Interview

Die Chance auf einen bedeutenden Tod

Ob an Land im Theater oder im Segelboot auf dem Atlantik – der erfahrene Schauspieler und Jung-Regisseur Boris Aljinovic hat zumindest nach außen wahrlich die Ruhe weg.    

Ob an Land im Theater oder im Segelboot auf dem Atlantik – der erfahrene Schauspieler und Jung-Regisseur Boris Aljinovic hat zumindest nach außen wahrlich die Ruhe weg.    

Foto: Thomas Reunert / IKZ

Iserlohn.  Eigentlich sollte es ein Gespräch mit Boris Aljinovic über Theater, Tatort und Talent werden. Doch plötzlich war da diese „Seefahrt“ . . .

Hauptbühne, Iserlohner Parktheater. Ich bin mit Boris Aljinovic verabredet, der hier für die Premiere von „4000“ probt. Seine erste Regiearbeit. Natürlich kennt ihn die Fernsehwelt als Berliner „Tatort“-Kommissar, auch wenn das schon ein paar Jahre zurückliegt. Aljinovic sieht mich, kommt auf mich zu und sagt: „Ich weiß Bescheid. Ich gehe mal eben für kleine Jungs, dann rauche ich eine und dann geht’s los.“ Wir treffen uns ein paar Minuten später in der Galerie. Da weiß ich noch nicht, dass das gleich eines der spannendsten und gediegensten Interview-Gespräche der letzten Jahre werden wird. Vielleicht liegt’s ja an den zwei Seefahrer-Herzen?

Herr Boris Aljinovic, wir können und sollten Ihre 13 Jahre und 31 Fälle als Tatort Kommissar in Berlin nur streifen. Aber dennoch brennt natürlich die Frage unter den Nägeln: Sind Sie nun tot oder nicht?

Nee, ich habe offiziell überlebt. Es gibt ja ein Youtube-Video, dass auf spaßige Weise sagt, dass ich ein Jahr später mit der Hellseherin angeln bin.

Sie haben auf die Frage, ob Sie noch einmal in einem „Tatort“ mitmachen wollten, gesagt: „Wenn man mich fragt, warum nicht? Am liebsten natürlich als Mörder.“ Ist das noch Stand der Dinge?

Ich habe darüber noch nicht wieder nachgedacht. Um ehrlich zu sein, bin ich da ganz offen, habe eigentlich gar keine Meinung dazu, denke da gar nicht drüber nach. Außerdem muss man ja auch zwischen zwei Fragen unterscheiden: Möchten Sie noch einmal „Tatort“-Kommissar sein? oder Möchten Sie noch einmal in einem „Tatort“ in einer schönen Rolle mitspielen?

Und noch eine Rückblick-Frage: Sie machen für sich keinen Unterschied zwischen Goethe und Karl May. Sind oder waren Sie im Grunde Ihres Herzens aber lieber Kommissar Felix Stark oder doch eher Zwerg Cloudy? Eher also der E-Typ oder der U-Typ?

Ich kann E und U nicht wirklich unterscheiden. Unterhaltung gehört zur Kultur. Kultur unterhält mal auf diese oder auf jene Weise. Bei einem U oder was damit gemeint ist, muss man aufpassen, dass man nicht zu viel allgemeine Verdrossenheit fördert, sondern auch an die Möglichkeit der Aufklärung licht, hell und fröhlich denkt. Bei E muss man aufpassen, dass man das U nicht vergisst.

Sie sind Sohn eines kroatischen Kochs und einer deutschen Mutter, wollten eigentlich Comiczeichner werden. Macht Schauspieler-Prominenz und Erfolg am Ende eher süchtig oder eher demütig?

Am Ende ist es wie mit einer Entwicklungskurve der Meisterschaft. Jeder fängt an mit einem irrsinnigen Selbstbewusstsein und wenig Kenntnis. Das baut sich dann ziemlich tief ab und das Sich-sicher-sein wird am Ende nie wieder so hoch wie am Anfang. Das kann man auch als Demut vor den Risiken beschreiben. Es ist einfach Erfahrung.

Sie werden zeichnerisch-künstlerisch mit den Legenden „Tim & Struppi“ von Hergé verglichen. Bescheidenes Abwinken oder doch eher fröhliches Zustimmen?

Da ich weiß, dass Hergé ungefähr zwei Jahre an einem Comic gesessen hat und wenn man die Fotos kennt, wie viele Menschen an so einem Comic dann doch gearbeitet haben – das ist ja schon wie ein Filmprojekt. Also würde ich alleine zuhause fünf Jahre sitzen oder mehr. Und ich müsste auch eine richtig tolle Geschichte haben. Es ist nett, dass man mein Zeichentalent da vergleicht, da freue ich mich. Aber auch da bin ich sehr demütig.

Ihr Sohn hatte gerade sein Abitur gemacht, als Sie mit ihm zu einer „Mannwerde-Tour“ aufgebrochen sind. Für so etwas gehen andere in den Wald, Sie sind auf’s Meer gegangen, haben sich dabei „sogar seelisch nackig gemacht“. Eine harte Prüfung für Sie?

