Glück

Die Kunst, das Leben „inder-leicht“ zu nehmen

Empathie, Harmoniebedürfnis, Eloquenz, Wissen, Ausstrahlung, Aussehen – die Mischung hilft bei Coach, Motivationstrainer, Autor und Bühnen-Aktivist Biyon Kattilathu mit Sicherheit auf dem Weg nach oben.

Foto: Thomas Reunert

Empathie, Harmoniebedürfnis, Eloquenz, Wissen, Ausstrahlung, Aussehen – die Mischung hilft bei Coach, Motivationstrainer, Autor und Bühnen-Aktivist Biyon Kattilathu mit Sicherheit auf dem Weg nach oben. Foto: Thomas Reunert

Iserlohn.   Dr. Biyon Kattilathu bleibt wohl immer ein Suchender. Ein Gespräch über Glück und was er sonst schon so gefunden hat

Eigentlich sollte Dr. Biyon Kattilathu einen eher europäisch klingenden Vornamen bekommen. Nämlich Björn! Doch als sein Vater stolz diesen Namen der Großmutter in Indien präsentieren wollte, gab es bei der alten Dame mangels Umlaut-Erfahrung nicht unerhebliche Ausspracheprobleme. Immer wenn sie „Björn“ sagen wollte, klang es eben wie „Biyon“. Das ist aber wohl nur eine gediegene Episode im bis jetzt wohl schon ganz schön außergewöhnlichen Leben des viel und oft strahlenden Hageners. Es folgt der Versuch zu erklären, warum der studierte Wirtschafts-Ingenieur, Doktor des Marketingthemas „Kundenpsychologie“, Coach, Seminar-Redner und heftig strahlende Bühnen-Aktivist sein eigener Beweis ist, dass seine Motivationsmethoden am Ende offensichtlich auch funktionieren.

Biyon Kattilathu gibt den Glückstipp

Der Motivationscoach aus Hagen hat wohl bis dato ein Inder-leichtes Leben gehabt. Das so erfahrene Glück möchte er gerne anderen Menschen weitergeben.
Biyon Kattilathu gibt den Glückstipp

Herr Dr. Kattilathu, dürfen wir vorne anfangen? In Ihrer Biografie ist zu lesen, dass Sie mit sechs Jahren erstmals über sich selbst ins Grübeln gekommen sind. Wie lange ist das her, wo und warum war das so?

Das ist jetzt 27 Jahre her.

Heißt, Sie sind jetzt 33.

Stimmt. Gut gehalten, oder? Behaupte ich jetzt einfach mal. Obwohl es ja hier auch ziemlich dunkel ist.

Ist schon in Ordnung. Auch bei mehr Licht sehen Sie ja wahrscheinlich ziemlich gut aus. . .

Zurück zu Ihrer Frage. Auch mit sechs Jahren ist man schon mit verschiedenen Herausforderungen konfrontiert. Man ist zwischen zwei Kulturen aufgewachsen. Meine Eltern sind in den 70er Jahren aus Indien gekommen. Da ist man sich zwischen der indischen und der deutschen Kultur nicht ganz schlüssig, wohin man gehört. Aber auch die Frage: Warum sehe ich denn anders aus als andere in der Schulklasse? Das löst die ersten Reflexionen aus.

Noch einmal kurz zum Verständnis: Warum sind Ihre Eltern nach Deutschland gekommen?

Es gab gerade auch hier in der Region in den Siebzigern einen echten Pflegenotstand. Da wurden händeringend vor allem examinierte Krankenschwestern gesucht. Und aus dem südindischen Kerala auch in die Region geholt. Da kam auch meine Mama mit ganz vielen Freundinnen ganz mutig im zarten Alter von 18 Jahren hier hin. Daraus entstand dann der Plan, erst einmal ein paar Jahre hier zu bleiben. Dann kam mein Vater auch nach. Und dann kam mein Bruder auf die Welt, also wollte man den Kindergarten noch abwarten. Und daraus sind jetzt über 40 Jahre geworden.

Was hatte Ihr Vater für einen Beruf?

Er hat im Krankenhaus-Labor gearbeitet.

Wie haben Ihre ersten Selbstfindungs-Prozesse auf Ihre Eltern gewirkt?

