Tierschutz

Ein zweites Leben für Christmas

Christmas ist sehr zutraulich und Katja Henschke besonders ans Herz gewachsen.

Christmas ist sehr zutraulich und Katja Henschke besonders ans Herz gewachsen.

Foto: Ralf Tiemann

Iserlohn.  „Rettet das Huhn“: Katja Henschke hat drei ausgediente Legehennen bei sich aufgenommen.

Als Christmas kurz vor Weihnachten zu Katja Henschke kam, war sie in einem jämmerlichen Zustand – kaum Federn am Leib, zerhackter Kamm, ausgezehrt und abgemagert, der Stress von 15 Monaten in der Legebatterie hatten sie sehr nahe an den Tod gebracht.

Nach 15 Monaten bringen Legehennen wie Christmas nicht mehr die volle Leistung, nicht mehr jeden Tag ein Ei. Dann werden diese Hybridhühner, die eigens für die industrielle Landwirtschaft gezüchtet wurden, entsorgt und zu Brühwürfeln oder Tierfutter verarbeitet. Christmas hatte aber Glück. Sie wurde über das Projekt „Rettet das Huhn“ vor dem Gang zum Schlachter bewahrt und durfte ein zweites Leben beginnen. „Es ist eine große Herausforderung, diese geschwächten Hühner über den Winter zu bringen“, sagt Katja Henschke. „Dass Christmas bei ihrem Zustand überhaupt die ersten Tage überlebt hat, war schon erstaunlich“, wundert sich die Iserlohnerin.

Nach einigen Wochen im Haus und einer proteinreichen Mehlwürmerkur hatte sie die Henne aber wieder soweit aufgepäppelt, dass sie mit einem warmen Hühner-Pulli in den mit einer Heizlampe aufgerüsteten Stall konnte. Inzwischen merkt man Christmas ihre Vergangenheit kaum noch an. Sie scharrt und pickt herum, wie die anderen Hühner in Katja Henschkes Garten an der Gustav-Pfingsten-Straße.

Das mit den Hühnern hat bei der 48-Jährigen damit angefangen, dass ihr durch einen Fernsehbericht klar wurde, dass auch der erst so artgerecht klingende Begriff „Bodenhaltung“ die reinste Tierquälerei ist und sie solche Eier einfach nicht mehr essen wollte. Vor acht Jahren hat sie daher ihrer Tochter zur Einschulung vier Hühner geschenkt. „Ich wollte, dass meine Tochter lernt, dass alle Lebewesen Respekt

verdienen“, sagt sie. Es kamen im Laufe der Zeit vier weitere Hühner dazu. Und auch wenn es sich nicht um Hochleistungs-Hybridhühner handelte, war ihr Bedarf an Eiern – wenn auch mit etwas kleineren Exemplaren – gedeckt.

Über eine Freundin, die ebenfalls Hühner hält, hatte sie dann von dem Projekt „Rettet das Huhn“ gehört. Ende 2007 auf private Initiative gegründet hatte „Rettet das Huhn“ gleich auf Anhieb großen Erfolg. Die Begründerin Katja Tiepelmann konnte nahe ihrem Wohnort 500 Hühner aus einer Legebatterie retten. Aus der Initiative wurde ein großer Verein (www.rettet-das-huhn.de) der inzwischen bundesweit 68.036 Hühner an aus Legebatterien vermitteln konnte.

Als der Verein Ende des vergangenen Jahres die

komplette und zum Schlachten verurteilte Belegschaft eines großen Geflügel-Betriebs im Sauerland übernahm und Abnehmer für die gebeutelten Tiere suchte, schlug Katja Henschke zusammen mit ihrer Freundin zu. Mit Käfigen ausgerüstet ging es zu einem Treffpunkt nach Unna, wo die rund 1000 Hühner verteilt wurden. Da darf natürlich nicht jeder kommen. Mit einem Foto vom eigenen Hühnerstall muss man sich bewerben. Und man darf kein Huhn alleine aufnehmen, es müssen gleich mehrere sein. Drei Stück, die sie und ihre Tochter Luna, Bonny und Christmas tauften, hat die Sozialarbeiterin mit nach Hause genommen.

Endlich mit den anderen Hühnern in den Garten

Luna ist ein ziemliches Problem-Huhn, ein Mobber-Huhn, wie Katja Henschke sagt, das sich in der Eierproduktion ohne Hahn und feste Hackordnung recht raue Umgangsformen angewöhnt hat und auf alles einhackt, was ihr in die Quere kommt. Bis heute muss Luna von den anderen Hühnern getrennt in einem eigenen Gehege leben. Bonny ist aber umgänglich und robust, sie konnte gleich zu den übrigen Hühnern, die sich schon seit acht Jahren im Garten tummeln.

Dort ist jetzt auch Christmas mit von der Partie, das schwächste Huhn, das nach der Sonderbehandlung in der warmen Stube aber auch besonders zutraulich geworden und Katja Henschke sehr ans Herz gewachsen ist. Das nach wie vor schwache Tier hat zwar wieder ein weißes Federkleid, ihm fehlt aber noch der Gleichgewichtssinn, kommt die Hühnerleiter nicht alleine hoch und kann auch nicht wie alle anderen auf der Stange sitzen. Und die Lebenserwartung ist vermutlich auch nicht mehr sonderlich hoch – vielleicht noch ein bis zwei Jahre nach den Strapazen des Lebens in der Legebatterie.

Für Katja Henschke steht aber fest, dass Christmas, Bonny und Luna nicht die letzten Hybridhühner waren, die sie auf ihrem kleinen Hühner-Gnadenhof aufnimmt. „Ich mache das aus Tierliebe“, sagt sie. „Ich kann die Welt nicht verändern, aber ich kann versuchen, sie im Mikrobereich ein bisschen besser zu machen.“ Und so viel Arbeit sei das mit den Hühnern ja nun wirklich nicht.

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