Kultur

Eine Ode an die vielen Spielformen der Freundschaft

Gilla Cremers blickt zurück auf fünf Jahrzehnte Freundschaft. Nur begleitet vom schweigenden Pianisten Gerd Bellmann.

Gilla Cremers blickt zurück auf fünf Jahrzehnte Freundschaft. Nur begleitet vom schweigenden Pianisten Gerd Bellmann.

Foto: Max Winkler

Iserlohn.  Gilla Cremers Stück „#Freundschaft“ hat zwar mit dem Internet nichts zu tun, schafft dafür aber ausdrucksstarke Bilder.

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Ein Theaterstück mit dem Titel „#Freundschaft“, jenem Doppelkreuz, das derzeit so angesagt ist? Das so genannte Hashtag markiert ein Schlagwort, mit dem sich im Internet andere Beiträge zum selben Thema, in diesem Fall „Freundschaft“, finden lassen. So eine Überschrift kann neugierig machen und Theaterbesucher motivieren, sie kann aber auch abschreckend wirken: Was soll das schon sein? Ein Stück über Beziehungen in den sozialen Netzwerken im virtuellen Raum? – Da bleiben wir doch lieber daheim und reden Aug’ in Aug’ mit der besten Freundin, dem besten Freund – mag sich so mancher gedacht haben, denn einige Plätze waren an diesem Abend im Parktheater freigeblieben.

Romantisch und gefühlvoll, fröhlich und ironisch

Schade, denn in Gilla Cremers Ein-Personen-Stück kommt das Internet mit keinem Wort vor. Es ist eine Ode an die herrlich antiquierten Spielformen der Freundschaft – wunderbar romantisch und gefühlvoll, aber auch fröhlich und ironisch. Einfach sehenswert, eine Freude für alle, die noch an die große Liebe glauben – denn nichts anderes ist eine solche Beziehung zwischen Menschen. Dafür braucht es keine Sexualität. Gilla Cremer spielt Ruth, eine sympathisch verrückte Schauspielerin in ihren späten 50ern. Ruth blickt zurück auf fünf Jahrzehnte Freundschaft mit Niwea, Britta und Knut, gespielt von Gerd Bellmann. Er ist der einzige, der an diesem Abend mit auf der Bühne steht, spielt Klavier, singt etwas, schweigt viel und lässt seiner Bühnenpartnerin so Platz zur Entfaltung.

Allein mit ihrer Stimme und spärlichen Accessoires erweckt Gilla Cremer die Freundinnen zum Leben. Der Zuschauer ist dabei, als Niwea und Ruth als 12-jährige Mädchen Blutsbrüderschaft schließen, als sie erst mit roten Klapprädern, später mit Mofas die Gegend erkunden und er erlebt, wie Britta, die große Planerin, Niwea, die Philosophin und Ruth, die noch nicht so genau weiß, was sie ist, in den Ferien fürs Abitur lernen. Eine intensive Zeit, die sie nie vergessen werden. Alles wirkt unheimlich dicht, lebendig und witzig – dieses Trio muss man einfach gernhaben und fiebert der weiteren Entwicklung entgegen.

Lebenselixiere und Todsünden

Die Rückblenden kombiniert die Hamburger Schauspielerin mit Zitaten großer Dichter und Philosophen, denn viel ist zum Thema schon gesagt worden: mal weise wie Albert Einsteins „Ein Freund ist ein Mensch, der die Melodie Deines Herzens kennt und sie Dir vorspielt, wenn Du sie vergessen hast“, mal witzig wie Shaws „Freunde sind die Entschuldigung Gottes für Verwandte“.

Dazu erklärt Gilla Cremer ihre „Sieben Todsünden der Freundschaft“: Macht, Geschäfte machen, Lügen, Missgunst, Neid, Eifersucht und Sex. Dem stellt sie „Sieben Lebenselixiere der Freundschaft“ gegenüber: Humor, Gespräche, Raum lassen, Vertrauen, Respekt, Zeit und Verzeihen. Sie sagt: „Freunde sind Lebenszeugen, sie spiegeln das Leben, das man selbst erlebt hat. In ihren Augen kann man sich selbst finden.“ Bei Niwea, Ruth, Britta und Knut funktioniert das über die Jahre mal besser, mal schlechter: Die Freundinnen sind eingebunden in Beruf, Familie, Beziehungen. Da bleibt wenig Zeit, trotzdem halten sie Kontakt und sind füreinander da, oder wie Ruth sagt: „Wenn alles über Dir zusammenbricht, dann kannst Du auf mich zählen!“ Das gilt bis in den Tod. Und darüber hinaus – wie die letzte Szene des Stücks eindringlich zeigt.

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