Ich bin mir gar nicht so sicher, ob die das so realisiert haben. Ich wurde sehr liberal und demokratisch erzogen. Ich musste ja zu Hause auch immer Deutsch sprechen. Deswegen spreche ich ja ziemlich schlecht Indisch. Es war ihnen einfach immer wichtig, dass ich mich hier integriere, dass ich mich als Deutscher wahrnehme. Aber gerade eben auch in der Grundschule, wenn man beginnt, sich zu hinterfragen, bekommt man aufgrund der gefühlten Andersartigkeit eine latente Unzufriedenheit. Diese aufgestaute Energie haben meine Eltern schon gespürt, und da hat mein Vater – weil ich immer schon ein Fan von Bruce-Lee-Filmen war – mich im Taekwondo-Verein angemeldet

Ich vermute, Ihre Eltern kommen aus einfachen indischen Verhältnissen. War es da auch immer dieser Wunsch von Ihnen, es von Anfang an einmal besser haben zu wollen als die Mutter oder Vater?

Ich denke eher, dass es anders herum war. Meine Eltern haben gedacht, dass ich es mal besser haben soll als sie. Ich selbst habe das ja gar nicht so wahrgenommen. Ich hatte ja gar nicht den Vergleich zwischen reich und arm. Aber da war auch noch der Hauptgrund, warum meine Eltern letztendlich überhaupt hier geblieben sind: die Schulbildung und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten. In Indien müssen Sie sich das so vorstellen: Der Sohn vom Richter wird Richter. Und der Sohn vom Arzt wird Arzt. Es ist fast unmöglich, aus dem Dorf heraus oder mit wenig Mitteln Abitur zu machen oder zu studieren. Und meine Eltern haben hier gemerkt: Wow, wenn du fleißig bist, kannst du hier Abitur machen. Übrigens: Als Sohn eines Inders wirst du hier idealerweise übrigens Arzt oder Ingenieur. Ich bin ja im ersten Beruf auch in der Tat Ingenieur, und mein Bruder ist Arzt.

Haben Sie immer bewusst dafür gearbeitet, hier dazuzugehören? Mutter Teresa sagt: „Das Schlimmste sind nicht Pest und Cholera; das Schlimmste ist, von niemandem beachtet und geliebt zu werden“. Und sie sagt auch: „Einsamkeit und das Gefühl, unerwünscht zu sein, sind die schrecklichste Armut“. Kämpfen Sie seit Ihrem sechsten Lebensjahr dagegen an?

Ich glaube, Ignoranz oder fehlende Anerkennung ist für keinen Menschen schön. Aber ich wurde als Kind ja nicht gemieden, hatte viele Freunde. Allerdings waren die meisten natürlich hellhäutig, und man hat da schon etwas sensibel auf die eine oder andere Äußerung reagiert. Ich habe als Kind auch oft gedacht: Wäre ich heller, hätte ich weniger Probleme. Das führte manchmal auch zu einer Art Opferrolle. Warum schimpft der Lehrer jetzt gerade mit mir? Wahrscheinlich, weil ich der Dunkle in der Klasse bin. Es hat aber auch meinen Ehrgeiz noch weiter angestachelt. Auch im Sport. Der zweite Platz war für mich der erste Verlierer. Aber auch das stammt übrigens aus der indischen Kultur. Es gibt 1,3 Milliarden Inder. Und egal, ob es um den Studienplatz, die Wohnung oder die begehrenswerte Frau geht – es ist immer ein großer Konkurrenzkampf und -druck da.

Der kleine Junge, der immer Klassenkeile bekommt und darüber nicht selbst zum Charakter-Tier wird, sondern Menschen nach einem Treffen mit ihm glücklicher ins Leben entlassen lassen will. Das klingt wirklich fast wie ein Filmstoff für Hollywood und Bollywood. Mit dem indischen George Clooney in der Hauptrolle?

