Vor 75 Jahren

Die Nacht, als eine große Luftmine explodierte

Friedrich Hönecke vor dem Haus Am Hochbehälter 8. Vor genau 75 Jahren wurden hier die Gebäude durch eine Luftmine schwer beschädigt, nichttragende Wände wurden eingedrückt.

Friedrich Hönecke vor dem Haus Am Hochbehälter 8. Vor genau 75 Jahren wurden hier die Gebäude durch eine Luftmine schwer beschädigt, nichttragende Wände wurden eingedrückt.

Foto: Stefan Drees / IKZ

Iserlohn.  Nach genau 75 Jahren erinnert sich Friedrich Hönecke an dramatische Ereignisse rund um die Straße „Am Hochbehälter“.

„Ich habe gute Erinnerungen an meine Kinderzeit“, berichtet Friedrich Hönecke, Jahrgang 1934. Und dabei schließt er auch die Zeit ein, die er mit seiner Mutter und seinen Brüdern in der Straße Am Hochbehälter, Haus Nummer 8, verbracht hat. Dort haben wir uns mit ihm zum Gespräch getroffen. „Es fuhren damals kaum Autos, viele Grundstücke waren noch unbebaut“, erinnert sich Hönecke. Genug Platz zum Spielen, Schlagball, Räuber und Gendarm. An dieser Einschätzung ändert auch der Umstand nichts, dass die Höneckes als einzige in der Straße noch auf ein Plumpsklo angewiesen waren. Einen tiefen Einschnitt gab es aber doch. Es ist der 2. Dezember 1944, also vor 75 Jahren, abends gegen 21 Uhr. Friedrich Hönecke schläft bereits, wie die Brüder, fünf und drei Jahre alt. Wach werden sie durch einen unvorstellbar lauten Knall.

Barfuß über unzähligeGlasscherben gelaufen

Es muss eine gewaltige Explosion gegeben haben. Alle Fenster sind geborsten, Glassplitter fliegen umher, sogar die nichttragenden Wände der Mietwohnung stürzen um wie bei einem Kartenhaus. Nichts wie raus! Friedrich Hönecke hat nur seinen Schlafanzug an und er ist barfuß. Warum er sich an dieses Detail erinnert? Als die Familie mit der verletzten Mutter auf die Straße rennt, liegen überall Scherben. Später wundert er sich, dass er keine Schmerzen verspürt hat, als er barfuß über die Scherben läuft. Und dass er nicht gefroren hat. Den Begriff „Schock“ kennt er damals noch nicht, aber so muss es wohl gewesen sein. Etwas Schutz finden die Höneckes im Eingangsbereich einer nahe gelegenen Turnhalle. Schließlich werden sie in eine Wohnung an der unteren Wolfsgasse gebracht. Die verletzte Mutter und einer der Brüder kommen später ins Krankenhaus, Friedrich Hönecke und der jüngste Bruder in ein Kinderheim bei Meschede. Noch vor Weihnachten 1944 kommt die Familie aber wieder zusammen, findet Unterschlupf bei Verwandten in Unna, woher die Höneckes auch ursprünglich stammen.

Was war in der Nacht des 2. Dezember 1944 geschehen? Friedrich Hönecke vermutet, dass es sich um den Verlegenheitsabwurf einer Luftmine gehandelt hat. Luftmine deshalb, weil später kein Bombentrichter im Bereich des Hochbehälters zu entdecken war. Die Zerstörungen aber waren immens, praktisch die gesamte südliche Häuserzeile, so Friedrich Hönecke, sei stark beschädigt gewesen. Tote? Seine Mutter habe erzählt, dass es in einer anderen Familie wohl ein totes Kind gegeben habe. Und bei seiner Mutter kann sich Friedrich Hönecke noch an ein Detail erinnern. Sie muss wohl in großer Zahl kleinste Glassplitter in die Kopfhaut abbekommen haben. Die hätten sich vermutlich eingekapselt, im Laufe der Jahre seien dann immer wieder noch Splitter zurück ans Tageslicht gekommen.

