Kultur

Die Faszination der Iserlohner Bauernkirchen-Orgel hält an

Vom großen Interesse war Orgelbauer Matthias Wagner mehr als überrascht: So manche Zuhörer mussten das Konzert im Stehen verfolgen, weil die Sitzplätze nicht ausgereicht haben.

Vom großen Interesse war Orgelbauer Matthias Wagner mehr als überrascht: So manche Zuhörer mussten das Konzert im Stehen verfolgen, weil die Sitzplätze nicht ausgereicht haben.

Foto: Michael May

Iserlohn.  Auch zum Abschluss der Einweihungskonzerte ist das Interesse in der Bauernkirche riesengroß.

Die Nachsorge gehört dazu. Seit dem 6. Dezember steht die neue Grenzing-Orgel nun spielbereit in der Bauernkirche, abgeschlossen ist das Projekt für die Orgelbauer aber immer noch nicht ganz. Matthias Wagner, der die Orgel wochenlang intoniert und damit zum Klingen gebracht hat, besucht sämtliche Konzerte mindestens im ersten halben Jahr, um mit spitzen Ohren zu prüfen, ob alles so klingt, wie er sich das vorstellt, oder ob er noch hier und da nachbessern muss. Ein paar Pfeifen hatte er auch vor dem Konzert am Sonntagnachmittag noch bearbeitet, aber nichts, was ihn großartig überrascht hätte.

Beim Konzert von Dmitri Grigoriev war der erfahrene Orgelbauer dann aber doch mehr als überrascht – nicht über den Klang, sondern über den riesigen Andrang: Die Kirche war restlos ausgefüllt, fast schon überfüllt. Einige Besucher standen am Rand, um die neue Orgel in Aktion erleben zu können. „Ich habe schon viel erlebt“, sagt Wagner, „ein so hohes Interesse in einer Stadt an einer neuen Orgel aber noch nicht“.

Stücke wie für das neue Instrument gemacht

„Noëls des alten und neuen Frankreichs“ hatte Dmitri Grigoriev in sein Programm genommen, also passend zur weihnachtlichen Freudenzeit, in der wir uns ja nach wie vor befinden, Bearbeitungen und Variationen über hier wenig bekannte Weihnachtslieder aus dem französischen Barock und der Moderne. Das hat der 40-jährige aus St. Petersburg stammende Kreiskantor des benachbarten Kirchenkreises Lüdenscheid, der die neue Grenzing-Orgel als Orgelsachverständiger der Landeskirche mit konzipiert und begleitet hat, nicht ohne Grund getan. Schließlich ist die neue Orgel nach französischen Vorbild gebaut worden, und die vielen kurzen Stücke, die er ausgesucht hatte, waren wie dafür gemacht, die vielen Farben und all ihre klanglichen und technischen Möglichkeiten zu präsentieren.

Die sind für Iserlohn und die hiesige Orgellandschaft und Hörgewohnheiten dann tatsächlich auch sehr ungewohnt: die enorme Fülle an charakterstarken Solostimmen, die vielen Zungenregister mit den scharfen Trompeten an der Spitze, die schwebenden Akkorde vom Fernwerk hinter dem Altar, die raffinierten Echoeffekte, metallische Pfeifen, die fast an ein Glockenspiel erinnern, und immer wieder warmen und beeindruckend kräftigen und grundtönigen Streicher-Register. Dazu die verspielte Musik, die in den Barockstücken von Dandrieu fast altertümlich erscheint und in den moderneren Werken oft ins Atonale spielt: All das ist für unsere, mit Bachschen Barockorgeln groß gewordenen Ohren, höchst ungewohnt, neu und hat am Sonntag immer wieder für staunende, überraschte und auch sehr freudige Gesichter im Publikum gesorgt – eine ganz neue Faszination für Orgelmusik.

Der ganz große Genuss soll auch noch folgen

Allerdings war dem Publikum auch anzumerken, dass bei diesem allzu kleingliedrigen und nicht gerade unanstrengenden Programm, das sich immer wieder in sehr leisen und zarten Klängen verlor, der ganz große Genuss, den ein Orgelkonzert natürlich irgendwo auch bieten sollte, ein wenig zu kurz kam. Erst die eigene Improvisation von Dmitri Grigoriev über das Lied „Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt“ bot in dieser Hinsicht Befriedigung – allein, weil es sich um eine bekannte Melodie aus dem Gottesdienst handelte, weil es in bekannten Formen, unter anderem in einer Fuge, verarbeitet wurde, und weil Grigoriev es hier auch einfach mal richtig krachen ließ.

Natürlich war das Konzert eine großartige Leistung und eine erneut eindrucksvolle Demonstration der schier unendlichen Möglichkeiten des neuen Instruments. Aber auch die Verantwortlichen von der Orgelstiftung waren sich hinterher einig, dass jetzt, da die offiziellen Einweihungskonzerte abgeschlossen sind, auch mal etwas für das Publikum kommen muss, vielleicht doch mal mit Bach und Mendelssohn so richtig zum Genießen.

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