(lacht) Da würde ich jetzt nicht widersprechen. Aber klingt das wirklich paradox? Ich kann das auch ein bisschen erklären über die Jahre, die dazwischen liegen. Also zwischen dem Sechsjährigen und dem heutigen Mann. Es waren Jahre, in denen ich mich ein wenig auf der Kippe, auf der falschen Bahn befunden habe. Falsche Freunde, relativ ungünstiges Umfeld, Entscheidungen, die vielleicht nicht so toll waren. Mir hat das Leitbild gefehlt. Und auch die Mittel, mir Bücher zu kaufen oder Seminare zu besuchen. Da habe ich angefangen, in der Stadtbücherei zu lesen. Jeden Tag. Zum Beispiel über Dale Carnegie (geb.1988, US-amerikanischer Kommunikations- und Motivationstrainer im Bereich des positiven Denkens - d. Red.). Eigentlich jedes Buch, von dem ich gespürt habe: Ey, das tut mir irgendwie gut! Und plötzlich hat es „klick“ gemacht, und ich habe gedacht: das Glück, das ich selbst hatte, das möchte ich jetzt zurückgeben.

Wie zwingt man sich als Jugendlicher zu positivem Denken?

Zwang ist natürlich immer ein schlechtes Mittel. Alter, Religion, Geschlecht – das ist alles nebensächlich. Es geht vielmehr um Werte, um Selbstreflexion, den Blick nach innen. Jugendliche suchen oft das schnelle Glück im Außen. Die neuen Schuhe, der neue Wagen. Man baut „Wenn-dann-Beziehungen“ auf: Wenn ich mehr Geld habe, dann bin ich glücklich. Ich versuche aber auch zu vermitteln: Dankbar zu sein, ist cool.

Sie waren Deutscher Meister im Taekwondo, jüngster Schwarzgurt-Träger ever. Nun sagt aber eines Ihrer Vorbilder, Mahatma Gandhi: „Stärke rührt nicht von körperlicher Leistungsfähigkeit her. Sie geht von einem unbezähmbaren Willen aus“. Was will Ihr Wille? Von Ihnen und vom Leben?

Auch die Erfolge im Kampfsport hängen in der Tat sehr stark mit mentaler Stärke zusammen. Aber ich lebe eben auch nach einem Leitspruch meiner Eltern: Wenn Du die Welt einmal verlässt, verlasse sie etwas schöner als Du sie vorgefunden hast“. Diesem Willen ordnete ich alles unter.

Buddha sagt: „Es gibt nur eine Zeit, in der es wesentlich ist aufzuwachen. Diese Zeit ist jetzt.“ Haben Sie das Gefühl, dass die Selbstzweifel bei den Menschen derzeit boomen?

Wahrscheinlich muss man die Gesellschaft etwas unterteilen. Die junge Leute, die mit Social Media aufgewachsen sind, zweifeln in der Tat viel an sich, sie neigen zu latenter Unzufriedenheit, wollen immer mehr, sind rastlos, sie vergleichen sich viel, viel mehr sich mit anderen. Wobei eine leichte Unzufriedenheit natürlich durchaus auch eine Triebfeder für eigenes, zielgerichtetes Handeln sein kann.

Offiziell findet man nirgendwo Ihr Alter. Liegt das daran, dass der Inder sagt: „Das Alter ist eine Sache der Ansicht; wenn man sich nicht daran stört, spielt es keine Rolle?“ Ist Ihnen Ihr Alter egal?

Ich bin ein Fan vom Hier und Jetzt. Alter ist eine Zahl. Zukunft ist nur eine Illusion, ein zukünftiges Jetzt.

Sie haben eine ganz besondere Einstellung zu gemachten Fehlern. Ist schnelles Abhaken das oberste Gebot? Und kann man Abhaken lernen?

Das kann man lernen. Hadern bringt ja nichts. Gedanken, die wir interpretieren oder aus denen wir eine Story basteln, machen uns eher unglücklich.

Wann waren Sie zum letzten Mal richtig sauer auf sich selbst?

So richtig sauer? (lange Pause) Ich bin zwar in der Tat kritisch mir gegenüber, aber so richtig sauer? Kann ich mich nicht dran erinnern.

Sind Sie eitel?

Was meinen Sie damit?

Achten Sie auf sich? Ich kenne ja nun nicht viele Inder, aber Sie sehen schon ziemlich gut aus, machen viel Sport, sind modisch gekleidet.

Es geht aber immer um die Motivation dahinter. Sport an sich ist für einen selbst wichtig. Nicht für andere. Aber der eigene Auftritt ist in meinem Fall schon darauf ausgelegt, dass man die Menschen auch erreicht. Es geht aber eben nicht nur um Aussehen, sondern auch um Qualität.

Sie haben aber bei Ihren Videos vermutlich deutlich mehr weibliche Follower.

