Bilder zu Verführung und Vergänglichkeit

Dr. Sandra Hertel (li.) hält ein Bild aus der „pornographischen Sammlung“ in den Händen, Claudia Eckart-Schiffer den Danzturm.

Dr. Sandra Hertel (li.) hält ein Bild aus der „pornographischen Sammlung“ in den Händen, Claudia Eckart-Schiffer den Danzturm.

Foto: maximilian karacic

Iserlohn.  Das Stadtmuseum zeigt Werke des Iserlohner Malers Paul Kühlmann – erstmals auch aus der „pornographischen Sammlung“.

Wenn Claudia Eckart-Schiffer von ihrem Großvater erzählt, dann leuchten ihre Augen. Denn ihr Opa Paul Kühlmann (1890-1974) muss gleichermaßen fantasie- und liebevoll, kreativ und witzig gewesen sein. Hauptberuflich war er als Kreisamtmann im Einsatz, seine Leidenschaft galt jedoch eindeutig der Malerei. Als Autodidakt hatte er schon als junger Mann berühmte Gemälde kopiert, später widmete er sich Motiven aus Alt-Iserlohn und malte für seine „pornographische Sammlung“.

Etwa 100 Bilder von Paul Kühlmann hatte Claudia Eckart-Schiffer dem Stadtmuseum 2017 als Dauerleihgabe überlassen, jetzt wird eine Auswahl präsentiert. Zuletzt waren seine Stadtansichten 1985 in der damaligen Galerie Ballauf an der Laarstraße zu sehen, einer weiteren Ausstellung hatte seine Frau eine Absage erteilt. Nun hat Museumsleiterin Dr. Sandra Hertel etwa 30 Bilder ausgewählt, darunter auch „Pornographisches“, das ab Donnerstag, 23. Januar, erstmals zu sehen sein wird.

Claudia Eckart-Schiffer lebte mit ihrer Mutter in Bonn, kam aber regelmäßig nach Iserlohn, um die Großeltern zu besuchen. „Ich habe ihn total bewundert, es war für mich das Größte, wenn wir nach Iserlohn kamen“, erinnert sie sich. Das „Herrenzimmer“ ihres Opas habe immer nach einer Mischung von Zigarrenrauch, Terpentin und Firnis gerochen. Die kleine Claudia durfte dann auch selbst an die Staffelei und sich darauf austoben. Oft gab es Ausflüge in den Wald und Spaziergänge durch die Stadt.

Empörte Sprüche beim Zeichnen des Hochhauses

Kühlmann zeichnete schmale Gassen, kleine Plätze und schiefe Häuser – sein Bild von Alt-Iserlohn zeigt eine eigene, vergangene Welt. Er hielt fest, was ihm charakteristisch für seine Heimatstadt erschien. Aber er war auch kritisch unterwegs, beispielsweise, als die Pläne für das Hochhaus an der Peterstraße öffentlich wurden. Seine Tochter Rita erinnerte sich später, wie der Vater „begleitet von empörten Sprüchen“ seine Skizzen angefertigt hatte. Seine besondere Aufmerksamkeit galt nicht den markanten und repräsentativen Gebäuden, sondern den Nebenstraßen und damit der alltäglichen Lebenswelt der Iserlohner.

Claudia Eckart-Schiffer hatte sich von ihrem „Opi“, wie sie ihn nannte, einmal ein Bild des Danzturms gewünscht, mit den Worten: „Wenn ich wieder in Bonn bin, habe ich dann vielleicht nicht mehr so große Sehnsucht.“ Erfüllt wurde diese Bitte, allerdings wurde das Bild erst nach Kühlmanns Tod in seinem Arbeitszimmerschrank gefunden – verschnürt in Packpapier, mit der Aufschrift „Für Claudia“. Seitdem begleitet der Danzturm sie an jeden Wohnort. „In der Ausstellung wird er aber nicht zu sehen sein“, sagt Dr. Sandra Hertel.

Auch sie ist fasziniert von der Vielschichtigkeit der Kühlmannschen Kunst. Sind die Stadtansichten eher „menschenleer“, so zeichnete er für seine „pornographische Sammlung“ junge Frauen. Seine Damenporträts inszenieren das Verlockende des weiblichen Körpers, das sich dem Betrachter zufällig und spielerisch offenbart. Frauen, erhaben über die männliche Lust, und Männer, die ihren Begierden zum Opfer fallen. Zunächst erscheint der Blick Kühlmanns auf die Verführung der Geschlechter veraltet, offenbart aber beim näheren Hinsehen ein komplexes Rollenspiel. Der rote Faden dabei ist ein Strumpfband. Vor seiner Tochter Rita, so berichtet die Enkelin, habe er diese Bilder immer verborgen. „Sie wusste nur, Vater hat so eine Sammlung, beim späteren Betrachten war sie fast enttäuscht“, erzählt Claudia Eckart-Schiffer mit einem Lächeln.

Bettlaken stibitzt und als Leinwand zweckentfremdet

Sie kann jede Menge weitere Anekdoten über ihren „Opi“ erzählen, beispielsweise, dass er der Oma oft die „guten“ Bettlaken stibitzt habe, weil keine Leinwände vorhanden waren. Im Gegenzug verkaufte die Großmutter heimlich einige der Werke, die sich irgendwann unter dem Ehebett und auf dem Kleiderschrank gestapelt hätten. Zum Glück nur einen kleinen Teil davon . . .

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