich weiß, eine tatsächlich oft gestellte Frage an den geflogenen Astronauten ist die, ob Du da oben Gott oder so etwas Ähnliches gesehen hast. Kommen denn nicht selbst dem Ungläubigen im All Zweifel, ob das alles tatsächlich chemisch-physikalisch zu erklären ist?

Nicht durch meinen Flug, aber durch mein Nachdenken darüber ist meine Situation so: Ich halte Religion für einen wichtigen Kleber, der die Gesellschaft zusammenhält. Allerdings an einen Gott, wie die Religion ihn uns wissen machen möchte, glaube ich nicht. Astronauten, die im Weltall waren, wurden dadurch im Übrigen nicht gläubiger. Sie erleben wohl eher diesen Overview-Effekt. Dieses Erkennen, dass es ja eigentlich keine Grenzen gibt, dass die Dinge von dem anderen Standpunkt ganz anders aussehen. Das ist das, was uns verändert.

Wird denn in den neuen Medienzeiten die nächste Mondlandung wieder so ein Spektakel des Welt-Interesses?

Das wird natürlich ganz anders sein. Interessanterweise berichten die Medien hier bei uns ja nicht über die für 2024 von Trump befohlene nächste Mondlandung, auf die sich die NASA im Moment auch mit wirklich viel Aufwand vorbereitet. Festgelegt wurde ja auch schon, dass ein Mann und eine Frau landen werden. Damals hieß das APOLLO, jetzt heißt es ARTEMIS. Und danach werden sie jährlich einmal zum Mond fliegen. Eigenartigerweise findet das in Deutschland kaum Beachtung. Aber ich garantiere Dir, bei der nächsten Landung wird fast die ganze Menschheit das sehen können – und auch sehen.

Letzte Frage von mir: Träumst Du eigentlich nachts noch vom Weltall und vom Fliegen?

Inzwischen weniger. Früher habe ich immer geträumt, ich würde über meinem Bett schweben. Das hat aber abgenommen. Erschwerend kommt hinzu, dass ich morgens nicht mehr weiß, was ich geträumt habe, mich an nichts erinnere.

Dann hoffe ich, dass Du Dich wenigstens noch lange an das Gespräch mit der Heimatzeitung erinnerst. Jetzt habe ich aber noch eine kleine Attacke vor. Stefan Dierkes, ein Physik-Lehrer an unserem MGI, hat geschrieben, er unterrichte in Stufe 10 in einem Physikkurs, „in dem wir uns mit den Keplerschen Gesetzen, dem Bau von Raketen und der Gravitation beschäftigt haben. Fragen an einen Professor der Raumfahrttechnik passen also da gut in den Unterricht“. Seine Schüler hätten Fragen formuliert, von denen ich Dir gern eine Auswahl stellen möchte. Machst Du da mit?

Auf geht’s.

Folko Welche Folgen hatte die Schwerelosigkeit auf Ihren Körper?

Ich war ja nur zehn Tage im All, da hatte das keinen Einfluss. Eine leichte Verwirrung des Schwerelos-Sinns war nach zwei Tagen weg.

Heinrich Finden Sie, es sollte ein eigenes Ministerium für Raumfahrt geben und wer wäre für Sie dafür geeignet?

Das wäre wohl ein bisschen überdosiert. Obwohl man vielleicht im Vergleich zu manch anderem Ministerium schon sagen könnte, dass es doch wichtig ist. Aber noch mal im Ernst: Wenn in einigen Jahren draußen wirklich „Big Business“ abläuft, dann kann auch so ein Ministerium notwendig sein.

Lukas: Waren Sie froh, als Sie wieder auf der Erde waren?

Ja, denn da war die viele Arbeit vorbei. Ich musste ja jeden Tag wenigsten zwölf Stunden nachweisen. Aber nach ein paar Tagen habe ich gesagt, ich könnte jetzt gern wieder hoch.

Mohamed Können Sie es sich vorstellen, dass es möglich sein wird, dass eine gesamte Schulklasse eine Exkursion in den Weltraum macht?

Ja, und zwar zum Mond. In 50 Jahren, wenn da oben die großen Hotels gebaut sind, die ersten Tausenden von Leuten schon da waren und die Exkursionen nicht mehr so teuer sind. Das ist wie bei den Autos: Früher hätte ein Auto nach heutigem Geld eine Million Euro gekostet, heute nur einen Bruchteil davon. Das kann sich fast jeder leisten.

Edwin Wie ist die Stille im Weltall auszuhalten?

Es ist ja gar nicht so still wie Leute immer glauben. Man ist ja in einem Labor. Da laufen Pumpen und sonstiges Gerät. Der Schallpegel ist bei 70 Dezibel. Auf der Raumstation ist etwas leiser, aber immer noch nicht ruhig. Aber übrigens: Die Astronauten, die einen Weltraumspaziergang machen, die erfahren genau diese Situation der Stille. Das muss ein ganz heißes Erlebnis sein. Habe ich leider nicht erlebt.

Folko Sind Sie ein Vorbild für Ihre Kinder?

Für meine Kinder? Da müsste man die fragen. Ich glaube, das hat sich im Laufe der Jahre geändert. Zunächst mal war ich einfach nur Papa, nicht Vorbild oder sonstwas, nur Papa. Dann kam die Zeit, wo ich wahrscheinlich eher „peinlich“ war. Und dann drehte sich das Ganze als die Mitschüler sagten: Kann ich ein Autogramm von Deinem Papa haben? Und da hat mir meine Tochter später gesagt: Da habe ich erst verstanden, dass Du was Besonderes bist. Ob das aber ausgereicht hat, dass sie mich als Vorbild sieht, weiß ich – ehrlich gesagt – nicht.

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