Die Dunkelziffer bei den Männern ist da allerdings sehr hoch. Viele denken, dass sie als schwach gelten, wenn sie sagen, dass sie Motivationsvideos schauen.

Noch eine indische Weisheit gefällig? Ich hatte keine Schuhe und beschwerte mich darüber, bis ich einen Mann traf, der keine Füße hatte. Würden Sie sich als bescheiden oder demütig bezeichnen?

Ja. Obwohl es gar nichts bringt, wenn man sich vergleicht. Es gibt sieben Milliarden Realitäten auf der Welt. Man muss die Karten, die man bekommt, annehmen und das beste Spiel daraus machen.

Ist fehlende Dankbarkeit eines der Kernprobleme unserer Gesellschaft?

Dankbarkeit ist in der Tat ein Wert, der viel mehr gelebt werden sollte. Ich habe meinen Handy-Wecker umprogrammiert. Er weckt mich morgens mit dem Satz „Ich bin dankbar für…“ Und die Beispiele, die mir dann sofort einfallen, lassen mich glücklicher den Tag beginnen.

Ist nicht auch unsere Zögerlichkeit ein Problem? Unsere Angst und unsere Hemmung, das, was wir wollen, auch wirklich einfach mal zu tun?

Angst ist ein Thema. Angst ist aber natürlich grundsätzlich auch erst einmal nicht schlecht, hat evolutionär ihre Berechtigung. Die Ängstlichen haben überlebt. Aber Angst vor Entscheidungen ist in der Tat ein Problem. Aber auch keine Entscheidung zu treffen ist ja übrigens eine Entscheidung. Wussten Sie, dass Menschen, wenn man sie fragt, was sie in ihrem Leben am meisten bereuen, Ihnen in der Regel Dinge sagen, die sie nicht getan haben. Und nicht Dinge, die sie getan haben.

Sie sagen, wir orientieren uns zu sehr an unseren Mitmenschen. Wir seien der Durchschnitt der fünf Menschen, die am meisten um uns herum sind. Wollen Sie aus jedem Menschen einen Einzelkämpfer für das Glück machen?

Ganz und gar nicht. Ich plädiere lediglich dafür, sich Gedanken über sein Umfeld zu machen. Sind da viele negative Menschen, wird das auch auf mich abfärben. Ich sollte mich also fragen: Bin ich auch bereit, mich einem neuem positiveren Kreis zu öffnen, neue Menschen kennenzulernen? Bereit, einmal die Komfortzone zu verlassen?

Noch einmal zurück zu den Wurzeln: Ist das Leben in dem Land Ihrer Väter wirklich „inder-leicht“?

Wahrlich nicht. Der Begriff stammt eher aus meinen Marketing-Seminaren. Das Leben in Indien ist alles andere als inder-leicht. Ich war in den Slums von Mumbai, habe mit vielen Menschen gesprochen, Schicksale erfahren, habe mich gefragt: Wie kann das sein, dass diese Menschen nichts, die aber auch gar nichts haben, trotzdem lächeln, trotzdem nicht in die Städte laufen, um Gewaltakte zu vollziehen? Warum haben die einen so großen Familienzusammenhalt? Welche Werte haben die überhaupt?

Geraten der deutsche und indische Binyou auch heute noch manchmal in Konflikt?

Ich glaube, ich vereine die beiden Welten ganz gut. Ich habe ja ohnehin die Grundüberzeugung, dass jeder Mensch zunächst einmal gut ist. Okay, ich bin jetzt etwas dunkler als Sie, aber alle Grenzen sind letztendlich von Menschen geschaffen. Hier bin ich oftmals der Inder, in Indien bin ich eben der Deutsche.

Was kann oder muss man eigentlich machen, um Sie wütend zu bekommen?

Ungerechtigkeit und Vorurteile mag ich nicht. Aber Wut und Beleidigungen, die auch ich abkriege, nehme ich nicht wirklich persönlich. Obwohl mich Vorurteile auch wütend machen können. Beim Studium in Dortmund bin ich in fünf Diskotheken nicht reingekommen.

Schlussfrage für heute: Gehen Sie aus diesem Gespräch glücklicher raus, als sie reingegangen sind?

Auf jeden Fall. Ich genieße jede Begegnung mit Menschen. Ohne Ihre Fragen hätte ich diese Reise in mein Ich heute vermutlich nicht gemacht.

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