Das war sicherlich eine harte Prüfung für uns beide. Nach Island zu segeln ist auch kein Pappenstiel. Aber wir wollten es so und wir wollten, dass wir stolz aufeinander sind und dass wir es zusammen schaffen. Und es war ein richtig, richtig toller Törn.

In einer Segel-Auszeichnung samt Urkunden wurde Ihnen ein hohes Maß an „Schiffsführerkompetenz, seemännisches Stehvermögen und Disziplin“ bescheinigt.

Wow, das haben Sie gelesen? Ja, aber ich habe mir die Frage gestellt: Woher hat der gebürtige Berliner das? Waren es mal wieder Gene? Die schlichte Nähe zum Wannsee? Wenn wir früher in Kroatien Urlaub machten, gab es schöne Buchten, ich hatte immer kleine Bötchen. Und später sah ich wie jemand auf seinem Schiff die Espressotasse abstellte und ins Wasser sprang. An einer Stelle, wo wir vorher zwei Stunden mit dem Auto hingefahren waren. Und da dachte ich: Das will ich auch machen! Und wusste überhaupt nicht, wie das geht, ging dann in Berlin zu einer Segelschule und sagte: „Ich möchte das machen!“ Und der Lehrer sagte: „Skipper werden?“ Und ich sagte: „Ich habe keine Ahnung, was Sie damit meinen, aber wenn es das sein soll…“ Und dann ging das los. In der ersten Unterrichtsstunde hatte man mich auf dem Wannsee vergessen, ich hatte das ja noch nie gemacht. Also bin ich ein bisschen rumgefahren, habe mal links gezogen und mal rechts und bin nach zwei Stunden an den Steg zurückgesegelt. Und ließ die Segel los und das Boot stand da.

Im Sommer 2015 segelten Sie im Atlantik von Lanzarote vorbei an Madeira und den Azoren in den englischen Kanal, in die Nordsee und von dort über die Elbe nach Hamburg. Und das überwiegend einhand auf ihrer 9,75 Meter langen Jacht „Dill“. Da muss man schon ein bisschen speziell drauf sein und auch an Einsamkeit Spaß haben, oder?

Zunächst einmal ist das Einhand-Segeln ein ziemlich schwieriges Thema. Die einen sagen, es sei unverantwortlich. Andere kennen Moitessier, Robin Knox-Johnston und all die Großen, die das gemacht haben. Man muss medizinisch ausgebildet sein, auch in Fragen des Schlaf-Rhythmus. Es ist extrem erforderlich, dass man Kontakt hat, wenn man ihn braucht.

Hat man da draußen mehr Raum und Zeit für Fantasie?

Weiß ich nicht. Ich schreibe gern Reiseberichte an meine Freunde, die wohl auch gern lesen. Ob das nun Fantasie ist … Die Träume sind der Hammer.

Das meine ich, da kann man doch über das Leben und über sich prima nachdenken.

Ja, ich musste mal eine schwere Entscheidung treffen, bin von Island allein zurückgesegelt bis Färöer. Eine ekelige Ecke, kalt, ich war erschöpft und habe gedacht: das Meer ist eigentlich immer schön. Es ist ja nicht böse. Es kümmert sich überhaupt nicht um mich. Und diese Größe ist eigentlich nur unüberbietbar mit seiner Schönheit, wo es alles Leben nimmt und gibt. In dem Moment, wo man drauf ist, versteht man das sinnlichst. Und ich dachte in dem Moment: Wenn ich jetzt scheiße baue, ist es schlimm. Aber wenn mich dann das Meer mitnimmt, ist das jetzt auch normal. Das war ganz toll. Aber es ist ohnehin ein Zustand, wo in der Übermüdung Sachen passieren, wo ich mit dem Theater-Adrenalin keinen Millimeter weiterkomme. Und dann nimmt sich der Körper emotionale Zustände. So einen Pegel zwischen Wut und weichster Romantik.

Wie groß sind Ihr Mut und Ihre Risikobereitschaft, wenn man von Ihnen Sätze liest wie „Wer jetzt vor Grönland im eisigen Wasser vom nächtlichen Sturm erwischt wird, hat gute Chancen einen bedeutenden Tod zu sterben.“

Keine Ahnung. Diese Welt ist so. Ich versuche ein guter Seemann zu sein, wenn ich auf See bin. Und das ist nicht wie im Theater, wo es warm und trocken ist und wo höchstens mal buhende Zuschauer sind. Da draußen gibt es nur schwarz und weiß, ja und nein und eine Endgültigkeit, die einem Respekt einflößt, den ich genieße.

Ist das Leben in Berlin ähnlich aufregend wie das Leben auf und am Wasser. Oder nährt es dann den Fluchtrieb auf Wasser?

Es nährt eher den Fluchttrieb, aber Berlin ist und bleibt meine Heimat- und Lieblingsstadt.

