Parktheater

Den sensiblen Spagat gemeistert

Das Stück „4000 Tage“ feierte Tour-Premiere im Parktheater.

Das Stück „4000 Tage“ feierte Tour-Premiere im Parktheater.

Foto: maximilian karacic

Iserlohn.  Ein weiteres Mal diente dass Iserlohner Parktheater als Premierenort für eine Theaterproduktion. Diesmal für die ernste Komödie „4000“.

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Welch ein großartiger Start ins Theaterjahr 2020 war das am Samstag, als im fast ausverkauften Haus auf der Alexanderhöhe die Premiere des Stücks „4000“ perfekt über die Bühne ging. Theaterdirektor Johannes Josef Jostmann hatte bei seiner Begrüßung wahrlich nicht zu viel versprochen und auch noch einmal mit Stolz betont, dass eben wieder einmal das Iserlohner Parktheater dafür auserwählt worden war, Premieren-Stätte für ein deutsches Tournee-Theater zu sein. Ein Zeichen auch für die ausgezeichnete Technik, die das Haus zu bieten hat, aber besonders – so sagte Jostmann – wegen des fantastischen Publikums.

Und das erlebte die deutsche Erstaufführung eines modernen Boulevard-Stücks, das nicht auf den schnellen Schenkelklopfer setzt, sondern auf hintersinnigen, auch schwarzen Humor, auf Momente, in denen sich die Zuschauer vielleicht sogar wiedererkennen können in diesem emotionalen Dreiecks-Spiel.

In dieser „ernsten Komödie“ erzählt der weltweit erfolgreiche West-End- und Broadway-Autor Peter Quilter die Story von Michael, der nach einer Hirnblutung ins Koma fällt und der sich, als er wieder aufwacht, an das, was er in den vergangenen elf Jahren – oder 4000 Tagen – er- und gelebt hat, nicht mehr erinnern kann. Erst recht nicht an seinen Partner Paul, mit dem er seit dieser Zeit zusammen ist, und der seiner Mutter ein Dorn im Auge ist.

Welche Erinnerungen sindwahr, welche Hirngespinste?

Aus dieser Grundsituation heraus entwickelt sich diese spannende Geschichte um besitzergreifende Mutterliebe auf der einen Seite und einen Lebenspartner auf der anderen, der ebenso eigensüchtig seinen Geliebten verformt hat, aus dem brotlosen Künstler einen gelangweilten Versicherungsmann gemacht hat, und ihm damit seiner eigentlichen Lebenssinns beraubt hat. Während Paul versucht, Michael mit Zeitungsartikeln und Fotos die verlorenen Jahre in Erinnerung zu rufen, versucht Mutter Carola die „vergeudete“ Zeit zurück zu drehen. Aber welche Erinnerungen sind wahrhaftig, welche nur Wunschvorstellung oder Hirngespinste?

Für das Ensemble um Boris Aljinovic, der selbst ein bekannter Theater- und Fernsehschauspieler ist und der am Samstag erfolgreich seine Premiere als Regisseur feierte, stellt dieses spannende Psychogramm, in dem es auch um den sensiblen Spagat zwischen einem ernsten Thema und seiner unterhaltsamen Umsetzung geht, eine echte Herausforderung dar. Und die meistern Mona Seefried (auch bekannt aus der TV-Serie „Sturm der Liebe“) als Mutter Carola, Matthias Herrmann – er spielte unter anderem Rechtsanwalt Dr. Voss in der ZDF-Serie „Ein Fall für Zwei“ – als Paul sowie Raphael Grosch als Michael bravourös mit schauspielerischer Leichtigkeit und emotionaler Tiefe.

Kurze Schnitte und geschickte Tempowechsel

Behutsam gehen sie mit den Charakteren um, schaffen witzige Momente ebenso wie die der Rührung. Und Boris Aljinovic, der übrigens die Rolle des Michael bei der deutschsprachigen Uraufführung im Hamburger St.-Pauli-Theater selbst gespielt hat, wählte dieses Kammerspiel sicher nicht ohne Grund für sein Regie-Debüt. Mit geschickten Tempowechseln, einer klaren Choreografie, mit kurz geschnittenen Szenen aber auch mit Zeit, um mit Hintergrundmusik und Klangeffekten Stimmungen aufzubauen, versteht er es, die Zuschauer in die Geschichte zu ziehen. Und wer ganz aufmerksam zuschaut, dem fällt auch schon der erste „laufende Witz“ hinterm Fenster zum Krankenhausflur auf, spätestens aber der zweite, als sich ein Arzt einen Schluck aus dem Flachmann genehmigt.

Das Ende der Geschichte übrigens ist bittersüß. Michael, der sein Krankenzimmer in ein chaotisches Gesamtkunstwerk verwandelt hat und der zurückgekehrt zur Kunst und damit seinem Lebenselixier, ist plötzlich ein gefragter Mann, die Liebe zu Paul ist (neu) entfacht – und Mutter Carola? Sie steht schließlich allein da, aber trägt’s mit Würde und Fassung. Schließlich will eine liebende Mutter stets das Beste für ihr Kind.

Mit viel Applaus und mehreren Vorhängen endete die Premiere, beste Voraussetzungen und gutes Omen für die nun startende Tournee.

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