Gesellschaft

Die „Werkstatt“ ist einmalig im ganzen Land

Der NRW-Grünen-Chef Felix Banaszak

Foto: Ralf Tiemann

Der NRW-Grünen-Chef Felix Banaszak Foto: Ralf Tiemann

Iserlohn.   Grünen-Landeschef Felix Banaszak macht bei seiner Zusammenhalts-Tour in der südlichen Innenstadt Halt

So viel und so intensiv zugehört wie heute, habe er bisher nur selten, sagt Felix Banaszak. Seit März befindet sich der neue Vorsitzende der nordrhein-westfälischen Grünen auf seiner Zusammenhalts-Tour durch das ganze Land. Viele Stationen und soziale Einrichtungen, die dem zunehmenden Zerfall der Gesellschaft entgegen wirken, hat er dabei schon besucht. Die letzten anderthalb Stunden gehörten aber der „Werkstatt im Hinterhof“, und dass diese Anlaufstelle für Drogenkranke einen besonders tiefen Eindruck bei ihm hinterlassen hat, ist dem 28-Jährigen deutlich anzumerken.

In Gesprächen mit dem Leiter der AWO-Einrichtung, Achim Rabenschlag, und der angeschlossenen Ärztin Martina Harbrink-Schlegel, die knapp 200 Drogenkranke aus dem ganzen Märkischen Kreis mit der Ersatzdroge Methadon versorgt, hat er die in 30 Jahren gewachsene Nähe in der „Werkstatt“ kennen gelernt, den geschützten Rückzugsort für Junkies und viele der erschütternden Geschichten der dort Gestrandeten.

Besonders beeindruckt war er aber von dem dichten Netz der sozialen Hilfeleistungen in Iserlohn, das gerade hier – ganz am unteren Ende der Gesellschaft – deutlich sichtbar wird. „Das soziale Gehirn Iserlohns funktioniert ziemlich gut“, brachte Rabenschlag die seit vielen Jahren laufenden Bemühungen der Stadt auf den Punkt, alle, die durch das Netz zu fallen drohen, irgendwie aufzufangen. Die „Werkstatt“ ist teil diese Netzes und bietet Zugang zu sozialen und medizinischen Hilfen, tritt in Kontakt mit der Wohnungslosenhilfe, der Schuldnerberatung und anderen Stellen.

„Ich komme aus Duisburg“, sagt Felix Banaszak. Um die Drogenszene dort in den Griff zu bekommen, falle der Stadt nach wie vor nur Vertreibung ein. Zuletzt habe sie versucht mit einem generellen Alkoholverbot die Innenstadt sauber zu bekommen. Eine Einrichtung wie die „Werkstatt“ sei aber nicht nur aus Duisburger Sicht, sondern nach seinen bisherigen Erfahrungen landesweit einmalig.

Wo drückt in den Sozialeinrichtungen der Schuh

Besonders interessiert sich der neue Grünen-Chef aber dafür, wo bei solchen Einrichtungen, die für gesellschaftlichen Zusammenhalt sorgen, der Schuh drückt. An welchen Stellen sie behindert werden. Und wie aus Sicht der Experten vor Ort Sozialpolitik weiterentwickelt werden sollte. Dazu ist er landauf landab bis zur Sommerpause unterwegs, um dann sein Erfahrungen in einem Papier zu bündeln.

In Iserlohn hat er dafür wichtige Anregungen erhalten. „Wir wühlen hier täglich im Elend“, sagt Dr. Martina Harbrink-Schlegel und richtet den Blick auf die menschliche Dimension ihrer Arbeit. Sie stoße sich dabei immer wieder an der Bürokratie in Deutschland, an dem Denken in reiner Wirtschaftlichkeit und Budgetierungen. So könne man derartige Probleme nicht angehen. Und Achim Rabenschlag erklärte erneut, dass die Strafverfolgung von Drogenkranken einfach nicht hilfreich sei. „So kommen wir keinen Schritt weiter. Wir müssen die Richtung ändern und uns fragen, was will die Gesellschaft mit diesen Menschen.“ Den Leuten Methadon zu geben und als erledigt abzuhaken reiche nicht. Das sei scheinheilig und mache seine Arbeit zu einer Art Sterbebegleitung. Es fehle aber einfach an der Lobby.

Neun Todesfälle unter seinen Besuchern hat Achim Rabenschlag in diesem Jahr schon zu beklagen – Drogenkranke im Alter von 25 bis 50 Jahren. Bei 15 Todesfällen liegt der bisherige Jahreshöchstwert. Es sei zu hoffen, dass dieser Wert aktuell nicht überboten werde. Zumal die Räumung der Fabrik bereits Wirkung zeige. Die Szene verteile sich spürbar in der näheren Umgebung.

Die Leute tun nun das, was sie tun müssen, nicht mehr in dem geschützten Raum der Fabrik. Und mit den neuen Plätzen für Drogenhandel und -konsum, könne durchaus auch die Qualität des Stoffes sinken. Rabenschlag hofft, dass sich das nicht negativ auf die Sterbequote auswirkt.

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