Noch einmal zur Karriere: Die hat ja eigentlich mit einem Ghettoblaster mit Mikrofon im Kinderzimmer angefangen. Damit konnte man Musik sogar langsamer und schneller abspielen.

Mein Gott, was Sie alles wissen. Ja, wir haben im Kinderzimmer gezeichnet, Hörspiele gemacht, kleine Filmchen gedreht, uns Abenteuergeschichten ausgedacht. Und das war uns auch klar, dass wir irgendwie künstlerisch werden wollten. Paule, mein Buddelkastenfreund, ist ein super Grafiker geworden und ich bin den anderen Weg gegangen.

Stimmt es, dass es noch eine geheime Box mit ersten Ton-und Bilddokumenten im Keller gibt?

Nicht im Keller, aber oben im Regal.

Ihr erster Theaterkontakt war „Wallenstein“, Schrecken aller Deutschschüler?

So war es auch.

Hat das was bei Ihnen ausgelöst?

Ja. Es ist schon erstaunlich, wie öde Theater sein kann. Ich sage das in weitem Abstand meiner Jugenderinnerung mit großem Respekt.

Sie sagen: „Ich bin sehr dafür, ab und an zu scheitern. Gegen die Wand laufen ist immer dann toll, wenn man wieder aufsteht.“ Taugt das als Lebensmotto?

Ja, man lernt ja nur durch Fehler. Man kann nicht sagen, man lernt nur durch Verbrechen, dass das falsch ist. In dieser moralischen Kategorie ist das nicht, aber Fehler gehören dazu. Wie der Lehrer oder Partner damit umgehen, wie man das vermeidet oder auch nacharbeitet, das ist wichtig. Und auch das ist eine Kulturaufgabe.

Es gibt oft Aufträge oder Kollegen, die Ihnen zwar hoch interessant erscheinen, die Sie aber nicht verstehen. Liegt das an den Aufträgen oder an Ihnen?

Ich gehe immer erst einmal davon aus, dass das an mir liegt. Es kann ja sein, dass ich eine völlig falsche Grundannahme mitbringe, die die Betrachtung einer Sache unmöglich macht.

Würden Sie in der heutigen Zeit in einer Neuverfilmung oder Neuauflage von „Noch ist Polen nicht verloren“ den Adolf Hitler noch einmal spielen? Auch um zu zeigen, ich zitiere Sie, dass „selbst die eitelste Gruppe an Menschen – nämlich die Schauspieler – nicht so dumm sind, wie diese scheiß Nazis“?

Ich finde das Stück immer noch toll. Ich finde toll, dass dieses Stück eigentlich um die Eitelkeiten geht. Die einen haben eine böse Eitelkeit, die anderen haben eine kindliche, schützenswerte Eitelkeit. Die einen merken’s nicht mal mehr. Sie merken nicht mal, dass sie eitel sind. Das macht sie nach außen so komisch, und das macht sie im Leben so gefährlich.

Stichwort Prominenz: Sie wirken eigentlich eher ruhig, um nicht zu sagen schüchtern. Hat das mediale „Tatort“-Getöse Sie eher gestört oder befriedigt? Sie haben in dem Zusammenhang auch mal von einer geliehenen Situation gesprochen.

Der Mythos, der projiziert wird, ist man ja nicht selber. Als Marketinginstrument muss man damit umgehen. Was auch erwartet wird von dem Produzenten. Ich bin ja auch im Nachhinein absolut stolz auf das, was wir uns erarbeitet haben.

Sie haben sich in den letzten Jahren viel mit steinalten, isländischen Sagen befasst. Warum das nun wieder? Ist bei Ihnen nichts normal?

Nein! Ich sage es aber jetzt mal in neu-hochdeutsch: Die isländischen Sagen sind die geilsten Comic-Geschichten, die man sich vorstellen kann. Das ist ein ungeheuer witziger, krachender Sagenstoff. Nautisch und literarisch einfach geil.

Sie bestreiten hier in Iserlohn Ihre erste Regie-Arbeit. Wenn Sie jetzt zeichnen müssten, würde das Bild lustig oder angespannt ausfallen?

Im Moment fühle ich mich müder als gedacht. Ich freue mich, dass ich nicht mit auf Tournee fahren muss, denn da gehe ich segeln und schlafe mal ein bisschen mehr.

Was war Ihre bisherige eigene Einstellung zu Regisseuren?

Ich habe in der Zeit zwei Regisseure angerufen und mich herzlich entschuldigt.

Haben Sie Angst vor Buhrufen?

Wäre nicht schön. Es ist nicht der Versuch, das zu erreichen. Ich hoffe für die Schauspieler, dass die Leute sie lieben.

Womit wir noch einmal bei Grönland oder den Azoren wären. Wovor haben Sie überhaupt Angst?

Komisch, oder? Manchmal hat man immer Angst und dann heißt es, es ist Mut. Ich habe einen Wahnsinns-Respekt. Manchmal ist Angst lächerlich, bei anderen Sachen nicht. Man muss eben immer gehörig Ausguck halten.

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