Wie kamen die Höneckes nach Iserlohn? Der Vater war Stadtwachtmeister in Unna, konnte dann aber beim Finanzamt Iserlohn in den Sekretärsdienst eintreten. 1939 folgte der Umzug in die besagte Mietwohnung am Hochbehälter. 1941 wurde der Vater zum Militär einberufen, erst nach Kriegsgefangenschaft kam er zurück, 1946 konnten die Höneckes dann eine intakte Wohnung an der Sporenstraße beziehen, dort gab es sogar eine Toilette mit Wasserspülung. Bis dahin hatte Friedrich Hönecke aber noch einige Herausforderungen zu bestehen. Um wieder die Oberschule in Iserlohn besuchen zu können, wohnte er vom Januar 1945 bis zum vorläufigen Schulschluss im März 1945 bei im Prinzip fremden Leuten am Südengraben. „Für mich war das eine schwere Zeit“ erinnert sich Hönecke. Nach Schließung der Schule ging es zunächst zurück nach Unna, die letzten fünf Kilometer zu Fuß. Und dabei geriet der damals Zehnjährige erneut in einen Bombenangriff, Ziel war offenbar eine Eisenbahnbrücke. „Bis auf eine Entfernung von 100 Metern zu mir schlugen die Bomben ein“, berichtet Hönecke. Dann gibt es nochmals ein kurzes Kapitel am Hochbehälter, eine notdürftig hergerichtete andere Wohnung dient als Quartier. Friedrich Hönecke erlebt in den folgenden Monaten einiges, was auch andere seiner Generation erlebt haben: beispielsweise Hamsterfahrten. Der Speisezettel erfährt dadurch allerdings nur bedingt eine Aufwertung. Eine „Mahlzeit“, die Hönecke offenbar nicht vergisst: „Ich erinnere mich deutlich an ein Mittagessen, dass nur aus gequollenen Weizenkörnern und Brennnesselspinat bestand.“

Friedrich Hönecke besucht dann aber auch wieder das Märkische Gymnasium, unterrichtet wird auch in Räumen des Mädchengymnasiums. Die einen haben vormittags, die anderen nachmittags Unterricht. 1954 legt Friedrich Hönecke die Abiturprüfung am MGI ab, studiert danach Evangelische Theologie und Mathematik in Münster und Göttingen (mit Stipendium der Friedrich-Kirchhoff-Stiftung). Und er kehrt von 1959 bis 1960 zurück nach Iserlohn, als Studienreferendar am MGI. Nach weiteren Stationen im Schuldienst wird er dann 1968 in Oerlinghausen sesshaft. Er wird am dortigen Gymnasium stellvertretender Schulleiter, 1996 geht er in den Ruhestand. Gelegentlich hat er auch seinen Schülern aus der Zeit des Krieges berichtet. Heute sagt Friedrich Hönecke: „Wir hätten unseren Eltern mehr Fragen stellen sollen.“ Um noch viel mehr Antworten zur damaligen Zeit zu bekommen.

Ab und an ist Friedrich Hönecke auch heute noch in Iserlohn, es gibt Verwandtschaft. Und bis vor drei Jahren hat es regelmäßige Treffen der mathematischen Klasse des Abiturjahrgangs gegeben.

Auch Schäden an derAloysiuskirche

Auch das Iserlohn-Lexikon erinnert in wenigen Zeilen an den 2. Dezember 1944: „Bombenabwürfe im Bereich Bergstraße und Lange Hecke.“ In den „Beiträgen zur Iserlohner Geschichte“ (Band 19, Seite 216, Autor Alfons Christophery) gibt es ausführlichere Informationen. Demnach seien im Rahmen eines Großangriffs auf Hagen auch einige Bomber über Iserlohn geflogen. Bomben wurden demnach über Bergstraße und „An der langen Hecke“ abgeworfen, erwähnt wird ebenso die besagte Luftmine, die im Bereich Hochbehälter auf dem Hardtrücken explodierte. In dem Beitrag wird von einer „Anzahl Toter“ gesprochen, Schäden habe es auch noch an der nahe gelegenen Aloysiuskirche geben, Schaufensterscheiben in der Stadt seien zerborsten, genauso an Werkswohnungen am „Thomees Kamp“ sowie der östlichen Seite der Fabrik Chris-tophery.

Insgesamt hat Iserlohn den 2. Weltkrieg aber relativ unzerstört überstanden. Im Iserlohn-Lexikon ist von insgesamt elf Luftangriffen die Rede, ein wirklich flächendeckendes Bombardement habe es aber nie gegeben. Fast wäre es wohl in den letzten Kriegstagen dazu gekommen, die Kapitulation vereitelte das aber. Die Bilanz der Kriegszerstörungen in Iserlohn: von 11.322 im Jahre 1939 vorhandenen Wohnungen wurden nur 75 völlig zerstört. Mittlere Beschädigungen wurden 348 verzeichnet, leichte Beschädigungen 4500 (Quelle Iserlohn-Lexikon). Warum hat es nicht mehr und auch heftige Luftangriffe auf Iserlohn gegeben, so wie in vielen anderen Städten der damaligen Größenordnung Iserlohns auch? Der Iserlohner Historiker Wolf R. Seltmann berichtet von einer These, die allerdings nicht klar belegt werden kann: Die Alliierten hätten die Infrastruktur der Garnisonsstadt Iserlohn mit seinen Kasernen halbwegs geschont, um hier später Strukturen für die Besatzungszeit nutzen zu können. In der Tat gab es nur wenige Angriffe auf Kasernen.

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