Prozessauftakt

Doppelmord in Iserlohn: Angeklagter schweigt

Shpejtim H. wird in den Gerichtssaal geführt und nimmt Platz zwischen Strafverteidiger Andreas Trode und einer Dolmetscherin.

Shpejtim H. wird in den Gerichtssaal geführt und nimmt Platz zwischen Strafverteidiger Andreas Trode und einer Dolmetscherin.

Foto: Michael May / IKZ

Iserlohn/Hagen.  Am Landgericht Hagen hat die für viele Augenzeugen belastende Aufarbeitung des Doppelmordes am Stadtbahnhof Iserlohn begonnen.

Ein halbes Jahr nach den tödlichen Messerstichen am Stadtbahnhof hat vor dem Hagener Schwurgericht die juristische Aufarbeitung in öffentlicher Verhandlung begonnen. Den angeklagten 44-jährigen Kosovo-Albaner Shpejtim H. erwartete im Gerichtssaal ein Blitzlichtgewitter: Nach wie vor zieht der Fall bundesweit Aufmerksamkeit auf sich. Für den Prozessauftakt hatte die Vorsitzende Richterin Heike Hartmann-Garschagen angeordnet die Sicherheitsmaßnahmen am Landgericht zu verschärfen, denn im Vorfeld hatte es Hinweise auf einen Blutracheschwur aus Familienkreisen des männlichen Opfers gegeben.

Staatsanwalt Michael Burggräf verlas die Anklageschrift: Shpejtim H. soll seiner getrennt lebenden Ehefrau Nafije H. und deren neuen Partner Amir N. über Stunden am Bahnhof mit einem Messer aufgelauert und die beiden aus niedrigen Beweggründen getötet haben, da er seine Ehefrau als sein Eigentum betrachtet und sich von seinem Nebenbuhler beraubt gesehen habe. Diesen soll er mit insgesamt 71 Messerstichen auf grausame Weise getötet haben. Von dem im Sterben liegenden Amir N. soll der 44-Jährige außerdem mit seinem Mobiltelefon zwei Fotos gemacht und diese per Whatsapp verschickt haben.

Verteidiger beschreibt Täter als „höflich und korrekt“

Der Angeklagte – leicht untersetzt, lichtes Haar, er wirkt eher wie in seinen 50ern – wohnt diesem ersten Verhandlungstag schweigend und ohne sichtbare Regung bei. Während er zunächst nahezu unbeteiligt wirkt, verfolgt er die spätere Vernehmung von insgesamt sieben Zeugen des Tatgeschehens aufmerksam und fragt gelegentlich bei seiner Dolmetscherin nach. Strafverteidiger Andreas Trode beschreibt seinen Mandanten als „höflichen, freundlichen und korrekten Menschen“. Als ein Laptop auf der Anklagebank an die Steckdose angeschlossen werden muss, bückt sich Shpejtim H. unter den Tisch, was für Gemurmel im Saal und leichte Irritation bei den Richtern sorgt.

Prozess um Doppelmord am Iserlohner Stadtbahnhof
Prozess um Doppelmord am Iserlohner Stadtbahnhof

Dieses Bild höflicher Gelassenheit steht in krassem Gegensatz zu den Schilderungen der Augenzeugen. Sie ähneln sich in der Darstellung, wie der milde Samstagnachmittag in der Innenstadt für die Zeugen unvermittelt zu einem Albtraum wurde. Bei den ersten Schreien im Parkhaus dachten die meisten zunächst an Kinder oder streitende Jugendliche. „Wir haben noch gescherzt über unser dubioses Treffen im Parkhaus“, erinnert sich ein ­33-jähriger Sozialpädagoge aus Hamm, der wie andere Zeugen auf dem Weg zu einer Trauung in der Obersten Stadtkirche war.

Eine ­49-jährige Industriekauffrau aus Hagen zeigt sich entsetzt von der „Hassenergie“, mit der der Täter auf sein am Boden liegendes Opfer eingestochen habe. Eine 58-jährige Altenpflegerin aus Unna sagt: „Das Schlimmste war die Siegespose, die er am Ende einnahm, als wollte er sagen: ,Ich habe es geschafft.’“

Die Vorsitzende befragt im Zeugenstand auch zwei Amtskollegen, eine 23-jährige Richterin aus Hamm und einen 33-jährigen Richter aus Arnsberg, die ebenfalls als geladene Hochzeitsgäste unfreiwillige Zeugen der Tat wurden. Letzterer beschreibt, wie er die knapp zwei Monate alte Tochter des getöteten Paares aus deren Auto im Parkhaus in Sicherheit brachte: „Ich hörte das Kind schreien und ging zu dem roten Ford, sobald mir die Gefahr für mich selbst weniger akut erschien. Das Baby ist in meinen Armen eingeschlafen, eine halbe Stunde später habe ich es einem Feuerwehrmann übergeben.“

Die Vernehmungen sind für die Zeugen eine spürbare Belastung, nicht wenige ringen mit den Tränen. „Es war schrecklich“, sagt eine. „Ich habe versucht, das zu vergessen“, erklärt ein anderer mit stockender Stimme. Der Retter des Kindes bringt es nicht über sich, zur genauen Klärung des Hergangs Fotos vom Tatort anzusehen und wirkt darüber beschämt. Auch ein kerniger ­59-Jähriger mit Lederjacke, der bei seinem Bericht noch recht abgeklärt wirkt, gerät bei der Frage nach den Fotos ins Zögern.

Das Gericht bemüht sich, die Zeugen zu schonen, ist jedoch für die Rekonstruktion des Tatgeschehens, das in dieser Phase der Verhandlung im Mittelpunkt steht, darauf angewiesen, dass sich die wichtigsten Augenzeugen noch einmal mit dem Geschehenen konfrontieren. Ein Hemeraner berichtet, wie er versuchte, den Täter von seinem grausigen Werk abzubringen „Ich habe ihn rechts an der Schulter gepackt und wollte ihn vom Opfer wegziehen. Da hat er das Messer auf mich gerichtet.“

Ein Zeuge berichtet, wie er Shpejtim H. stoppen wollte

Auf die Frage, was ihn dazu bewogen habe sich derart in Gefahr zu begeben, reagiert der Hemeraner bescheiden: „Weil man nicht einfach zuguckt, wenn so etwas passiert.“ Nach einem zweiten erfolglosen Versuch habe er aufgegeben, denn er sei überzeugt gewesen, dass Shpejtim H. ihn zwar nicht „eliminieren“ wollte, ihn aber ohne zu zögern verletzt hätte, um sich von dem Störenfried zu befreien. Schließlich habe der Täter das Messer von selbst weggeworfen: „Er wirkte zufrieden mit dem, was er getan hatte.“

Die Rechtsanwältin Frauke Hartung von der Kanzlei Winter aus Bergisch Gladbach vertritt bei dem Prozess als Nebenklägerin die Familie des getöteten Amir N., äußerte sich am Dienstag im Verfahren selbst aber noch nicht zu Wort. Shpejtim H. muss damit rechnen, wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt zu werden. Sollte das Gericht überdies eine besondere Schwere der Schuld feststellen, würde die Möglichkeit, nach 15 Jahren erstmalig einen Antrag auf vorzeitige Entlassung zu stellen, entfallen. Der Prozess wird am Freitag, 21. Februar, fortgesetzt.

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